Reisebericht 1978

Eine Fahrt an die Stätten unserer Vorfahren in Ostpreußen

Am Tag vor unserer Abfahrt wurde Vati (Rudolf Woelky) von Otfried (Woelky) aus Kladow (Berlin-Spandau) abgeholt, Vati übernachtete bei Otfried, damit wir am nächsten Tag keine Zeit verlieren. Punkt 4:30 Uhr am 29.04.1978 stand ich dann vor Otfrieds Haustür. Vati und Otfried waren schon bereit, Dreilinden (Drewitz) war unsere erste Station. Hier mußten wir jeder ein Einreisevisa der DDR ausfüllen. Kosten DM 30,--. Für die Benutzung von 100 km Autobahngebühr DM 5,--. Die Kontrollbeamten waren überhaupt nicht behilflich. Wer hier nicht fragt, braucht viel Zeit um weiter zu kommen. Wir brauchten eine Stunde. Mit einem heftigen Regen verabschiedete sich Berlin. Um 7:30 Uhr erreichten wir Frankfurt/Oder. Der Grenzübergang mit seinen tristen Gebäuden sieht aus wie ein S-Bahnhof in Berlin. 15 Pkw standen vor uns. So erwarteten wir eine schnelle Abfertigung, Aber auch hier hatten wir uns getäuscht. Nur keine Hektik, heißt es allgemein außerhalb Berlins. Es wurde immer ein Pkw gemeinsam von DDR und Polens Grenz- und Zollbeamten kontrolliert, alle Papiere wurden durch ein offenes Fenster des Grenzgebäudes dem DDR-Beamten gereicht. Nach Durchsicht erhielt der polnische Zollbeamte unsere Papiere, Personalausweise, Visa, Devisenbescheinigungen, "Haben sie etwas zu verzollen?" kam seine Frage. Ich hatte u. a. ein Zielfernrohr in meinem Gepäck, daran dachte ich aber überhaupt nicht in diesem Moment. Ich überlegte kurz und sagte: "Eine Kiste Zigarren für den Opa (Klomfas)." "Sonst haben sie weiter nichts zu verzollen?" Ich verneinte, erhielt von dem Zollbeamten, der sich nicht von seinem Sitz erheben wollte, alle meine Papiere und konnte abtreten. Aufatmend fuhren wir auf den nebenan liegenden Parkplatz und benutzten alle noch einmal die Toilette. Hier sah ich auf dem Tellerchen des Toilettenmannes die ersten Zlotys. Ein Zahlungsmittel, mit dem man in Polen nicht viel anfangen kann.

Nun muß ich etwas Luft holen im weiteren Reisebericht, und ich werde unser Reisegepäck in groben Zügen aufzeigen. Von der Familie Klomfas, Berlin 65, Dualastr., hatte ich u. a. ein Zielfernrohr, zwei Plastiktüten mit Kleidung, drei Kartons mit kleinen Geschenken für die Angehörigen. Mein Gepäck bestand aus einem Koffer und einer Reisetasche, hinzu kamen drei große Plastiktüten mit Kleidung. Ein großer Teil wurde von Birgit (Woelky) vorher getragen. Nun kamen zwei große Reisetaschen von Vati und Otfried noch hinzu, Neben einem 5 ltr. Benzinkanister noch diverse andere Kleinigkeiten, Als Experte im Stapeln gelang es mir, dies alles in einem Kadett-City unterzubringen. Für die Kinder der Familien Kuryto und Klomfas hatte ich noch reichlich für Süßigkeiten gesorgt. Mehrere Schachteln Konfekt, Kekse, Bonbons und Kaugummi, Obst Kaffee und andere Dinge füllten zusätzlich unser Gepäck.

Jetzt möchte ich aber in meinem Reisebericht weiter fortfahren. Um 9 Uhr bei strahlendem Sonnenschein ging die Fahrt weiter. Am Grenzkontrollpunkt Frankfurt/Oder endete die Autobahn, Auf polnischer Seite führt eine asphaltierte Landstraße weiter. Eine Straßenbefestigung links und rechts entfällt. Ein eigenartiges Gefühl überkommt einem während der nächsten Stunden. Dieses weite Land, das Auge sieht nur endlose Felder, Wiesen und Wald, all diese Erde war einmal deutsch. Der Wahnsinn eines Diktators namens Hitler betrog Millionen von Deutschen um ihr Land und Heim. Mein erstes Erlebnis im heutigen ist uns im Jahre 1978, und dann noch als Stadtmensch, kaum vorstellbar. Ein Bauer zieht mit einem Einhandpflug, im Geschirr ein Ackergaul, seine Furche über ein endloses Feld. In welchem Jahr sind wir hier? Wo sind die Maschinen? Wo ist der alte Trecker? Wer die Augen offenhält, denkt sich wieder im Jahre 1950 zu befinden. Schon nach 4 km Fahrt zwingen uns winkende Leute zum Langsamfahren, Bei einem Auto sind zwei Männer und zwei Frauen. Sie wollen Zlotys gegen D-Mark tauschen. 1,-- DM gleich 50 Zlotys. Wir brauchen sie nicht und fahren zügig weiter. Kurz nach der Grenze könnten diese Leute durchaus Staatsbeamte sein, die dann Touristen des Devisenvergehens überführen. Unterwegs werden wir noch einmal von einem jungen Mann angehalten. Man vermutet eine Autopanne und hält an. "Du tauschen DM gegen Zloty?" Leider konnten wir diesem jungen Mann seinen Wunsch auch nicht erfüllen. Selbst bei dem Reiz, 70 Zlotys für eine DM zu erhalten. Durch unseren Zwangsumtausch haben wir selber ausreichend Zlotys in Kürze zur Verfügung.

Unsere Reiseroute fährt uns von Frankfurt/Oder über Swiebodzin (Schwiebus), Pniewy (Pinne) nach Poznan (Posen), Eine asphaltierte Landstraße ohne Nebenbefestigung führte uns bis Pinne. Dann teilt sich die Landstraße in eine zweiteilige Autobahn ähnliche Straße, die nach ca. 40 km in Posen endet.

Die Fahrt verlief bisher über ganz flaches Land, weite äcker, welche aber alle bestellt werden, einige kleine Wäldchen und Seen. So werden für uns auch die ersten Storchennester sichtbar. Man muß sie einfach als Großstadtmensch bemerken. Hier gibt es noch sumpfige Wiesen, sie sind und bleiben unverändert wie seit Generationen, und so wird auf einer dieser Wiesen der erste Storch beim Vorbeifahren gesichtet.

Meine Tankuhr rutscht langsam auf Reserve, und so konzentriert man sich auf eine Tankstelle. Aber keine Tankstelle in unserer Fahrtrichtung. Wir fahren sogar wieder einige Kilometer Richtung Pinne zurück, da ich der Meinung war, eine Tankstelle gesehen zu haben, Nichts von Tankstelle zu sehen. Also wieder nach Posen, Eine kleine Pause an einer Einfahrtsstraße. Wir holen Brot und Getränke hervor. Herrliches Wetter, frisches Grün der Sträucher und einige Frühlingsfalter lassen uns die Pause genießen, Nun drängelt Vati unsere Zwangsumtauschquittung doch in Zlotys einzuwechseln. Also hinein nach Posen. 0 je, welch ein Pflaster, die armen Stoßdämpfer. Posen besteht aus Altstadt, neuen Wohnsiedlungen, Straßenbahnen und Baustellen und immer wieder schlechte Straßen, Hinweisschilder und Ampelanlagen sind unscheinbar, und auch für gute Augen sind die Lichtsignale nur schwach zu erkennen. Straßenbahnen und die unzureichenden Straßen lassen im Zentrum den Fußgänger besser vorankommen als die Autofahrer. Es war Sonnabend gegen 13 Uhr. In der Sommerzeit wird die Uhr in Polen eine Stunde vorgestellt. Ein Reisebüro (Orbis) oder Bank aber wurde von uns nicht gesehen. Nur wieder heraus aus dieser ungemütlichen Stadt, und auf der jetzt wieder einfachen Landstraße Richtung Gniezno (Gnesen) geht es weiter.

