Reisebericht 2003

Unsere Familien fahren in das Land unserer Vorfahren nach Ostpreußen

Gruppenbild mit Nonne



Sonntag, den 25. Mai 2003
Busfahrt von Berlin nach Allenstein (Olsztyn)

Es ist kurz vor 7:00 Uhr als der Bus am Bahnhof Berlin-Schönefeld zum vierten Mal hält und weitere sieben Familienmitglieder aufnimmt . Die Stimmung scheint schon - trotz der frühen Stunde - auf einem Höhepunkt zu sein. Die ersten 13 Personen sind vor einer Stunde in Berlin-Reinickendorf eingestiegen, für sie war die Nacht also kurz nach 4:00 Uhr zu Ende. Viele von uns haben sich lange nicht gesehen, den einen oder anderen Verwandten noch nie. Da gibt es viel zu erzählen, wenn man aus dem Bayerischen, dem Westerwald, aus Jever oder Bochum kommt. Schnell geht es auf den Berliner Ring Richtung Frankfurt/Oder. In Fürstenwalde letzter Abholpunkt, wir sind komplett. 22 Familienmitglieder, 6 Freunde und ein Busfahrer, der uns eine Woche durch ein für viele noch unbekanntes Land fahren wird.

Michael und ich sitzen mit unseren Frauen vorn hinter dem Fahrer. Wir haben die Organisation übernommen. Vor mir liegen schon die 28 roten Reisepässe als wir in die Kontrollstation einfahren. Wir kommen vor bis zu einem Absperrgitter. Es ist wieder da, dieses komische Gefühl: Grenze, Transit, DDR und nun Polen. Es ist ruhiger im Bus geworden. Da kommt er! Diese unbegründete Angst vor dem "Staatsorgan". Er schaut auf meine ordentliche Sammlung der Pässe und fragt: "Liszta", oder so ähnlich. Was will er? "Liszta", sein Ausdruck wird nicht gerade freundlicher. Ein drittes "Liszta" schlägt mir ins Gesicht als unser Busfahrer aus der Baracke kommt und ihm die gewünschte Liste der Mitreisenden gibt. Unsere Pässe verschwinden nun auch in einer Baracke (wie früher bei den DDR-Kontrollen!). Wir warten. Es geht dann doch schneller und die Sperre wird weggeräumt. Hallo Polen!

Wir fahren über Poznan (Posen) nach Torun (Thorn). Eine Autobahn ist es nicht, 2 Spuren und jeweils ein halber Randstreifen. So ist sogar das überholen möglich: LKW und Gegenverkehr nutzen den Randstreifen jeweils mit und wir können in der freien Gasse, in der Mitte der Straße, überholen und hoffen dabei, dass der Gegenverkehr rechtzeitig Platz macht. über Bahnübergänge geht es nur im ersten Gang. Die Landschaft ist flach und eintönig, nur der Frühling hat Farbe hineingebracht, Rapsfelder leuchten. Einsame Bauernhöfe, teilweise schon zerfallen, wechseln mit tristen Gewerbebauten. Ich spiele mit Axel Schach.

Wir überqueren die Weichsel-Brücke und machen erste Aufnahmen. 1411 1.Thorner Frieden, 1466 2.Thorner Frieden, Bildung schadet nicht. Es geht weiter über Brodnica (Strasburg) nach Ostróda (Osterode). Die Landschaft wird wärmer, sanfte Hügel, kleine Seen, Störche, restaurierte alte Häuser, geschmückte Wegkreuze, Marienstatuen. Wir sind in Ostpreußen! Vor 25 Jahren waren mein Vater und meine Brüder bereits hier (siehe Reisebericht 1978), nun bin ich auch in dem Land unserer Vorfahren.

Um 18:30 steigen wir vor dem Novotel in Olsztyn (Allenstein) aus. Unsere Dolmetscherin und Reiseleitung Magdalena begrüßt uns. Taxifahrer bieten sich für die nächsten Tage an, sie verteilen ihre Visitenkarten auf denen "Deutschsprachig" vermerkt ist.   Zimmerverteilung, frisch machen und um 19:00 in einem separaten Raum ein ausreichendes 3 Gänge-Menü einnehmen. Müde ist jetzt keiner mehr und nach dem Essen geht es an die Bar und die Planung für die nächsten sechs Tage wird besprochen. Es werden schöne sechs Tage werden!

Hubert Woelky

Abholpunkt Berlin-Schönefeld eines der ostpr. Wahrzeichen Novotel Olsztyn am Okullsee der Blick vom Hotel zum See abends an der Bar abends an der Bar

Montag, den 26. Mai 2003
Kan. Elblaski (Oberländischer Kanal)

Die erste Nacht im Novotel war etwas gewöhnungsbedürftig. Mehrfach überrollte mich ein Güter-, Personen- oder sonstiges Ungetüm von Zug. Die Fahrgeräusche der LKW  waren dagegen wie Meeresbrandung. Immerhin kein Froschkonzert, das uns zu Hause in Teltow nervte.

Nach dem Frühstück erwachten die Lebensgeister und um 9 Uhr saßen wir wieder alle brav im Bus. Magdalena, unsere polnische Fremdenführerin begrüßte uns. Mit ihrer freundlichen Art und Ihrem lustigen Akzent gewann sie schnell alle Herzen. Es ging über Landstraßen mit ihren alten Baumbestand. Ein grüner Tunnel, der immer etwas eng bei Gegenverkehr wurde. Sattes Grün wechselte mit dem Gelb der Rapsfelder und in der Ferne leuchtete eine Kirchturmspitze. Die Störche wurden gezählt und Pferdewagen bewundert. In der Stadt  Morag (Mohrungen) war die erste Foto-Pause.

