Dr. Erich LAWETZKY:
Alte ermländische Bauernfamilien

Schon als Schüler beschäftigte ich mich mit Ahnenkunde, forschte unermüdlich nach meinen Vorfahren und schrieb alles auf, was ich von meinen Eltern Großeltern und Verwandten erfahren konnte. Dieser Liebhaberei bin ich treu geblieben und habe im Laufe vieler Jahre eine der größten Ahnenlisten des Ermlandes zusammen- getragen. Das umfangreiche Material ist erhalten geblieben. Nur die zahlreichen Veröffentlichungen des Ermländischen Geschichtsvereins sind leider in Heilsberg geblieben.
Das Ermland war reich an Quellen zur Geschichte seiner Ortschaften und alteingesessenen Familien. Eine unerschöpfliche Fundgrube war das Frauenburger Diözesanarchiv. Frau Dr. TRILLER-BIRSCH-HIRSCHFELD und mein alter Studiengenosse Landrat Dr. HIPPLER haben mir viele Archivfunde zur Geschichte meiner Familie mitgeteilt.

Mein Großvater väterlicherseits kam aus der Weichselniederung in das Ermland und heiratete hier in der Mehlsacker Gegend, wo er seßhaft wurde. Meine Mutter war eine geborene FOX. Ihre Familie hatte zweieinhalb Jahrhunderte in Podlechen gewohnt. Ein Zweig ging vorübergehend nach Sonnwalde. Wie meine Ahnenliste ergibt, bin ich mit fast allen Bauernfamilien der Mehlsacker Gegend verwandt.

Dauernd kommt dem Ahnenforscher zum Bewußtsein, wie viele Kriege, wie viel Not- und Unglückszeiten das Ermland im Laufe seiner 700jährigen Geschichte erdulden musste. Immer wieder werden die Ortschaften, besonders an den großen Durchgangsstraßen geplündert, gebrandschatzt und zerstört und die Bevölkerung gequält, verfolgt, dezimiert, ja stellenweise fast ganz ausgerottet.

Über Kriegsnot und Wiederaufbau im alten Ermland schreibt bereits Dr. SCHMAUCH im Ermländischen Hauskalender 1952 und kommt bis zum Beginn des Pfaffenkrieges. In diesem Krieg, 1478/1479, wurde besonders die Mehlsacker Gegend wieder schwer heimgesucht. Die nach dem 13jährigen Städtekrieg eben erst mit Bauern besetzten Dörfer wurden zusammen verwüstet. 27 Prozent der Zinshufen des Kammeramtes Mehlsack waren zu einer Wildnis geworden. Aber mit Mut und Gottvertrauen ging man von neuem an den Wiederaufbau.
Aus den Lokationsregistern, die viele Einzelheiten enthalten und für die Jahre 1517 bis 1519 eigenhändig von der Hand des damaligen Administrators Nikolaus KOPPERNIKUS, des großen Astronomen, geschrieben sind nenne ich nun einige Familien meiner Vorfahren Teils handelt es sich um Neuansiedlung, meist jedoch um Zuteilung wüst gewordener Ländereien zum alten Grundbesitz. Die spätere Schreibweise der Familiennamen sind in Klammern beigefügt.

1481 und 1487 werden in Heistern die Brüder Hans und Andreas SCHRÖDER (SCHRÖTER) genannt. Hans übernimmt 1483 eine Hufe.
1481 hören wir von einem früheren Bauer GRUW (GRAW) in Heistern,
1480 von Peter SCHULTE (SCHULZ), Sonnwalde. Er hat 1502 zwei Hufen inne.
1481 übernimmt Simon LUDTKE (LIEDTKE) in Hogendorf eine Hufe, die schon sein Vater besaß.
1483 werden die Kölmer KUHN in Kirschienen genannt. Sie sind Brüder.
1484 hören wir von Peter HENNING (HENNIG), Seefeld.
1486 übernimmt Andreas HOPPNER (HEPPNER, HÖPFNER) zu Sugnienen eine weitere Hufe.
1503 erhalten Michel und Jakob LANDECAU (LANGKAU) in Blumberg je zwei Hufen, nachdem Jakob bereits 1487 zwei Hufen angenommen hat. Ebenfalls zwei Hufen werden Hans MARQUYRDT in Mertensdorf übergeben.