Auf einem Parkplatz mit einem Hotel für Touristen wird gehalten, Dem nächsten Polen wird die Frage vorgelegt: "Gdzie jest nastepna stacja benzynowa"(Wo ist die nächste Tankstelle)?" Mit Fingern wird uns die Zahl vier angedeutet und ich sage: "Dobre (Danke)." So werde ich den ersten 24 ltr. Gutschein an der ersten polnischen Tankstelle los. Eine DM Trinkgeld wird dankend angenommen. Weiter geht die Fahrt über Strzelno (Strelno) Inovrroczaw (Hohenzalza), Torun (Thorn), Brodnicc@ (Strasburg) bis Nowe Miasto (Neumark). Hier wird wieder eine Tankstelle entdeckt. Wieder 24 Liter und eine DM Trinkgeld. Ja, Tankstellen sind echt selten und mit unseren Tankstellen nicht zu vergleichen. über Lubawa (Löbau) geht die Tour weiter nach Ostroda (Osterode). Wir sind schon in Ostpreußen. Osterode zeigt erste typische Merkmale deutscher Ordnung und Pflege. Selbst nach 30 Jahren noch an vielen Stellen erkennbar. In allen vorigen Ortschaften – ab einer gewissen Größenordnung – fehlte selbst der Bürgersteig. Osterode hat ihn . schon kam uns alles schöner und ordentlicher vor. Die Geschichte zeigt uns doch, daß Ostpreußen und speziell das Ermland fast immer deutsch waren. überragend in jedem Ort ist die Kirche. Sie wirkt fast überall wie eine uneinnehmbare Festung und Mahnmal für alle.

Bis hierher hatten wir eigentlich keine großen Probleme mit der Straßenbeschaffenheit. Unser Schnitt lag bei 70 km/h. Ein Verkehr wie bei uns hätte uns viele Stunden mehr gekostet. Gefährlich war jeder Bahnübergang. Im 1. Gang und mit viel Gefühl nimmt man hier eine Schwelle nach der anderen. Kommt uns einmal ein Zug entgegen, fühlen wir uns wieder in der Vergangenheit. Die liebe, alte Dampflokomotive beherrscht hier noch die Schienen. Von Osterode nach Olsztyn (Allenstein) – diese Straße sollte man meiden. 30 km/h waren hier die Grenze für unseren Wagen. Ein Umweg über Olsztynek (Hohenstein) ist zu empfehlen. Ha, aber wir haben es ja gleich geschafft. Immer noch bewundernswert ist die Haltung von Vati. Der Wagen bietet wirklich keine große Bewegungsmöglichkeit. Seit wir Ostpreußen erreichen wird die Landschaft auch schöner. Aus der eintönigen, flachen Ebene kommen wir jetzt durch sanfte, hüglige Gegenden. Es wechselt zwischen 200 und 400 Meter Höhe. Herrliche Landstraßen mit uralten Bäumen links und rechts der Straße, vorwiegend Linden, passen sich dieser Landschaft an. Ja, hier wäre es schon eher möglich einmal gewohnt zu haben. Wir schummeln uns schnell durch Allenstein – 26 km bis Dobre Miastro (Guttstadt) – danach wieder schöner Wald und noch weitere 20 km bis nach Lidzbark Warminski (Heilsberg).

Es ist 20 Uhr. Die Sonne ist gerade glühend rot untergegangen. Sie hat uns einen ganzen Tag begleitet und scheint sich jetzt zur Ruhe zu begeben. Wir aber müssen unser Quartier erst noch finden. Also anhalten und fragen. Ich steige aus und erwische einen Jungen, dem aber selbst durch Zeichensprache unser Wunsch nicht mitgeteilt werden kann, Die Nächsten sind ein Ehepaar mit Kind. Hier habe ich mehr Glück. Meine Frage lautet: "My sznkamy ulice Warzawska 26 (Wir suchen die Straße Warzawska 26)!" Nun muß man aber nicht denken, ich könnte polnisch sprechen. Einige Fragen habe ich von einer Klassenkameradin meiner Tochter Birgit ins Polnische übersetzen lassen. Als Auswanderin hat sie erst vor kurzer Zeit Polen verlassen. Dem Ehepaar ist die Straße bekannt. Um aber im Dunkeln dort hinzufinden, gäbe es bestimmt noch weitere Fragen. Kurzerhand lasse ich Otfried aussteigen und fordere den Einheimischen auf, im Auto Platz zu nehmen. Kreuz und quer werden wir durch die Stadt geleitet und stehen dann vor dem Hause der Familie Kuryto, Ich steige mit dem Einheimischen aus und auf unser Klopfen wird uns geöffnet. Es tauchen mehrere Personen aus der Dunkelheit auf. Der Eingang und auch der kleine Korridor sind nicht beleuchtet. Wir werden gleich links vom Eingang in ein kleines Zimmer geführt. Man unterhält sich in Polnisch mit den Einheimischen und ich melde mich in Deutsch zu Wort: "Wir sind jetzt alle hier aus Berlin!" Ich hole Vati aus dem Wagen und führe ihn ins Zimmer. Die Begrüßung wird von Frau Kuryto jetzt in Deutsch vorgenommen. Mehrere Familienmitglieder erscheinen, Frau Kuryto muß ich klarmachen, daß Otfried noch in der Kälte auf uns wartet. Man bedankt sich bei dem Heilsberger Einwohner, er erhält von mir ein Trinkgeld in D-Mark, und wir fahren zum frierenden Otfried zurück. Jetzt finde ich alleine den Weg zur Familie Kuryto. Gegen 21 Uhr sind wir im Quartier.

Die überraschungen nehmen für uns kein Endes Frau Kuryto teilt uns mit, ihre Tochter Krystyna könne uns zur Zeit nicht aufnehmen. Vorgesehen war die Unterkunft in der Neubauwohnung der Tochter. Ihr Mann liegt aber mit einer Lähmung der Wirbelsäule im Krankenhaus. Sie wäre mit ihrem kleinen Sohn Bartec alleine im Hause, und sie wissen doch ... die Leute ... eine Frau im Hause ... und dann drei Männer. Also auch hier sind wir noch nicht in einer Stadt, sondern in einem Dorf. Ich sehe drei fertig bezogene Betten in zwei neben einander liegenden Räumen verteilt und sage Kuryto, daß es uns gleich sein würde, wo wir schlafen könnten.

Wir haben zwei Räume von je ca. 15 qm Wohnfläche zur Verfügung. Frau Kuryto möchte uns noch gerne etwas anbieten, "Ich mache ihnen eine Brühe mit Entenklein und Nudeln," sagt Frau Kuryto. Damit sind wir einverstanden, haben wir doch den ganzen Tag nichts Warmes gegessen. Es dauert eine gute halbe Stunde ehe wir zu unseren Brühnudeln kommen. Die Kinder der Frau Kuryto haben sich derweil, bis auf .Arec und Jurec (17 und 15 Jahre alt), verabschiedet. Auch wir schlüpfen dann dankbar in unsere Betten.