Auf einem Platz stand freistehend ein schönes aus Backstein gebautes Rathaus, flankiert mit Kanonen. Als Pendant die Kirche, umgeben von alten Bäumen und einer Mauer. An dieser befand sich talwärts ein doppeltes stilles örtchen. Die Idee dazu muss ein Pilger aus Rom mitgebracht haben. Im einzigen Krämerladen am Rathausplatz versuchten wir Rotwein zu kaufen, doch die Zeit lief, wir mussten zurück zum Bus.

Kwitainy (Quittainen), ehemaliger Gutshof aus der Fam. Dönhoff, ein Hauch von Vergangenheit. Alter Baumbestand, Ställe, Scheunen, alles war irgend wie vorhanden und doch fehlte das Leben. Der Blick ging durch die Bäume über einen Teich, weiße Wäsche flatterte im Wind, ein kleines rotes Backsteinhaus. Alles spiegelte sich im Wasser, die Zeit war doch nicht stehen geblieben.

Das nächste Ziel war Buczynie (Buchwalde), hier sollte es auf ein Schiff gehen, das auch Berge hoch und runter fahren könnte. Magdalena bat uns, den bettelnden Kindern keine Zloty zu geben. Sie würden die Schule schwänzen und von dem Geld Zigaretten und Bier kaufen. Die drei Burschen, die dann um Euro bettelten, hatten bei uns Pech.

Dann verlangte die Technik, der Kanal, die Schiffe, die Räder und Wagen unsere Aufmerksamkeit. Berghoch, bergab wurde fotografiert, die Sonne stach und Wolken zeigten sich am Himmel. Das Schiff hieß Kormoran und hatte praktische Bänke am Oberdeck. Die Rückenlehnen konnte man der Fahrtrichtung anpassen , was uns beim 3. Mal gelang. Ganz gemütlich ging es Richtung Elblag (Elbing). Die Fotografen konkurrierten um die besten Plätze an Deck. Die liebliche Landschaft, flach oder kurzhügelig, glitt an uns vorbei. Kühe, Pferde und Ziegen ließen sich nicht beim Fressen stören. So folgte ein Rollberg dem anderen, Sonnencreme und Kopftuch taten ihren Dienst.

Malerische Rapsfelder und sich verneigende Wassergräser grüßten uns. Der Kanal endete nach einer Strecke von 15 km. Wir hatten fünf Rollberge passiert und einen Abstieg von 104 Metern überwunden. Der Jez. Druzno (Drusenersee) nahm unser Schiff auf. Reiher, Kormorane, Störche und viele andere Vogelarten konnten wir bewundern. Weite Seeflächen, gerahmt von Schilfgürteln und Bäumen, Seerosenfelder breiteten sich aus und in der Ferne sah man die Türme von Elblag (Elbing).

Leider verfinsterte sich die Sonne, kalter Wind blies vom Norden und meine Sitzdecke musste mich wärmen. Blitze zuckten am Himmel und Regen trieb uns unter Deck. Von hier konnte man die Natur auf Wasserhöhe beobachten. Eine Skatrunde entstand, der Kaffee hatte den Namen nicht verdient, doch der Tee wärmte mich. Fünf Stunden an Bord, es war eine schöne Zeit. Der Bus nahm uns in Elbing auf.

Zurück ging es durch Palek (Preußisch Holland). Nicht nur Deutsche haben die Gegend hier geprägt, auch die Holländer mit ihren Treppen-, Stufen- und Gluckengiebeln. Neubauten werden jetzt in der Stadt dem Stil angepasst. Die Holländer sind wieder da, sie investieren in moderne Anlagen für die Landwirtschaft und Tierzucht.

über unbeschrankte Bahnübergänge ging es und ein bunter Bandwurmzug, lustig anzusehen, begleitete uns. Nach 1,5 Std. Busfahrt erreichten wir glücklich unser Hotel. Den Abend beendete ein lieblicher Rotwein an der Hotel-Bar. In der Nacht fuhr ein bunter Zug durch meine Träume.

Ursula Pfuhl

im Bus Rapsfelder das Rathaus von Mohrungen Quittainen Quittainen Quittainen auf dem Rollberg auf dem Deck wieder 20 Meter tiefer ein Gewitter zieht auf Elbing

Archiv Olsztyn (Allenstein)

An der Rezeption bat ich um ein Taxi und zeigte die Visitenkarte, die ich gestern erhalten hatte. Nach einem kurzen Telefonat erklärte man mir, dass ein Kollege käme, er würde auch deutsch sprechen.

Es war ein neuwertiger Opel Ascona, der wenig später rasant vor dem Hotel hielt. Ich versuchte dem Fahrer klar zu machen, dass ich zum Archiv nach Allenstein wolle. Allenstein verstand er, Archiv nicht.. Während ich noch meinen Wunsch über Begriffe wie Ahnenforschung, Urkunden, Dokumente u. ä.  erläuterte, fuhr er bereits Richtung Allenstein und ich beeilte mich, den Gurt festzuschnallen. Die Fahrweise der Polen kann sich mit denen der Italiener und Spanier allemal messen, sie fahren aber dennoch sehr sicher. Ich fand dann den Zettel mit der aus dem Internet notierten Adresse "ul. Partysantow" und mein Fahrer war glücklich. "Ah, Archiwum!"