Neues Unheil brachte der schreckliche Reiterkrieg, 1520 bis 1525, über das Land.
Folgende Heimatdörfer meiner Vorfahren lagen 1521 vollständig wüst:
Borrwalde, Eschenau, Frauendorf, Plauten, Rosengarth bei Mehlsack, Schönsee, Seefeld, das ganze Kirchspiel Sonnwalde und Woynitt.
Doch ist die Liste keineswegs vollständig. Weitere Unterlagen habe ich nicht zur Hand.
In Lichtenau lagen 1521 von 59 Hufen 41 unbewirtschaftet,
in Liebenthal gab es nur noch einen Wirt. Noch 1583 waren hier drei Hufen wüst. Erst 1596 wurde alles Land wieder bebaut. Lilienthal mit 56 Hufen hatte nur noch zwei Bauern.
In Lotterbach lagen zwei Drittel der Felder wüst.
Mertensdorf hatte 1521 nur einen Bauer, Sugnienen bei 50 Hufen zwei Wirte.
Schwirgauden war zur Hälfte unbebaut. Es dauerte viele Jahre, bis alles wieder mühsam aufgebaut und bebaut werden konnte.
Bereite 1527 erhalten von der Landesherrschaft die Gebrüder KRÜGER in Kl. Tromp 14 wüste Hufen zu kulmischem Recht "auf ewiglich zum Besitz".
Desgleichen übernimmt in demselben Jahr Gregor HOPPNER (HEPPNER), Sugnienen, zu seinen drei Hufen noch fünf wüste Hufen, die bis 1533 zinsfrei bleiben. Innerhalb der Freijahre hat er sie mit einem Bauern zu besetzen.
Jüngere Bauernsöhne, bisherige Kätner, Arbeiter und Auswärtige, konnten damals leicht eine wüste Bauernstelle übernehmen, zumal für längere Zeit Abgabenfreiheit stets gewährt wurde.
1581 werden in Eschenau dem Tewes (= Matthäus) ANHUTH vier Hufen zugeteilt.
Jacob AUGSTEN (AUSTEN) in Gedilgen erhält 1592 sein kulmisches Erbgrundstück.
1647 wird dem Georg AUSTEN die Besitzurkunde erneuert, die "durch die Ungunst der Zeiten" verlorengegangen war (Schwedenkrieg 1626-1635).
1598 werden ebenfalls die Handfesten für die Kölmer Jacob KRÜGER, Kl. Tromp und für Matthias SCHULTZ in Anticken erneuert.

Kaum war der Wiederaufbau beendet, da brauste der Erste Schwedenkrieg von 1626 bis 1635 über das Land. Besonders das mittlere und nördliche Ermland wurde arg verwüstet. Nach den furchtbaren Kriegsjahren war die wieder stark zusammengeschmolzene Bevölkerung verarmt und verwildert.
Im brandenburgisch-polnisch-schwedischen Krieg (Zweiter Schwedenkrieg) wurde das Ermland von 1655 bis 1660 durch dauernde Truppendurchzüge, Plünderungen, Brandschatzungen und Grausamkeiten wieder stark in Mitleidenschaft gezogen. Am schlimmsten hausten die Schweden. Aus den erhaltenen Bauernlisten der Bestandsaufnahme von 1660 ersieht man, wie viele Gehöfte besonders in der Mehlsacker Gegend abgebrannt waren, wieviel Land als Wildnis dalag. Dazu wütete die Pest. Überall herrschte große Not. Auffällig ist die in den Listen aufgezeichnete große Anzahl von Bauernwitwen, die nach dem Tode ihrer Männer die schwere Last der Bewirtschaftung ihrer Grundstücke übernommen hatten.
Marcus FOX, einer meiner Ahnen in Podlechen, ist - wie sich aus den erwähnten Bauernlisten ergibt - in den Kriegsjahren abgebrannt, ebenso sein Bruder Johann. Beide haben bisher noch nicht wieder aufbauen können. Andreas NIPPUT in Liebenthal ist pestkrank. Es würde zu weit führen, alle Kriegsfolgen hier einzeln aufzuführen.