30. April 1978

Um 5:30 Uhr ist für mich die erste Nacht vorbei. Die erste Nacht in einem fremden Bett verläuft immer kurz. Kalt ist es im Raum, noch kälter scheint es draußen zu sein, Ostpreußen ist für seine klare Luft aber auch für seine kalten Nächte und Winde bekannt. Ich schleiche nach nebenan zu Vati, seine wenigen Haare konnten seinen Kopf nicht warm halten. Eine Strickjacke wurde kurzerhand als Wärmeschutz verwendet. Otfried wird derweil auch wach und fragt nach der Uhrzeit. Sonst ist noch alles ruhig. Auch von der Straße kein Laut. Wir verweilen noch eine gute Stunde im Bett. Derweil schon rege Tätigkeit im benachbarten Zimmer. Hier auf einer Liege schlafen Arec und Jurec. Frau Kuryto wirtschaftet schon in der Küche. Aber wo hat Frau Kuryto geschlafen? Darauf weiß ich keine Antwort. Erst nach zwei Nächten schläft sie auch auf der Liege mit Areo. Jurec ist zu seinem Vater gefahren. Hier muß man erwähnen, daß Frau Kuryto seit einigen Jahren von ihrem Mann geschieden ist. Fau Kuryto ist im 5l. Lebensjahr und hat noch zwei Söhne zu versorgen. Sie erhält von ihrem Mann im Monat 1400 Zloty und noch weitere 1000 Zloty vom Staat zur Unterstützung. Ich wandere also durch den Schlafraum der Frau Kuryto in die Küche. Ein freundliches "Guten Morgen" der Frau Kuryto, in Morgenrock und Lockenwickler im Haar, wird von mir gutgelaunt erwidert. "Ich suche die Toilette," sage ich. Eine kleine Tür führt von der Küche zum vielseitigsten Raum der Wohnung, Waschstube, Toilette, Heizraum und Vorratsraum (Rumpelkammer) mit einer 25-Watt-Birne. Den Schalter berühre ich mit aller Vorsicht, hängen doch die Drähte hier ziemlich lose, ohne einen intakten Deckel zur Sicherung. Dieser Raum hat vielleicht ca. 4 qm.

So nach und nach folgen Otfried und Vati. Vati kommt mit seinem Nachtgeschirr. Es wird nun Wasser zum Waschen auf einem Gaskocher erwärmt Jeder erledigt seine Morgenwäsche, Rasur usw. Danach wird in Vati‘s Zimmer das Frühstück gedeckt. Hier entwickelt Fau Kuryto in den en Tagen eine Vielfalt von Varianten beim Frühstück. Sie bietet uns u.a. eingeweckte Gurken, äpfel, Sauerkohl, Wurst, Käse, Eier, Butter und Marmelade an. Alle Schätze aus einem abgeschlossenen Schrank. Beim Frühstück bereiten wird ihr kräftig geholfen. In den ersten Tagen übernehme ich diese Rolle. Dann ergreift auch Otfried die Initiative. Ohne unsere Hilfe hätten wir unser Frühstück vielleicht erst gegen Mittag. Diese Frau kann endlos erzählen und kommt dabei von einem Thema zum anderen. Vergißt dabei immer wieder ihr eigentliches Vorhaben. Damit Vati und wir auch einen guten Kaffee zum Frühstück haben, kommt hier der Aldi-Kaffee aus Berlin zur Verwendung. Leider hatte ich den Filter vergessen. Frau Kuryto hatte so etwas nicht in ihrem Haushalt. Sie ging mit mir zum Nachbarhaus zur Frau Malinowski. "Sie wird bestimmt Filter haben, sie hat nämlich Verwandte in Westdeutschland." Frau Malinowski ist eine gebürtige Deutsche und ist hier mit einem jetzt schwerkranken Polen verheiratet. Eine Tochter von 19 Jahren hat gerade das Abitur bestanden. Herzlich wurde ich auch hier empfangen und mit dem Gewünschten versorgt. Auch Büchsenmilch hatte ich aus Berlin mitgenommen. So kamen wir zu unserem ersten Frühstück. Auch Arec nahm bei uns Platz. Anschließend gingen wir mit ihm zur Kirche von Heilsberg (St.- Peter und Paul),

Es ist eine gotische Kirche aus dem XIV. - XV. Jahrhundert. Hier sind am Sonntag stündlich Messen. Wir hatten noch etwas Zeit bis um 12 Uhr die nächste Messe begann. So überquerten wir den Fluß Tyna (Alle) und fotografierten von hier aus die ersten Sehenswürdigkeiten dieser reizvollen Kleinstadt. Heilsberg hat heute eine Einwohnerzahl von 13 000. St. Peter und Paul liegt im alten Stadtzentrum von Heilsberg, Das Zentrum von Heilsberg erlebte im Laufe der Jahrhunderte verheerende Brände. 1865 brannte fast die gesamte Innenstadt aus. Der II. Weltkrieg hat auch hier bis auf die Grundmauern alles vernichtet. Dennoch können wir heute noch immer wieder jahrhundertealte Kirchen und Schlösser bewundern.

Unser Weg führt uns an die Ostseite der Stadt . Zwischen bewaldeten Hügeln liegt eines der ältesten und wertvollsten Denkmäler von Heilsberg, nämlich ein stattliches, gotisches Schloß, in der Gabelung des Flusses Alle (Tyna) und dessen Nebenflusses Symsarna gelegen. Als preußische Wehrsiedlung wurde es im XIII. Jahrhundert mehrmals zerstört. Ab 1350 wurde dann an dieser Stelle ein Baukomplex errichtet. Die ganze Anlace besteht heute noch aus dem Hauptteil der Burg (Residenz), der Vorburg (wirtschaftliche Vorgebäude) und Wehrmauern. Künstlich wurde hier auch ein Wassergraben angelegt. Lange Zeit war dies der Sitz der Bischöfe von Warmien (Ermland). Heute ist die Residenz Lidzbark ein Museum.

Nun wurde es Zeit in die Kirche zu gehen. Mit Arec betraten wir die riesige Pfarrkirche. Die dreischiffige, spätgotische Kirche und der Gesang der Polen nahm uns während der Messe gefangen. Zur Kommunion ging Vati ohne zu zögern zum Vorschiff der Kirche. Ich hatte keine Ruhe, ihn ohne Führung in dem doch für ihn dunklen Innenraum der Kirche zu lassen und folgte ihm. Später hörten wir von Frau Kuryto, daß uns einheimische Polen beobachtet hätten und die äußerung von sich gaben: "Das sind bestimmt gute Deutsche, die bei ihnen wohnen." Zu Mittag waren wir bei Frau Kuryto zu Tisch. Frau Kuryto und ihre Kinder sorgten für uns wie für liebe, alte Gäste. Butter, Milch, Eier, Enten, Hähnchen, Gehacktes, Schweinefleisch usw., es fehlte uns an nichts. Zum Kaffee wurden wir bei Frau Kurytos Tochter Krystyna erwartet. Ein jung verheirateter Sohn der Frau K. war mit Frau anwesend. Krystyna bewirtete uns mit Kaffee und Kuchen. Bei Rotwein hatten wir alle bis in den späten Abend ein nettes Beisammensein. Krystyna hat einen dreijährigen Sohn namens Bartec. An diesem Abend merkten wir nicht viel von unseren kalten Schlafräumen.