An der Pförtnerloge zum Archiv kam dann die nächste Hürde. Mein Fahrer versuchte die darin sitzenden drei Damen zur öffnung der Zwischentür zu bewegen - scheinbar ohne Erfolg. Ich reichte den Ausdruck einer Email durchs Fenster. Eine Mitforscherin hatte mich um "Amtshilfe" gebeten. Der Text enthielt einige polnische Orte. Es bleibt ein Rätsel, warum nun die Zwischentür aufging. Ein ca. 30jähriger, freundlicher Mitarbeiter kümmert sich nun um uns. Das Ergebnis: ein Formular zur Beantragung von Dokumenten (glaube ich jedenfalls) "Podanie: Uprzejmie prosce o wydanie..." Die gewünschten Unterlagen erhalte ich dann in 1 - 2 Wochen, sagt mein Taxifahrer. "Wie jetzt? Werden die dann zugeschickt?" "Möglich". Ich versuche zu erfahren, welche Unterlagen überhaupt hier vorhanden sind. Die Antwort kam: "Standesamtsunterlagen von 1874-1900 des Kreises Allenstein".

Damit war für mich hier also nichts zu holen. Ich war enttäuscht. Der Archivar fragte, ob meine Vorfahren katholisch oder evangelisch waren. Auf meine Antwort, "Katholisch!" strahlte er und wies uns an das Archiwum Diecezji Warminskiej in Allenstein. Dort wenig später gelandet standen wir wieder vor einer verschlossenen Tür, die jedoch dann von einer Ordensschwester geöffnet wurde. Nachdem sie erfahren hatte, in welchem Ort ich forsche, kam sie wenige Minuten später mit einer Aufstellung und deutschsprachiger Unterstützung zurück.

Die Aufstellung enthielt die Kirchenbücher der Pfarrei Nossberg, so wie ich sie bereits vom Bischöflichen Zentralarchiv Regensburg kenne. Trauungen gab es u.a. von 1667-1704 und dann wieder von 1708-1745. Ich suche das Jahr 1705. Ein Buch umfasst ca. 35-40 Jahre, also muss in der Zwischenzeit irgendetwas in der Pfarrei gewesen sein, sodass drei Jahre lang kein Kirchenbuch geführt wurde. Hier habe ich es nicht erfahren.

Der Taxifahrer bringt mich zum Hotel zurück und erzählt noch strahlend von der gestrigen Erstkommunionfeier seiner 9jährigen Tochter. Gern gebe ich ihm 40 Zloty für diese Stunde.

Hubert Woelky

Allenstein Allenstein Allenstein Allenstein Allenstein Allenstein

Dienstag, den 27. Mai 2003
Auf den Spuren unserer Ahnen Teil 1 / Praslity, Dóbre Miastro, Orchezowo (Altkirch, Guttstadt, Nossberg)

Der 3. Tag des Familienausfluges zu unseren Vorfahren begann nach dem reichhaltigen Frühstück draußen auf der Hotelterrasse mit einem sehr gut vorbereiteten und spannend gehaltenen Vortrag unseres Peter Woelky. Er berichtete aus der Geschichte Ostpreußens, von den Pruzzen, dem Deutschen Ritterorden und weiter interessanten Einzelheiten aus der Deutsch-Polnischen Geschichte. So deuten auch seine hohen Wangen auf den tatarischen Einschlag hin. Wer mehr über dieses schöne Land und das Volk erfahren möchte, sollte es mehrmals langsam und gemütlich bereisen und dazu auch das dtv-Taschenbuch "Begegnung mit Ostpreußen" von Christian Graf von Krockow lesen. Die Sonne strahlte, unser Haussee glitzerte, der Bus wartete und nach einem schnellen SchuSchu begann die Fahrt Richtung Guttstadt (Dobre Miasto).

Zuerst fuhren wir durch Allenstein, Hauptstadt des Ermlandes und Sitz des Erzbistums. Magdalena wies uns auf einige sehenswerte Bauwerke hin; zum Aussteigen fehlte aber leider die Zeit. Zuerst fuhren wir hinaus nach Altkirch (Praslity), zu dem Dorf, aus dem Anna Woyk, die Schwester meiner Oma und die Oma von meinen Cousins stammt. Es liegt nördlich von Guttstadt. Wir bewunderten immer wieder die herrlich grünen gen Himmel geschlossenen Alleen, die den Menschen früher auf ihren weiten Fußwegen in die Stadt, zur Kirche, zum Einkauf, und den Pferdekutschen vor der prallen Sonne und im harten Winter vor den eisigen Winden Schutz spendeten.

Auf dem Gut Schmolainen (Smolajny) machten wir kurze Rast. Der zugehörige Ort ist ein Dorf aus dem 14. Jahrhundert, das schon im Mittelalter Residenz der ermländischen Bischöfe war. Das Gut und der liebevoll gepflegte Park dienen heute einer landwirtschaftlichen Schule. Hier hat Otto Herschberg, Vater von unserem Gerhard H. auch als junger Mann gearbeitet. Nach wenigen Fahrkilometern sahen wir nun in der Ferne den Guttstädter Hohen Dom emporragen. Aus unserer Reisegruppe war ich wohl diejenige, die sich ganz besonders und in großer Spannung auf den Aufenthalt in Guttstadt freute. Hier lebten meine Vorfahren mütterlicherseits. Meinen Urgroßvater Ferdinand Woyk habe ich noch in guter Erinnerung. Von ihm bekam ich dort oft ein Kuchenbrötchen mit Rosinen geschenkt. Bei meiner Oma Maria Pachollek waren wir mit unseren Eltern Martha u. Johannes Weigt oft zu Gast. Im September 1943 bin ich dort auch eingeschult worden.