1703 bis 1712 hatte das Land durch den Dritten Schwedenkrieg, auch Nordischer Krieg genannt wieder viel zu leiden. Die Schweden preßten das Letzte aus dem armen Volk heraus. Es herrschte große Hungersnot. Dann kam wieder die Pest, die Tausende hinwegraffte. In Plauten starben allein 55 Personen, in dem kleinen Seefeld 40 von etwa 120 Einwohnern. Ähnlich war es überall. Wenn man sich dieser furchtbaren Zeit erinnert, versteht man das alte Gebet erst recht: "Vor Krieg und Pest, Wasser- und Hungersnot bewahre uns, o Herr!" Lange ist die Erinnerung an die Schweden im Ermland erhalten geblieben. Noch in meiner Kindheit galten die Worte "Die Schweden kommen!" als Schreckensruf. -- Nachfolgend nenne ich aus meiner Ahnenliste eine weitere Anzahl altermländischer Familien. Jahrhunderte lassen sie sich meist in derselben Ortschaft oder unmittelbarer Nähe nachweisen. Mitunter heiratete ein anderer Sproß ein, wenn die männliche Erbfolge des Hofes durch Krieg und Seuchen erloschen war oder die älteren Söhne sich bereits in der Nachbarschart verheiratet hatten.

Wie man sieht, sind die Namen der aufgezählten Bauernsippen auch heute noch jedem Ermländer geläufig:

Nur einen Teil der zahlreichen Familien meiner Ahnenliste habe ich aufgezählt. Es handelt sich durchweg um Bauerngeschlechter.
Nun waren aber nicht alle meine Vorfahren Bauern. Es gab dabei auch Dorfhandwerker und Kätner, im Ermland auch Gärtner genannt, die allerdings, wie die Bauernlisten von 1660 ergeben, oft einen ansehnlichen Viehbestand besaßen. Nicht alle Bauernsöhne konnten Bauernhofe übernehmen, dafür waren oft die Zeiten zu schlecht. Einige mußten auch mit Kätnerstellen sich begnügen oder wurden Handwerker. Doch kommt es immer wieder vor, daß die Söhne von Kätnern oder Handwerkern wieder Bauernhöfe übernehmen. Aufstieg und Niedergang, Zeiten großen Wohlstandes und tiefster Armut, bedingt durch die wechselvollen Zeitverhältnisse, spiegeln sich in der Ahnenliste.

Die angeführten Jahreszahlen der ersten Erwähnung der Geschlechter haben nur bedingten Wert. Archiv- und Ahnenforscher werden manche der genannten Sippen noch weiter zurückverfolgen können. Unsere Vorfahren saßen ja vielfach schon lange auf ihrer Scholle, als die uns erhaltenen Dokumente und die Kirchenbücher zum erstenmal ihren Namen nennen. Überaus fesselnd würde es sein, die Geschichte einzelner Familien zu schreiben. Das würde wohl am besten mein alter Genosse aus der Braunsberger Pennälerzeit Landrat Dr. HIPPLER verstehen. Nach dem Tode von Herrn GERHARDT, dessen "Ermländisches Familienarchiv" leider verlorengegangen ist, ist Herr Dr. HIPPLER wohl zur Zeit der erste Ahnenforscher des Ermlandes. Er ist im Besitz zahlreicher Archiv- und Kirchenbücherabschriften und kennt die meisten alten Bauernsippen unserer Heimat.

Dr. Erich Lawetzky im Ermlandbrief Nr. 26, Weihnachtsbrief 1953,S. 8-10.

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