1. Mai 1978

Tag der Arbeit - in jedem Land von wechselhafter Bedeutung. An jedem Haus weht eine rotweiße Fahne. Nur unsere Wirtin hat noch nicht geflaggt. Eine zerknautschte Fahne liegt auch am nächsten Tage noch auf dem Küchentisch. Zum Bügeln war keine Zeit. Nach dem Frühstück fuhren wir über Guttstadt (Dobre Miasto) nach Allenstein. Unser Ziel ist heute die Familie Anton Klomfas in Nowo Marcinkowo (Neu Mertinsdorf). In Allenstein erwartet uns der erste Umzug von Arbeitern. Alle mit rotweißen Fähnchen in der Hand, schweigend ohne Musik, in Sechserreihen strebt man langsam irgend einem für uns nicht sichtbaren Kundgebungsplatz entgegen. Wir bilden mit unserem Auto für längere Zeit das Schlußlicht. Wir versuchen mehrmals auszuweichen, kommen aber immer wieder ins Gedränge. Mehrere Umleitungen führen uns dann endlich aus der Stadt. Wir erwischen aber die südl. Ausfahrtsstraße, anstatt die östliche, Ein kleines Päuschen für menschliche Bedürfnisse wird eingelegt. Wieder hinein nach Allenstein, ein Verkehrspolizist mit einigen Deutschkenntnissen weist uns gleich den richtigen Weg. über Wartenburg (Warczewo) geht es weiter in Richtung Bischofsburg (Biskupiec). Ridbach (Rzeck) soll unsere erste Station sein. Hier soll direkt an der Hauptstraße Herr Hubert Klomfas wohnen. Ein alter Herr und wie immer auch mehrere Kinder zeigen uns das Haus. Für Herrn K. habe ich doch ein Zielfernrohr aus Berlin mitgenommen. Dies will ich nun gleich loswerden. Von der Familie Hubert Klomfas ist aber niemand im Hause. Unser nächstes Ziel ist die Familie Anton Klomfas auf ihrem Bauernhof, ca. 3 km wieder Richtung Wartenburg liegt dieser Hof. Hier hat die Familie Klomfas seit fünf Generationen ihre Existenz. Von der Hauptstraße führt ein 'Feldweg über hügeliges Gelände. Gleich nachdem wir eine hölzerne Brücke überquert haben, lasse ich Vati und Otfried aussteigen. Der Weg ist zu schlecht, und der Wagen liegt zu tief. Für diesen ca. 1 km langen Zufahrtsweg sollte man einen Trecker benutzen. So fahre ich voraus. Hinter einem sanften Berg teilt sich der Weg. Rechts wird ein Bauernhof sichtbar. Ich folge dem Weg weiter geradeaus und finde in einer Senke gelegen den Bauernhof. Eine kurze Begrüßung erfolgt, und damit sich Vati und Otfried nicht in die verkehrte Richtung wenden, fahre ich wieder ein Stück zurück. Vati und Otfried waren schon im Begriff, den verkehrten Weg zu wählen. Ein kühler, frischer Wind hatte sie ganz schön durchgepustet.

Eine große Familie die "Klomfas". Die Begrüßung nahm kein Ende. Wir wurden sofort in die gute Stube gebeten. Hier war der Tisch bereits gedeckt. Wir mußten sofort Platz nehmen und bekamen ein hervorragendes Essen in mehreren Gängen vorgesetzt. Keiner wußte genau, daß wir heute zu Besuch kommen, und doch war man sofort der beste Gastgeber. Jetzt erfuhren wir, daß Hubert Klomfas uns in Gronau sucht. Man hatte beim Telefonieren mit Berlin den Ankunftsort ganz schön verdreht Der heutige Tag war zufällig auch noch der sechste Geburtstag der Tochter von Anton Klomfas jun.

Es dauerte nicht lange, da erschien Herr Klomfas auf der Türschwelle, mit einem "Sieg Heil" begrüßte er die Versammlung. Auch die Sätze: "'Wie sieht's aus im Reich," oder "kommen Sie gut heim in's Reich," zeigen uns, daß hier die Zeit noch still steht. Hubert Klomfas erhält sein Zielfernrohr, und auch sonst kommen wir uns heute wie die Weihnachtsmänner vor, für jeden ist etwas dabei, Kinder strahlen und werden sofort zutraulich, als sie ihre ersten Bonbons, Schokolade und Kaugummis erhalten. Opa Klomfas greift gleich zu einer Zigarre. "Sie bleiben doch hier, die Betten sind alle bereit, "sagt uns das Mariechen Klomfas. Wir müssen sie leider enttäuschen, versprechen aber, am Sonnabend den ganzen Tag und die Nacht zu bleiben, bis zu unserer Abfahrt nach Berlin. Der Heimweg bis Heilsberg wird mit Otfried am Steuer in 1 1/4 Stunden geschafft.

2. Mai 1978

Wir haben alle gut geschlafen. In der Nacht war es aber immer noch zu kalt in den Räumen. Frau Kuryto sagt, es würde so stark qualmen, der Schornstein sei undicht. Nach einem schönen Frühstück mit Ei packt uns nun der Drang, eventuelle Spuren unserer Ahnen zu erkennen, zu betrachten und zu fotografieren Zwei Dinge müssen wir aber dringend erledigen: 1. Polizeiliche Anmeldung, 2. unsere Umtauschquittung gegen Zlotys eintauschen

Jeder Tourist in Polen muß sich innerhalb von 24 Stunden polizeilich angemeldet haben. Am gestrigen Tage waren alle öffentlichen Gebäude geschlossen. Auf einer Polizeistation hatten wir gestern auch kein Glück, der Beamte am -Empfangsschalter konnte uns nicht verstehen. Ein Dolmetscher erschien nach einiger Zeit und machte uns klar, morgen zur Anmeldestelle zu gehen. Man war nett und zuvorkommend. Was mich überraschte, war die Eierhandgranate auf dem Tisch des Beamten. So begleitete uns erst heute Frau Kuryto zur Anmeldung. Aber die Anmeldung war nicht mehr im gleichen Hause, wie im Vorjahr. "Anmeldung jetzt im Rathaus," sagte man uns. Also nichts wie hin. Im Rathaus helfe ich Frau Kuryto bei der Ausfüllung der Anmeldeformulare. Sie ist zu aufgeregt und vergißt sogar noch ihre Handschuhe. Der nächste Weg ist mit Frau Kuryto zur Heilsberger Bank. Hier arbeitet Krystyna, in der Abteilung für Kredite. Wir wollen nun endlich auch über eigenes Geld verfügen. Frau Kuryto hatte uns bei unserem Kommen gleich 500 Zlotys gegeben. In der Devisenbescheinigung erläutert der Begleittext, daß gegen Vorlage der Umtauschquittung in Polen in jedem Hotel, Bank oder Reisebüro die Zlotys ausgezahlt werden. Nun, es klappte auf der Bank in Heilsberg nicht. Wir mußten nach Allenstein zum Orbis fahren (Reisebüro), dort würden wir die Scheinchen erhalten. Also mit Frau Kuryto erstmal wieder nach Hause.

Arec und Jurec sind da, Arec hat einen dick umwickelten Finger. Er hatte sich gestern in den Finger geschnitten. Heute war er beim Arzt. "Ich bin sieben Tage krank geschrieben," sagt Arec und strahlt über das ganze Gesicht. Kann er uns doch nun überall im Auto begleiten. Später erfahren wir vom älteren Bruder, daß Arec nur für drei Tage keine Arbeit verrichten sollte, aber die Schule am Nachmittag Pflicht wäre. Frau Kuryto ist erschöpft, ihr Herzasthma macht sich stark bemerkbar. So nehmen wir Arec und Jurec mit nach Allenstein. Jurec verläßt uns in Allenstein und will weiter zu seinem Vater. Mit Arec geht es auf zum Orbis. Dort wird uns anstandslos unsere wertvolle Quittung eingelöst. Wir erhalten für
630,-- DM 9.942,66 Zlotys. Es ist Mittagszeit, wir suchen uns eine Gaststätte, um dort zu essen. Man gibt sich im Bedienen der Gäste sehr viel Mühe. Die Speisekarte ist für uns nicht lesbar. Arec kann leider auch kein Deutsch. So zeichnet uns Arec die einzelnen Gerichte. Wir entscheiden uns für Aal. Getränke und Vorsuppe werden auch genommen. Ich trinke das erste Glas Bier (Piewo) in Polen. Für DM 3,-- je Person wird gespeist. Um noch einige Zlotys mehr auszugeben, leisten wir uns alle einen Weinbrand. Dieser kostet auch DM 3,--. Für die Abgabe der Garderobe wird erst beim Verlassen des Restaurants bezahlt. Das Wetter war an diesem Tage sehr schlecht. So hatten wir alle einen Mantel oder wärmere Jacken an. Ich verließ mit Vati, nachdem wir die Toilette noch einmal kurz aufsuchten, als Letzter die Gaststätte. Draußen stand Otfried mit einer Zigeunerin. Fließend sprach sie mit uns in deutscher Sprache. Jedem wollte sie die Zukunft lesen. Otfried erzählte sie, nachdem sie ihre ersten Zlotys erhielt, er macht noch eine große Reise nach Amerika und bekommt noch zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Na das fing ja gut an. Vati sieht man bei etwas Kenntnis den Gelehrten an. Auch die Zigeunerin erfaßte dies mit einem Blick. "Oh, sie grübeln und denken viel, sie werden 85 Jahre, und auf sie wartet eine schwarz und eine blondgelockte Frau..." Wieder bekam sie weitere Zlotys und wendet sich dann mir zu: "Haben sie keine D-Mark für mich, ich habe viele Kinder." Aber bei mir ist das Kleingeld auch schon weg und bei einem Schein werden wir sie bestimmt nicht mehr los. Weitere Zlotys - Sie guckt mich an und will mir weismachen, daß ich noch Kinder bekomme und 98 Jahre alt werde usw.. Ich unterbreche ihren Redefluß und sage ihr, daß das alles nicht stimmen könne. Ich werde ihnen etwas sagen: "Ich werde 100 Jahre alt, und meine Frau wird ein Jahr älter und wissen sie warum?" "Nein," sagt sie, "Damit meine Frau in diesem einen Jahr endlich tun und lassen kann was sie will. Dann darf sie fremdgehen etc.." Alles lacht und amüsiert sich. Nachdem sie noch einmal die Hand ausstreckt, wogt sie in ihrem bunten, lange Rock davon. Das war eine Frau aus Budapest ... wer weiß, wem sie es erzählt, daß er hundert und sie hundertundein Jahr alt wird.