Wir wohnten in der Nähe vom Storchenturm direkt an der Alle. Viele schöne Erinnerungen sind geblieben; schade nur, dass 1945 alles so tragisch endete. Zurück zu Heute. Zu 12 Uhr waren wir bei Schwester Hildegard angemeldet; sie gehört dem Katharinen-Orden an. Wir lernten uns im Okt.1999 auf unserer Kurzreise nach Ostpreußen kennen und sind seitdem in Briefkontakt. Gern hätten wir ihr einen schönen Blumenstrauß mitgebracht, aber im einzigen Blumenladen am Marktplatz gab es fast nur Kunstblumen. Aus natürlich 5 Röschen und 3 frischen Iris, die wir aufstöberten, und viel künstlichen Zutaten wurde trotz erheblicher Sprachschwierigkeiten ein kleiner Strauß daraus. Schwester Hildegard erwartete uns schon. Sie wohnt und arbeitet mit zwei weiterer jungen Ordensschwestern in einem Miethaus in der Nähe des Doms. Für uns 28 Reisende waren in zwei kleinen Zimmern festliche Kaffeetafeln gedeckt, jeder fand einen Platz. Frischer leckerer Streuselkuchen, Räderkuchen und duftender Kaffee standen bereit. Wir waren überwältigt. Wir ließen es uns schmecken und merkten, dass wir herzlich willkommen waren. Schwester Hildegard ist in Ostpreußen (in der Nähe von Braunsberg) geboren und lebt seitdem im Ermland. So konnten wir uns gut in deutscher Sprache unterhalten .

Nach dieser frohen Kaffeerunde führte uns Schwester Hildegard zum Guttstädter Dom. Er wurde um 1360 als prächtige dreischiffige gotische Kathedrale mit Kollegiatsstift (Ritterorden) errichtet. Vom Krieg ist sie zum Glück weitgehend verschont geblieben. Die Schäden im Innern der Kirche sind behoben. Das Gotteshaus strahlt eine wohlige Wärme und Vertrautheit aus. Wir bewunderten die schönen Seitenaltäre und Kunstwerke, besuchten die Sakristei. Die Schwester zeigte uns eine wertvolle Monstranz (17.Jh.), die in den Kriegswirren versteckt und so gerettet werden konnte. Von unserer Chorleiterin Luzia Reiß begleitet, sangen wir einige Marienlieder. Wehmütig nahmen wir Abschied aus meinem Guttstädter Dom, in dem unsere Eltern am 28.Mai 1936 heirateten und ich von Domherrn Thamm Religionsunterricht erhielt. Schwester Hildegard versüßte uns den Abschied mit 2 kg Krowkas.

Ein knappes Stündchen blieb, um uns in der Stadt umzusehen. Der Storchenturm mit Nest und Storch war beliebtes Ziel der Kameras, der Gang an die Alle, aus der unser Urgroßvater viele Mahlzeiten angelte und die traurige Gewissheit, dass es unsere Wohnstraße mit den alten Häusern (auch Schäfers Haus) nicht mehr gibt. Ob unsere Nachkommen den Spuren ihrer Vorfahren irgendwann in vielleicht wieder grenzenlosen Zeiten auch folgen werden? Nach einem letzten Winken zu Schwester Hildegard und einem Blick zurück fuhren wir jetzt nach Nossberg, einem sauberen hübschen Dorf mit alter Kirche auf einem Hügel. Dort versuchten Hubert und Michael in den Kirchenbüchern Nachweise für die Ahnenforschung zu erhalten.

Unsere Tagesfahrt endete, das Abendbrot wartete im Novotel, für die Zeit danach verabredeten wir uns zum Spielen im Speisesaal. Einige unserer Herren erprobten sich beim Schach oder Skatspiel. Wir Frauen hatten viel Spaß beim "Lügen" und der "Schnellen Emma". Mein Onkel Rudolf Woelky schrieb mir in mein Poesiealbum am 1.9.1951: "Lachen ist die beste Medizin". Und so endete unser Guttstadt-Tag. Nur für unseren Ottfried noch nicht; er durfte noch seine - im Schuhkarton - von Berlin mitgebrachten "Mädchen" an die frische Luft ausführen. Trotz Eisenbahn- und Straßenlärm genossen wir im Schlaf bei weit geöffneten Fenstern die würzige Ostpreußenluft.

Margot Mühling

Altkirch Altkirch, Straße nach Peterswalde Gut Schmolainen bei den Katharinen-Schwestern Dom in Guttstadt das Kollegiatstift am Dom wir gehen in den Dom im Dom die Kanzel die Monstranz
der Storchenturm die Straße an der Alle in der Ferdinand Woyk wohnte Kirche von Nossberg              

Auf den Spuren unserer Ahnen Teil 2 / Rogóz, Lidzbark Warminski (Roggenhausen, Heilsberg)

Die erste Fahrt in das Ermland 1978 ist mit der heutigen, 25 Jahre später, nicht mehr zu vergleichen. Eine neue Generation von Polen nimmt das Land an, welches sie teilweise als Vertriebene zugewiesen bekamen. Neue hübsche Einfamilienhäuser, Industrieanlagen und Verbrauchermärkte sind durch die Wende entstanden. Autobahnen und gute Landstraßen sind aber für den heutigen Verkehr immer noch Mangelware. Die einzige erkennbare Neuerung dieser Straße nach Rogóz liegt am gestiegenen Verkehrsaufkommen. Hier läuft der Schwerlastverkehr nach Russland, Litauen und Estland.

Wir erreichen unser 1. Tagesziel Roggenhausen an diesem schönen Tag und umrunden die Kirche und schauen hinein. Margot sagt: "Ein schönes Taufbecken! Hier wurde Valentin und Veronika sowie viele ihrer Kinder getauft."

Wir ziehen in kleinen Gruppen hinunter zum Friedhof, entdecken erstmals noch lesbare Inschriften an einem alten Grabstein von Alois Poschmann. Vogelgezwitscher liegt in der Luft. Aber wie oft ist dieses schöne Land gequält, geschunden und zerstört worden. Und die Gedanken werden weiter getragen, wenn man das kleine, unscheinbare, arme, ehemalige Häuschen und Grundstück von Valentin Woelky entdeckt. Hubert hat mit seiner Fleißarbeit als Ahnenforscher eine gute alte Dorfkarte von 1930 mit allen dort vorhandenen Bauernhöfen mit Namen zur Hand. So ist es möglich das Haus der Woelkys wie auch das große Gutshaus der Poschmanns zu entdecken.

Damit geben wir uns zufrieden. Hunde begleiten unsere Neugierde mit fortlaufendem Gekläffe. Eine Ziege am Pflock festgebunden findet noch unsere Aufmerksamkeit. Zurück zum Bus wird noch ein Denkmal mit den Gefallenen im 1.Weltkrieg entdeckt. A. Poschmann ist auch dabei und viele andere bekannte Namen aus diesem Ort.

Unser 2. Tagesziel ist Heilsberg. Für mich die beeindruckenste Stadt im Ermland. Hier erlebt man Jahrhunderte alte Geschichte auf engsten Raum: Schloss, Kirche, Bischofsitz, Stadtmauern, Fluss und Wassergräben und das abwechslungsreiche Grün im Monat Mai macht es so interessant. Jeder kann jetzt hier auf eigene Entdeckungstour gehen. Um 16:00 Uhr ist Treffen bei den Katharinenschwestern. Gibt es wieder Kaffee und Kuchen?

Meine Neugierde zieht mich aber erst mal zum Heimstättenweg, heute die ul. Warzawska. In der Nr. 26 wohnten wir 1978 bei der Familie Kuryto. Dank polnischer Straßenarbeiter ist die Straße wieder schnell gefunden. Arek Kuryto war nicht zu Hause. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er übernahm nach dem Tod seiner Mutter Daniela dieses Haus. Bis 1945 wohnten dort die Familien Hochhaus und Schneider. Im Haus Nr. 22 wohnt Frau Hildegarda Milanowska, eine gebürtige Deutsche. Sie wurde in diesem Haus vor 80 Jahren geboren und ist heute wieder unser Sonnenschein. 1978 half sie uns mit Kaffeefiltertüten aus und heute zeigt sie uns ein Buch über den Kreis Heilsberg und ihrer Einwohner aus dem Jahre 1936. Welch eine Fundgrube für den Ahnenforscher!  Zur Auswertung dürfen wir es leihweise mitnehmen. Ein paar Fotos werden gemacht und ihre Besucher, Otfried und Angelika, Christa und ich, verabschieden sich.

Wir kommen pünktlich zum Katharinenkloster. Es gibt Kaffee und Kuchen! Die Oberin spricht über die Gründerin des Ordens und ein kurzer Besuch in der Kapelle mit den Reliquien der heiligen Katharina beschließt unseren Besuch in Heilsberg.

Um 19:00 Uhr sind wir wieder beim gemeinsamen Essen im Hotel. Anschließend wird bei Bärenfang und Bier über das Erlebte des Tages noch ausgiebig diskutiert.

Michael Woelky

Straße durch Roggenhausen Kirche von Roggenhausen Kirche von Roggenhausen hier wohnte Valentin Woelky Heilsberg Heilsberg Einwohner Buch Heilsberg 1936 vor dem Katharinenkloster wir lauschen der Schwester Oberin Kapelle im Katharinenkloster

Gdansk (Danzig)

Nach dem ersten Besuch der unmittelbaren Heimat unserer Vorfahren in Guttstadt und Noßberg stand heute eine Fahrt in den Kreis Heilsberg an. Manfred, Axel und Peter aber wollten der alten Hansestadt Danzig einen Besuch abstatten. Nach Einweisung in die Besonderheiten der polnischen Eisenbahnverbindungen durch unsere Reiseleiterin Magdalena, fuhren wir morgens vom Bahnhof in Allenstein los. Die etwa 3- stündige Fahrt führte über Elbing an der malerisch an der Nogat gelegenen Marienburg vorbei, dem nach dem Hradschin in Prag und dem Moskauer Kreml größten Burgkomplex Europas. Leider reichte die Zeit nicht, hier einen ausgiebigen Besucherstop zu machen.

Schon bei der Ankunft in Danzig überraschte uns diese Stadt mit seinem unvergleichlichen Flair und seiner beeindruckenden Schönheit. Da der Aufenthalt uns nur etwa 4 Stunden Zeit lies, versuchten wir trotzdem soviel Eindrücke wie möglich mitzunehmen und beschränkten uns auf einen Bummel durch die historische Altstadt, der sog. Rechtsstadt.