Für Allenstein haben wir kein weiteres Interesse. Es geht zurück zum Auto. Wir wollen den Ort besuchen, welcher in unserer Familienchronik die ältesten Daten aufweist. Noßberg heißt heute Orzechowo. Man fährt bis Guttstadt, biegt dann in östlicher Richtung nach Seeburg (Jeziorany) ab.

Das erste Dorf ist Schönwiese (Miedzylesie). Wir fotografieren die Kirche, erbaut 1722 als Wallfahrtskirche, und finden auf dem Kirchplatz die ersten Zeichen von ehemaligen deutschen Einwohnern. Es sind dies alte Grabkreuze mit Inschriften. Einige habe ich aufgeschrieben.

Weiter geht es mit höherer Erwartung nach Noßberg. Eingefallene und unbewohnte Häuser stehen hier gleich neben der Straße. Wir parken an der Kirche von Noßberg. Die Straße hat nur ein holperiges Kopfsteinpflaster. Einige Häuser sind aus Abrißsteinen neu entstanden. Diese Häuser haben keinen Außenputz bekommen. Einem großen Teil der Neubauten in den Städten fehlt auch jeglicher Putz. Wir gehen mehrere langgezogene Steinstufen aufwärts zur Kirche. Die Kirche ist offen, so treten wir ein. Im Vorraum entdeckte ich in einem Bilderrahmen verewigt, auf Papier geschrieben, die Geschichte der Kirche von Noßberg. Der Fotoapparat hält dieses Dokument fest.

überrascht ist man über die innere Ausstattung dieser Dorfkirche. Die jahrhundertealte Kirche birgt so manchen Schatz. Wir steigen auch zur Orgel hoch. Dort entdecke ich ein altes Notenbuch. u meiner überraschung: deutsche Lieder. "Sah ein Knab‘ ein Röslein stehn" und viele andere bekannte Heimatlieder. Da erhalten wir von dem polnischen Pfarrer Besuch. Er schaut zuerst aus wie ein Landarbeiter. Man kann sich mit ihm in deutscher Sprache unterhalten. Der ehemalige deutsche Pfarrer, Herr Preuß, sorgte dafür, daß der jetzige mehrere Male Bonn und Königswinter besuchen konnte. Durch den Besuch ehemaliger Pfarreimitglieder besteht immer wieder Kontakt. Wir fragen, ob noch alte Taufbücher vorhanden sind. Er führt uns in das Gemeindehaus. Hier wird in einem Raum noch heute Unterricht für die Dorfkinder gegeben, im Nebenraum das Arbeitszimmer. In zwei Regalen uralte, verstaubte Bücher. Eins davon ist ein Taufbuch. Sämtliche Taufen ab 1881 - 1947 sind hier fein säuberlich eingetragen Meine stille Hoffnung, Unbekanntes von unserer Familie zu finden, wurde also nicht erfüllt. Da wir bis 1701 Unterlagen und Dokumente haben, durften weitere Funde nur in Staats- oder Kirchenarchiven möglich sein. Seit 1589 werden sämtliche Taufen in Kirchenbüchern festgehalten. Wir wünschen dem Pfarrer alles Gute für die Zukunft, sagen Dank und drücken ihm einen DM-Schein in die Hand.

Unser nächster Weg führt uns zum Friedhof. Vorher wechseln wir mit einem gebürtigen Deutsch-Ukrainer einige Worte über das "Woher - wohin". Vati und Arec bleiben im Auto. Wir haben hier oben am Stiefelhügel starken Wind und die Temperatur liegt nur kurz über Null Grad. Der alte, deutsche Friedhof ist nur noch zu vermuten. Einige Grabsteine werden zwischen Geröll und Brennessel sichtbar. Der neue poln. Friedhof hat einheitliche weiße Grabsteine. Wir finden eine zerbrochene Grabtafel mit folgender Inschrift:

Hier ruht in Gott
unser lieber Sohn
und guter Bruder
Benno W ö l k i
geb. 9.4.1914
verst. 22.8.1935

Innerlich gerührt von dem Erlebten der letzten Stunden nehmen wir Abschied von Noßberg und fahren über Guttstadt wieder nach Heilsberg.

3. Mai 1978

Ein neuer Tag bricht an. Wir haben wieder schönes, sonniges Wetter. Gestern abend war der älteste Sohn von Frau K. im Hause und sorgte dafür, daß wir die Nacht auch ohne Frösteln überstanden. Alle öfen gaben reichlich Wärme ab. Auf dem Hof in einem Schuppen liegt noch ausreichend Brennmaterial, alles vom Sohn organisiert. Er ist Holztechniker (gelernter Tischler) mit einem Monatsverdienst von 3.200 Zloty. Seine Frau, im vierten Monat schwanger, arbeitet für 2.600 Zloty. In einer Neubauwohnung stehen ihnen 28 qm zur Verfügung. Das billigste Auto aber kostet ca. 90 000 Zloty. In einem Geschäft sehen wir eine Küchenspüle, kombiniert mit Heizplatte in einem Teil, für 2 600 Zloty. Man muß diese Dinge als Vergleich zu unserem Lebensstandard einfach mit erwähnen, um zu zeigen, daß selbst qualifizierte Leute zu den ärmsten in unserem Lande gehören würden.

Nach einem gesegneten Frühstück fahren wir zu einer Stätte, von der Vati noch sehr schöne Erinnerungen besitzt, Guttstadt (Dobre Miasto), gegr, 1325, schon einige Male durchfahren, soll heute näher betrachtet werden. Hier lebte viele Jahre mein Ur-Opa Ferdinand Woyk, geb. 15.11.1857, verst. Im Februar 1945. Zwei markante Bauwerke sind uns sofort aufgefallen, der Dom und der Storchenturm. Von der mittelalterlichen Befestigung aus dem 15. Jahrhundert steht der Storchenturm immer noch. Auch das Storchennest erfüllt weiter seinen Zweck. Zwischen Storchenturm und Alle fehlen heute einige kleine Häuschen auch das, in welchem Ferdinand Woyk lebte. Die Altstadt zwischen Storchenturm und Dom ist fast restlos vom Erdboden verschwunden. Hier sind in den letzten Jahren unscheinbare Neubauten entstanden.