Unser Weg führte uns durch das historische Zentrum der alten Hansestadt über den Kohlenmarkt, vorbei an den alten Markthallen, der Ordenskirche St. Nicolai aus dem 14.Jh. und dem großen Zeughaus, heute eine Einkaufspassage. über das Hohe Tor und die seit dem 14. Jh. legendäre Langgasse mit dem Langen Markt und seinen herrlichen restaurierten Häuserfassaden aus der Hansezeit, den schönen Geschäften und herrlichen Lokalen erreichten wir das berühmte Goldenen Tor an der Mottlau. Hier pulsiert das Leben und jung und alt flanieren an den historischen Gebäuden und den Schiffen vorbei. Das berühmte Krantor ist natürlich ein begehrtes Fotoobjekt.

Auffallend waren die vielen Schulklassen, die an diesem Tage Danzig besuchten. Vor allem waren wir erstaunt, wie diszipliniert diese Jungen und Mädchen den Ausführungen ihrer Lehrer lauschten.

Nach einer ausgiebigen Pause mit gutem Essen in einem schönen Straßenlokal, dem Holländischen Haus, marschierten wir zurück in Richtung Bahnhof und genossen noch einmal das bunte Treiben am Rathaus und den umliegenden Gassen. Mit der Heimfahrt nach Allenstein ging ein wunderbarer Ausflugstag zu Ende.

Peter Woelky

Marienburg

Donnerstag, den 29. Mai 2003 (Christi Himmelfahrt)
Swieta Lipka (Heiligelinde), Mikolajki (Nikolaiken)

Abfahrt war um 10°°Uhr vom Hotel. Der Wallfahrtsort Heiligelinde ist etwa 75 km von Allenstein entfernt, 6 km südöstlich von Rössel auf der Landenge zwischen dem Heiligelinder See (125,3ha) und dem Wirbel See (11ha).  Der kleine Ort ist geprägt von der Wallfahrtskirche  "Maria Verkündigung" und den Ständen für die Touristen, vorwiegend mit Bernstein in allen Variationen und Andenken.

Bei der Ankunft ist man erst mal überwältigt von dem Anblick der Wallfahrtskirche. Es wurden schnell ein paar Fotos und Filmaufnahmen gemacht. Das Kirchengelände setzt sich aus dem Gotteshaus, dem Kreuzgang mit vier Eckkapellen und dem Klostergebäude zusammen. Früher standen an der Stelle zwei Kapellen. Die Kirche ist eine dreischiffige Basilika und wurde im Jahre 1983 von Papst Johannes Paul II. der Titel "Kleine Basilika" zugestanden. Erbaut wurde sie von dem Tiroler Georg Ertly in den Jahren 1687/93. Die Wandmalereien (1722/27) in der Kirche und den Eckkapellen des Kreuzgangs sind ein Werk des aus Heilsberg stammenden Matthias Meyer. Die Orgel wurde 1721 in der Werkstatt Johann Josua Mosengels in Königsberg angefertigt, umgebaut 1905 von der Firma Terletzki-Göbel. Die Orgel hat 40 Register und ca. 4000 Pfeifen und ist mit Figuren zum Thema Mariä Verkündigung versehen. Der Hauptaltar (1712/14), ein Werk von K. Peuker, stellt (in drei Stufen) Mariä Himmelfahrt, Mariä Heimsuchung und das Gnadenbild dar. Letzteres wurde 1640 von dem flämischen, in Wilna tätigen Maler Bartholomäus Pens gemalt. Wertvollste Kunstwerke der Kirche sind der Tabernakel des Samuel Grew und der Ornat der Königin Maria Sobieska. Zum Kirchhof gelangen wir durch das aus Schmiedeeisen kunstvoll angefertigte Tor (ein Werk des Schmiedes Schwarz aus Rößel).

Zu 12°°Uhr befinden wir uns dann in der Kirche. Magdalena, unsere Dolmetscherin, hatte in Heiligelinde angerufen und jetzt sollte hier eine Heilige Messe in Deutsch sein. Ein Priester (ohne Ministranten) hält eine Messe in polnisch, unterstützt vom Organisten, der über Lautsprecher den Vorsänger macht. Die Predigt nahm kein Ende und so sehnte man den Schluss herbei. Am Ende der Heiligen Messe sprach der Priester unsere Gruppe plötzlich in Deutsch an. Wenn er gewusst hätte, dass wir hier sind, dann hätte er die Messe in Deutsch gehalten. Vielleicht hätte man sich vorher in der Sakristei einfinden und ein Kuvert übergeben müssen.

Unsere Fahrt ging dann weiter mit dem Bus nach Nikolaiken (Mikolajki), ca. 35 km von Heiligelinde entfernt. Der malerische Ort liegt am Nikolaiker See (Jez. Mikolajskie), welcher in Verbindung mit dem Spirdingsee (Jezioro Sniardwy) steht. Ein Spaziergang durch den Ort und an der Uferpromenade entlang, machte uns langsam hungrig und durstig. Viele kleine Gastronomien am See laden zu einer Pause ein. Bei einer Pizza und einem Bier stärkt man sich erst mal. Den WC-Schlüssel muss man sich geben lassen, wie vielerorts üblich, (auch an Tankstellen), um "Schu-Schu" zu machen. Der Rückweg zum Bus führt uns durch das Einkaufszentrum und auf den Polenmarkt. Wir gehen in einen Laden, um noch eine Flasche Bärenfang mitzunehmen. Da uns die polnische Bezeichnung entfallen ist, hoffen wir, dass wir die Flasche mit dem richtigen Inhalt gekauft haben. Unser Treffpunkt für den Bus liegt in der Nähe einer Kirche. Für uns ein magnetischer Anziehungspunkt. Wir hören Kirchenmusik, die über Lautsprecher nach draußen übertragen wird. (Diese Art der übertragung per Lautsprecher nach draußen hatten wir auch in Allenstein zur Mittagszeit erlebt). Wir gehen hinein. Es ist eine evangelische Kirche und es wird ein Nachmittagsgottesdienst gehalten.