Wir machen mehrere Aufnahmen vom Dom, dem Storchenturm und der Alle, bevor wir den Dom, erbaut in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, betreten, Wieder eine dreischiffige Hallenkirche. Neben dem Hauptaltar viele kunstvolle Seitenaltäre. Einer ist hier auch mit dem Bild des Pfarrers Maximilian Kolbe versehen. Die Anlage des Kollegiatstifts ist heute noch zum größten Teil zerstört. Viele Kirchen können sich nur eine Renovierung oder Ausbau zerstörter Teile leisten, indem man in Deutschland immer wieder zu Spendenaktionen ehemaliger Bewohner aufruft.

Unser nächster Weg fuhrt uns zum Guttstädter Friedhof, immer in der stillen Hoffnung, von der Familie noch Grabstellen zu finden. Von Katharinenschwestern sind noch Grabstellen vorhanden. Im hinteren Teil des Friedhofes gibt es noch einige deutsche Grabstellen. Alle sind ungepflegt und viele werden nur mit Mühe entziffert.

Unser Programm drängt, wir schlendern zum Auto und fahren Richtung Westen nach Altkirch (Praslity). Beim ersten Versuch, Altkirch zu erreichen, landen wir auf dem ehemaligen Gut Schmolainen (Smolajnv). Das Gutshaus ist heute ein Internat. Alles andere scheint im Dornröschenschlaf zu liegen. Auf einem Spaziergang durch die sandige Dorfstraße begegnet uns kein Mensch. Langsam fahren wir zur Hauptstraße zurück, beobachten noch einen Storch, der nach erster Nahrung sucht, während in Sichtweite ein zweiter Storch mit der Reparatur der kommenden Kinderwiege beschäftigt ist.

Links der Straße nun Altkirch. Keine Kirche ist zu sehen. Warum heißt dieses Dorf Altkirch? Es hat vielleicht heute 60 - 100 Einwohner. Nur einige wenige Häuser links und rechte der Dorfstraße. Hier wurde unsere Oma Anna Woelky geb. Woyk am 7.2.1884 geboren. Wir bleiben im Auto, denn für uns gibt es keine Anhaltspunkte, die von Interesse wären. Bis Guttstadt sind es 6 km. Eine schöne Baumallee. Wie oft ist Oma diese Straße gegangen? Ich fotografiere aus dem Wagen diese Allee, während Otfried nach Guttstadt und dann weiter nach Heilsberg fährt. Zu 14 Uhr hat uns Frau Kuryto Entenbraten versprochen. Mit Arec, unserem stetigen Begleiter, sind wir pünktlich zu Tisch.

Nach dem Essen will uns Arec zu seinem Angelsee führen. "Zu Fuß ist es ziemlich weit, aber mit dem Auto 10 Minuten," versucht uns Arec klar zu machen. Gemeint ist der Blanken-See (Blanlci), Wir treffen einige Angler am Wasser. Von alten, zerrotteten Badestegen versuchen sie ihr Glück. Arec versucht es hier und dort, aber kein Fische. Es ist recht kühl und sehr windig. So haben wir keine Lust mehr, weiter auf den ersten Fisch zu warten. Wir gehen ein Stück am See entlang zu unserem parkenden Auto. Etwas nördlich vom See liegt Blumenau (Czarny Kierz) und Wernegitten (Klebowo), In Wernegitten fand in der Kirche St. Magaréta die Trauung von Valentin Woelky und Veronika Woelky geb. Poschmann statt. Ein markanter Holzturm ist die äußerliche Zierde der Kirche. Der Ort selbst zeigt eine große Armut. Selbst der hiesige Friedhof hat für die letzten Verstorbenen nur ein Holzkreuz übrig. Aufnahmen von Bauernhöfen zeigen deutlich die große Armut der Landbevölkerung. Ein Storchennest auf einem Baum ist ein weiteres Fotoobjekt für unsere Kameras.

4. Mai 1978

Heute ist Christi Himmelfahrt. Ein Feiertag in Deutschland - hier kein arbeitsfreier Tag - aber die Messe wird überall gehalten, so auch in Roggenhausen (Rogoz). Wir sind wieder mit Arec unterwegs. In der Kirche St. Barbara ist zur Zeit Messe. Wir wollen nicht stören und später die Taufstätte von unserem Opa Eduard Woelky, geb. am 10.4.1880 in Roggenhausen, besuchen. Auf dem Kirchvorplatz stehen noch einige Grabkreuze. Auf einem die Inschrift:

Hier ruhet in Gott
Helene Lingnau geb. Poschmann
Geb. 7.7.1883, verst. 13.7.1914

Wir verlassen den Kirchplatz und kommen auf der gleichen Straßenseite an der hiesigen Dorfschule vorbei. Schräg gegenüber liegt der Eingang zum Friedhof. Die Lebensbäume, 40 bis 60 Jahre alt, haben eine Höhe von 6 bis 8 m. Sie verraten fast überall die Lage des alten deutschen Friedhofes. Eine Vielzahl von deutschen Grabkreuzen sind hier anzutreffen. Viele der hier Verstorbenen führen Namen, die auch in unserer Ahnentafel vorkommen.

Hier ruht in Gott unser
lieber, einziger Sohn
und guter Bruder
Bruno Schlegel, Napratten
geb. 4.5.1917, verst. 22.3.1930

Josef Poschmann
Geb. 6. 6.1859 verst.9.12.1920

Tadeus Schlegel, Napratten
geb.14.5.1855, verst, 29.9.1916

Fast am oberen Ende des Friedhofes dann diese Entdeckung. Auf einem gut erhaltenen Marmorkreuz, mit schwarzer Einfassung, selbst die Größe der Grabstelle ist noch eingefaßt, können wir folgendes lesen und fotografieren:

Barbara Wölky
geb.13.1.1866, verst. 3.7.1928

Karl Wölky, Borchertsdorf
geb. 20.9.1862, verst. 18.4.1937

Liegen hier verwandtschaftliche Beziehungen vor?

Nun geht es wieder zur Kirche. Beim Versuch, die Kirche zu betreten, müssen wir leider feststellen, daß sie geschlossen ist. Vati ist darüber etwas traurig. Die Zeit können wir uns aber nicht nehmen, um den Pfarrer ausfindig zu machen. Am Auto haben sich derweil mehrere neugierige Menschen eingefunden. Von einem Mann werden wir in gebrochenem Deutsch angesprochen. Er entschuldigt sich für sein schlechtes Deutsch, hat er doch seit über 30 Jahren selten deutsch gesprochen. Man ist neugierig, ob wir hier einmal gewohnt hätten, welches Haus unser Eigentum wäre etc.. Er scheint nicht allzu glücklich zu sein, daß "nur" unser Opa hier vor langen Jahren wohnte.

Unsere Fahrt führt uns nun weiter Richtung Bartenstein (Bartoszyce). Bei Lauterhagen (Samoenbie) biegen wir rechts von der Straße ab und fahren in südlicher Richtung nach Krekollen (Krekole). In diesem Dörfchen haben früher die Kühnapfel‘s gewohnt. Um 1830 sind hier in der Kirche St. Laurentius Peter Poschmann und Rosa Böhnke getraut worden. Sie waren die Eltern von unserer Uroma Veronika Woelky geb. Poschmann. Von der Anlage, Sauberkeit und Ordnung gefällt uns dieses Dörfchen am besten. Fast alles ist hier sauber und gepflegt. Die Kirche ist erst vor kurzem renoviert worden. Die Kirchplatzanlagen sind sauber, vom Unkraut befreit, einige Blumen schmücken die Mauern.

Nachdem wir mehrere Leute ansprechen, gelingt es uns, einen Polen aus Masuren zu finden, mit dem wir uns verständigen können. Wir sollten uns nach einer Frau Wichert erkundigen (aus Fam. Kühnapfel). Der Pole ist seit 1945 in diesem Dörfchen und kennt fast sämtliche Schicksale der einzelnen deutschen Bauernfamilien. Eine Frau Wichert wohnt hier aber nicht mehr. Auf unsere Frage, warum hier so manches verrottet, die Zäune, Türen und Fenster brauchten doch einmal einen neuen Anstrich, wird uns von ihm geantwortet. "Dies hier ist doch alles Deutsch." Was an Geld verdient wird, wird von Polen in ein Stück Land oder in eine Wohnung in der Nähe großer Städte, wie Warschau, was immer polnisch war, angelegt. Auf dem Friedhof nimmt Vati auf einer kleinen Bank Platz, während wir wieder zwischen Grabstellen nach bekannten Namen suchen,

Zu Mittag gegen 14 Uhr sind wir wieder bei Frau Kuryto zu Tisch. Am Nachmittag machen wir einen ausgedehnten Spaziergang durch Heilsberg. In Heilsberg wohnen noch einige Deutsche, ein Ehepaar mit Kind trafen wir an der Alle bei St. Peter und Paul. Beim Abschied sagte uns dieser Mann: "Vergessen sie nicht, sie waren in Ostpreußen."

Die ehemalige evangelische Kirche zieht uns magisch an. Sie ist eine uralte Holzkirche. Heute wird hier für die kath. Orthodoxen Christen aus der Ukraine Messe gehalten. Von hier ist auch der Blick zum Hohen Tor, aus dem 14. Jahrhundert, frei. Restbestand der alten Festungsmauer. Auch die kleinen Häuser rechts der Straße haben den II. Weltkrieg überstanden. Es folgen noch einige Aufnahmen der Sehenswürdigkeiten. Anschließend wird ein Juwelierladen aufgesucht. Hier kaufen wir für unsere Frauen Bernsteinketten, Otfried findet erst in Allenstein am Sonnabend eine passende Kette.

5. Hai 1978

Es klappt gerade noch, daß wir zum Frühstück warmes 'Wasser für unseren Kaffee haben. Die Propangasflasche ist leer. Auf dem Weg zu Krystyna, mit der wir heute zu einer Fahrt nach Braunsberg und Frauenburg verabredet sind, erledigen wir die Neubestellung. Schwiegermutter von Krystyna hat Telefon, so wird noch am gleichen Tag eine neue Propangasflasche geliefert. Um 9:30 Uhr sind wir bei Krystyna. Sie hat sich für heute extra einen Tag Urlaub genommen. Wir haben doch großes Glück. Wir werden von den Menschen und vom Wetter verwöhnt. Wir fahren mit dem Auto über Raunau (Runowo), Frauendorf (Babiak), Mehlsack (Piemiezno), Peterswalde (Piotrowiec), Braunsberg (Braniewo) nach Frauenburg (Frombork). Bevor wir in Frauenburg ankamen, überholte ich einen nagelneuen VW. Insassen waren vier Katharinenschwestern. An einem geschlossenen Eisenbahnübergang mußte ich dann halten. So kam es, daß die Schwestern mit ihrem Volkswagen hinter uns standen. Land und Leute, Kirche und Vergangenheit alles berührt einem innerlich mehr, als man es hier wiedergeben kann. Ich wollte den Schwestern zumindest die Hand drücken. So schnappte ich mir ein Heiligenbild von der letzten Osterkommunion aus meinem Gebetbuch und drückte es der Schwester am Steuer in die Hand. Ich glaube, man hat meine Gefühle, unseren Gruß, verstanden. Alle winkten, als wir dann wieder davonfuhren.

Frauenburg wird auch in unserer Chronik erwähnt. Zwei Schwestern meiner Urgroßmutter Veronika Woelky waren um 1870 hier, eine als Ordensschwester und die andere als Wirtschafterin des Domherren, tätig. Die Kathedrale liegt auf einer Anhöhe am Frischen Haff. Seit 1274 liegt hier der Bischofssitz für das Ermland. Die natürlichen Vorzüge dieses Platzes wurden ausgenutzt, um hier im Laufe der Jahrhunderte die große Festung auszubauen. Zur Zeit werden immer noch alte Schäden aus dem II. Weltkrieg beseitigt. Wir besuchten innerhalb der Anlage das Kopernikus-Museum. Anschließend betraten wir die reich mit Altären geschmückte Kathedrale. Ein gewaltiges Mittelschiff mit etwa 16 Säulen, die in einem Sterngewölbe enden, und je einem Altar, dazu noch zwei Seitenschiffe mit Grabtafeln, angefangen mit dem Jahre 1300, die phantastischen Intarsien und Holzschnitzereien der Chorgestühle, die Orgel, alles ist einmalig. Als wir fotografieren wollen, tritt zu uns ein Geistlicher. Es ist ihm wahrscheinlich nicht recht, daß wir hier fotografieren. Um hier keine Schwierigkeiten zu bekommen wechselt ein 20 DM Schein seinen Besitzer. Nun kann der Pfarrer auch deutsch: "Wozu das Geld? Messe für verstorbene Großeltern?" "Nein," sage ich. "Messe für Eltern?" "Nein," sage ich noch einmal. "Nehmen sie das Geld für Blumen an den Altären." "Danke, danke für die Spende, bitte, nehmen sie Platz. Ein Ordensbruder wird jetzt 10 Minuten an der Orgel spielen, dann dürfen sie fotografieren." Der Ordensbruder wählte Musikstücke wie z. B. das "Ave Maria", was uns bestimmt alle unter die Haut ging. Der Klang der Orgel, welcher zusätzlich noch durch Fanfaren verstärkt wird, dürfte in diesem Land einmalig sein. Leider schlich sich bei der Handhabung des Fotoapparates mit dem Blitz ein Fehler eine. So sind nur die wenigen Innenaunahmen ohne Blitz geworden. Danach gingen wir zum Fischereihafen, von wo wir das gesamte Panorama. der Kathedrale übersehen konnten.

Gegen Mittag suchten wir ein Restaurant auf, Getränke und Essen wurde bestellt. Essen ist wohl billig, das Fleisch war aber schon zu alt, und sonstige Beilagen waren auf Kinderportionen zugeschnitten. Auf einer Parkbank aßen wir dann noch mitgebrachte Apfelsinen, und einigen Kindern wurden Bonbons zugeworfen. Nun ging unsere Fahrt wieder nach Braunsberg zurück. Hier wurde ein Juwelierladen gesucht. Obwohl sich Krystyna mehrmals durch Fragen danach erkundigte, verlief unsere Suche negativ. Aus einem Fleischerladen kam uns eine junge Frau entgegen. Sie hatte gerade eine Ente gekauft. In braunes Packpapier gewickelt, tropfte noch Blut aus der Verpackung. Viele Leute standen im Fleischerladen an, ich sah nur einige Enten und eine Sorte Wurst zum Verkauf. An einem Haus stand groß "Cafe" als Reklame. Ein Stück Kuchen und Kaffee wäre jetzt genau das Richtige. Hinein in die gute Stube. Eine Musikbox spielt. Im Cafe sitzen drei Männer, eine Frau und zwei Soldaten. Jeder hat ein Glas Bier vor sich. Wir aber möchten Kaffee und Kuchen. Nach langem hin und her erhalten wir jeder eine Tasse Kaffee mit Heißwasser und ein Tellerchen mit Creme, garniert mit Rosinen. Keinen Kuchen, keine Kekse und kein Filterkaffee. So einfach ist das hier nicht. Wer geht hier schon Kaffee trinken?

Unsere Fahrt geht weiter. Wir verlassen Braunsberg, fahren jetzt über Mehlsack, Wormditt (Orneta), Arnsdorf (Lubomino). In Arnsdorf ist das Kloster der Katharinenschwestern. Fahren an Altkirch vorbei, erreichen Guttstadt und beenden diesen erlebnisreichen Tag in Heilsberg. Am Abend sitzt die ganze Familie Kuryto mit uns gemütlich beisammen. Zu später Stunde erhalte ich noch ein besticktes Deckchen von der Schwiegertochter der Frau Kuryto (für meine Frau).