Vom vielen Laufen und Gucken ist man dann doch froh, dass unser Bus kommt und uns wieder zu unserem Hotel in Allenstein zurückbringt.

Otfried Woelky

die Walfahrtskirche Maria Verkündigung in Heiligelinde das Geschäft mit den Touristen die Orgel der Walfahrtskirche Nikolaiken neu und alt - gut restauriert wunderschöne Gassen

Freitag, den 30. Mai 2003
Mit Boot und Pferd durch die Puszcza Piska (Johannisburger Heide)

Unser 6. Tag in Polen. Eindrücke der verschiedensten Art liegen bereits hinter uns. Was kann es noch geben? Gibt es noch Steigerungen?

Der Tag begann wie immer. Jeder stärkte sich wie gewohnt mit dem Frühstück für den Tag. Mit innerer Neugier fuhren wir los. Zwei Stichworte gab es am Vortag schon zu diesem Ausflug: Bootsfahrt und Kutschfahrt in der Johannisburger Heide. Zunächst das gewohnte Bild bei der Fahrt: Herrliche Landschaft und Ortschaften. Später verlieblichte sich die Landschaft und das Zusammenspiel von Wäldern, Wiesen und Seen wurde immer harmonischer. Für eine kurze Zeit machten wir auf dieser Fahrt an einem See halt und fingen mit unseren Fotos die Stimmung ein. Ein Pferdewagen überholte uns bei der Suche nach dem besten Standort für unsere Motive.

Wir hatten schon längst die Straßen der 1. und 2. Ordnung verlassen und fuhren auf schmalen Straßen durch die Natur. Dann war es soweit. Wir stiegen in Krutyn (Krutinnen) an einem kleinen Wasserlauf aus und wurden zu den Booten geleitet. Das Einsteigen war für einige etwas abenteuerlich. Das Boot reagierte entsprechend der jeweiligen Gewichtsverlagerung und bevor wir uns alle richtig austariert hatten, fuhren wir schon. Es wurde gestakt und das Boot schlängelte sich flussaufwärts. Der Grund des Wasserlaufes war zu sehen und das nahm so manch einem die Angst eines Kenterns mit schlimmen Folgen. Wir waren in einem Naturschutzgebiet, wo durch menschliche Hand keine Veränderungen vorgenommen werden. So umfuhren wir umgekippte Bäume im Fluss und staunten über die vielseitigen Beweise einer gesunden Natur. Die Bootsfahrt auf der Krutynia kann bei Belieben auf 100 km ausgedehnt werden. Auf der Rückfahrt brauchte nicht mehr gestakt zu werden, und so kamen wir durch die Strömung an unser Ausgangsziel zurück. Wir waren alle von dem Umfeld so angetan, dass keiner mehr sprach und nur noch die Stimmung genoss. Diese Stille hatte auch ihre eigene Lautstärke und jeder vernahm für sich eine Melodie der Ruhe. Dieses Erleben hat bei uns zu einer völligen Entspannung geführt, dass keiner mehr Angst hatte, der Kahn könnte mit all dem Lebendgewicht untergehen oder kippen.

Bevor wir von dort mit zwei Pferdekutschen durch eine unberührt wirkende Waldlandschaft fuhren, tauschten einige von uns auf einem kleinen Markt Zloty gegen Geschirr, Bernsteinschmuck oder polnische Kunstartikel.

Die Kutschfahrt war für alle eine sitzflächenschädigende Angelegenheit. Bewundert wurden von uns zwei Hunde, die uns mit großem Tempo und hängender Zunge begleiteten und wie wir viel Staub einatmen mussten. Unser Ziel war ein Pferdegestüt, wo wir mit masurischem Essen und Getränken belohnt wurden. Mehrere Hunde gesellten sich dort zu uns am Tisch und hofften, dass wir unsere Portionen nicht schaffen. Jeder von uns genoss die Atmosphäre und fühlte sich nach dem Essen wieder gestärkt für die Heimfahrt.

In unserem Hotel in Allenstein saßen wir abends wieder zusammen und pflegten die Gemeinschaft. Das Geschenk eines herrlichen Sonnenuntergangs an unserem Haussee rundete den erlebnisreichen Tag ab.

Manfred Woelky

oft gesehen: der Pferdewagen der Mann und der See der See ohne Manne auf der Krutynia Natur pur mit der Pferdekutsche ostpreußischer Geschirrspüler Abendstimmung am Okullsee

Samstag, den 31. Mai 2003
Freilichtmuseum Ethnographischer Park in Olsztynek (Hohenstein)

Der letzte Tag vor der Abreise stand ganz im Zeichen der ostpreußischen Kultur. Der Vormittag mit Besuch eines Freilichtmuseums mit seiner dörflichen Idylle und seiner wohltuenden Stille war der richtige Abschluss, um das Land unserer Väter in seiner natürlichen Umgebung noch besser kennen zu lernen.

1909 begann auf dem Gelände des Zoologischen Gartens in Königsberg die Gründung mit über 20 Denkmälern ostpreußischer, volkstümlicher Baukunst. In den Jahren 1938-42 fand der Umzug zur heutigen Stelle in Hohenstein statt. Das Museum verfügt heute über ein Arial von 60 ha. Bisher sind 56 Objekte (davon 12 von der Königsberger Sammlung) aus Ermland, Masuren, dem Weichselgebiet, Barten, Natangen, dem Samland und Klein Litauen hier aufgestellt worden. Diese Bauten von unterschiedlicher Konstruktion und Architektur bieten einen Einblick in das Alltagsleben der damaligen Bevölkerung. Ihre Wohnhäuser, Wirtschaftsgebäude, Handwerker- und Dienstleistungswerkstätten mitsamt sakraler Bauten, bereichern unser Wissen um die damaligen ethnischen Unterschiede im einstigen Ostpreußen. Auch hier war die Zeit zu kurz. Bei diesem schönen Wetter hätten wir alle gerne den ganzen Tag hier verbringen können.

Hubert Woelky

Freilichtmuseum Ethnografischer Park Kirche aus Reichenau 1712-14 (Kopie) Bauernkate, 1.H. 19.Jh. Hollöndische Windmühle aus Gross-Bestendorf (2.H 19.Jh.) Kirche Reichenau 1712-14, Innenraum Bauernkate aus dem Weichselgebiet 1.H.19.Jh. Fragment des Inneren von s.o. Bauernkate
Ermländische Hochzeit

Der daran anschließende Abend mit ermländischer Folklore und Lebensweise stellte sicherlich für alle Teilnehmer einen besonderen Höhepunkt der Reise dar. Nach einer kurzen Fahrt setzte uns der Bus auf einem kleinen Parkplatz etwa 20 km südl. von Allenstein ab.

Plötzlich galoppierte eine junge Frau in einem langen grünen Kleid auf einem rassigen Pferd auf uns zu und lud uns ein, ihr zu folgen. Gleichzeitig erschienen zwei Pferdewagen mit singenden und musizierenden jungen Menschen in ermländischer Tracht, die uns auf ihre Wagen baten. Nach einer fröhlichen Fahrt erreichten wir einen wunderschön gelegenen Bauernhof in einer idyllischen Landschaft, wo wir von den Bewohnern herzlich und mit Wodka begrüßt wurden. Dieser Hof in seiner natürlichen Umgebung mit seinen Menschen und vielseitigen Tierwelt gab uns vom ersten Moment an ein beglückendes Gefühl der Geborgenheit und Heimatliebe.

Wir wurden auf das herzlichste bewirtet und die herrlichen ostpreußischen Spezialitäten und Getränke sowie die Musik und Tänze sorgten im Nu für eine ausgelassene Stimmung.

Als dann die Zeremonien einer ermländischen Hochzeit begannen, wurde neben einem Paar einer anderen Besuchergruppe ich - ein alleinreisender Verwandter - aus unserer Gruppe  bestimmt, der mit allen Folgen und Konsequenzen den liebevollen "Bräutigam" darstellen sollte. Dieser Aufgabe stellte ich mich selbstverständlich mit allem mir zur Verfügung stehenden Mutes. Ausgestattet mit einem bändergeschmückten Blumenkranz auf dem spärlichen Haaransatz und einer Holzflöte um dem Hals, ließ ich mir die fröhlichen und derben Gebräuche der Hochzeit sichtlich gut gefallen. Einwänden aus Familienkreisen, was wohl meine Ehefrau zu Hause dazu sagen würde, entgegnete ich, meine Vorfahren sind Prussen gewesen und die durften ja, wie bekannt, bis zu 3 Frauen haben. Als später noch unser erstes Baby auf den Dorfplatz hereingerollt wurde, war die Verwirrung groß, dass dieses "Kind" fast auf den Tag genau so alt war wie sein vermeintlicher Vater.

Mit Beginn der Dunkelheit wurde an einem großen Lagerfeuer weiter gefeiert und getanzt und die Zeit verging wie im Fluge. Da am nächsten Morgen die Heimfahrt angetreten werden musste, hieß es dann Abschied nehmen von diesen wunderbaren Ermländern.

Anzumerken wäre noch, dass die Braut ein paar kleine Abschiedstränen aus den Augen drückte und ich - der frischvermählte Ehemann - auf der Heimfahrt merkwürdig still war.

Peter Woelky

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Sonntag, den 01. Juni 2003
Rückfahrt

Sieben Tage gemeinsames Erleben liegen nun hinter uns. Ich glaube, jeder von uns hat seine ganz speziellen Eindrücke mitnehmen können. War es die Landschaft, waren es die Menschen, war es der häufige Blick in eine Vergangenheit, die trotz ihrer liebevoll erhaltenen Wahrzeichen vergangen ist. Für manch einen fand auch die eine oder andere Eigenart unserer Väter nun in dem Gesehenen ihre Begründung.

Und sind wir nicht doch froh - trotz aller Wehmut über die für uns teils vergangenen Schätze von Schlichtheit, Naturverbundenheit, Glaube, Heimat und Tradition - der heutigen Generation anzugehören?

In meinen Augen war diese Fahrt eine Verneigung vor der Leistung unserer Vorfahren und die Harmonie unserer Gruppe der Beweis, dass die Familie auch heute noch der Grundstein jeder Entwicklung ist. Versuchen wir weiterhin durch das Kennenlernen der Vergangenheit die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu meistern.

Die Reise zu den Stätten unserer Vorfahren war für mich ein Erfolg, nicht weil ich Vergangenes sondern mich selbst gesehen habe. Ich danke allen, die mir dabei geholfen haben.

A u f   W i e d e r s e h e n

Hubert Woelky


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