6. Mai 1978

Unser letztes Frühstück bei der Familie Daniela Kuryto wird eingenommen. Der Aufbruch naht. Wie können wir nun diese Gastfreundschaft bezahlen? Mit Vati habe ich besprochen, Frau Kuryto 3000 Zlotys zu geben. Das wären pro Person und Tag DM 10,--. Ist es zuviel, ist es zuwenig? Frau Kuryto will kein Geld, im Gegenteil, sie wollte.die mitgebrachten alten Sachen noch bezahlen. Heimlich wird das Geld unter einen Teller gelegt. Während wir uns von allen verabschieden, entdeckt sie doch noch das Geld. Die Frau steht mit den drei Scheinen vor unserem Vater und sagt: "Wissen sie, wieviel das ist?" Frau Kuryto ist nahe daran zu weinen, erhält sie doch im ganzen Monat 2.400 Zlotys zum Leben für ihre Familie. Sie schreibt noch Kartengrüße für unsere Frauen, eine letzte herzliche Umarmung mit Vati, dann sitzen wir im Auto und fahren zum Rathaus, um uns dort wieder abzumelden. Einige Kinder sind es, denen wir in Heilsberg mit Bonbons die letzte Freude bereiten.

Kurz vor Guttstadt kommen wir wieder durch den schönen Guttstädter Wald. Links und rechts der Straße breiten sich zwischen lichtem Baumbestand die Buschröschen aus. Das Auge schweift über unberührte Natur. Diese Stimmung wird jäh unterbrochen. Eine Polizeistreife zwingt uns zum Halten. Es wird nur polnisch gesprochen. Ich reiche unsere Visa heraus. Der Polizist sieht sich alles gründlich an, um dann eine große Aktivität zu entwickeln. Ich muß das Auto verlassen und ihm zum Streifenwagen folgen. Hier versucht man mir klar zu machen, daß unsere Visa bereits abgelaufen sind. Ich versuche immer wieder das Gegenteil zu behaupten. Mit Wörterbuch, Händen und Füßen, Verlangen nach einem Dolmetscher, alles scheint keine Klarheit zu bringen. über Funk wird längere Zeit debattiert. Ein weiterer Kollege gesellt sich zu uns, bis über Funk ein deutliches "Dobre"' (gut) zu vernehmen ist. Ich erhalte die Visa zurück, dafür notiert er sich noch meine Adresse, die Kontrolle ist beendet. Im Visum stehen nur die Aufenthaltstage vermerkt. In unserem Fall 7 Tage. Man notiert nur die Tage, für die auch ein Zwangsumtausch erfolgt. Zwei Tage sind noch als Ein- und Ausreisetage gestattet. Wir wurden also am 8. Tag kontrolliert. Diese Aufklärung erhielt ich vom Reisebüro in Berlin. Vati wollte jetzt auf dem schnellsten Wege, noch heute, nach Berlin. Ich versuchte mit Gleichgültigkeit in der Stimme seine Zweifel zu verdrängen. Ob nun heute oder morgen, das ist nun egal.

Wir setzen unsere Fahrt fort. Hinter Allenstein ein schrecklicher Unfall. Wahrscheinlich betrunkene Männer verlassen einen Bus, überqueren hinter dem Bus die Straße, ein Lieferwagen sieht die Männer erst sehr spät, der letzte Mann wird voll erwischt. Der Bus und ich fahren gleich weiter, sind doch auf der anderen Straßenseite schon genug Personen. Hier kann keiner mehr helfen.

Eine halbe Stunde später sind wir bei der Familie Anton Klomfas gelandet. Wir verbringen einen sehr schönen, ruhigen Tag. Zwischen Kühen, Schweinen, Enten, Hühnern, Gänsen und einem Pferd haben wir Auswahl, die letzten Fotos zu machen. Auch diese deutsche Bauernfamilie bemüht sich seit Jahren um ein Ausreisevisum. Wir müssen vor allen Dingen erzählen, welche Möglichkeit sie hätten, in WestDeutschland wieder einen Bauernhof zu bekommen. Vati wird noch der Ofen geheizt. Er hat wieder ein großes Zimmer sich. Wir schlafen im 1. Stock und erleben noch einmal die Kühle einer ostpreußischen Nacht.

7. Mai 1978

Schon um 6 Uhr sitzen wir am Frühstückstisch. Kaffee, Eier, Honig, Marmelade und Wurst. Ein kräftiges Bauernfrühstück wird gereicht. Die Frauen sind aktiv. Für die Familie Klomfas in Berlin und uns wird eingepackt: ca. 200 frische Eier, 1 Glas Pilze, 5 geräucherte Aale, 2 Enten und mehrere frische gebratene Koteletts als Reiseproviant. Wir sprechen noch über die beste Reiseroute. Hubert Klomfas ist schon zu Besuch in Berlin gewesen. So nehmen wir um 7 Uhr Abschied von einer echten, deutschen Bauernfamilie.

Unsere Fahrt verläuft über Allenstein, Hohenstein (Olsztynek), Osterode, Deutsch Eylan (Hawa), Graudenz (Grudziadz), Schwetz (Swiecie), Bromberg (Bydgoszcz), Schneidemühl (Pita), Deutsch Krone (Watcz), Landsberg (Gorzow), Küstrin (Kostrzyn) bis Frankfurt/Oder. Heute haben die Erstkommunionkinder in Polen ihren großen Tag. Es stimmt froh, die Mädchen in ihren weißen langen Kleidern und die Jungen in ihren dunklen Anzügen in diesem kommunistischen Land den ganzen Tag auf den Straßen und Plätzen der Städte zu sehen. Vati weiß unterwegs viel von der Vergangenheit der einzelnen Städte zu berichten. So verläuft die Rückfahrt leicht und beschwingt. Der Frühling macht sich, je weiter wir nach Westen kommen, immer stärker bemerkbar. Die Baumblüte ist in vollem Gange. Um 16:45 Uhr ist die Grenze zur DDR erreicht.

Gibt es noch ein letztes Erlebnis? Aber ja, es kommt in Gestalt einer strengen, polnischen Zollbeamtin. Sie verlangt die Papiere von uns. Brav reiche ich ihr unsere Visa. "Wo sind die Devisenbescheinigungen?" fragt sie. "Bitte sehr," ich reiche auch die letzten Wische dieser Person. Sie stutzt und sprudelt nun heraus: "Wo ist Stempel? Wo ist Stempel?" Ja, da ist kein Stempel, hat der Zollbeamte vergessen. "Bitte, zeigen wieviel Geld!" sagt sie nun. Wir kramen unsere D-Mark hervor. Es geht ihr nicht schnell genug. Vati‘s Brieftasche wird von ihr entrissen. Dann muß ich aussteigen und die hintere Autoklappe öffnen. "Was haben sie da?" sagt sie. Sie zeigt auf die eingewickelten Enten. "Eine Ente," sage ich. "Was ist Ente?" will sie wissen. Hier komme ich in Schwierigkeiten. Ich stoße die Laute "gack, gack" aus. "Wieviel? Eins, zwei drei, vier ..." Auf der Verpackung steht einmal "Tante Mia" und auf der anderen "Onkel Theo". Dies sage ich der Beamtin. "Was noch, was noch ..." kommt ihre letzte Frage. Derweil hat sich ein Grenzbeamter der DDR neugierig zu uns gestellt. Er erhält nun alle Papiere ausgehändigt. Auf meinen Blick hin, der etwa so viel bedeuten soll, willst du auch noch kontrollieren, erhalte ich alle Papiere und man wünscht mir eine gute Weiterfahrt. Eine Stunde später haben wir Berlin erreicht.

Juli 1978 Michael Woelky


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