Postkarten und Briefe 1947 2.Halbjahr

Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould

1.7.1947

Mein lieber Rudi!

Habe Dir sehr viel liebe Post zu bestätigen, nämlich Deine Briefe v. 4., 2x 15. u. 25.5. Du schreibst nun schon „Auf Wiedersehen" und aus Deinen Zeilen ersehe ich, daß Du die letzte Zeit noch gut überstehen wirst, um wirklich hoffentlich bald gesund bei uns zu sein. Gestern war unser Gemeindefest im Zoo. Ich hatte dieses Jahr noch weniger Stimmung und Lust dorthin zu gehen. Da die Kinder und ich freie Eintrittskarten erhielten, nahm ich doch mit Oma daran teil. Ein kurzes Gewitter jagte uns in das Kellerrestaurant. Für die Kinder waren Verlosung, Buttermilch, 2 Bonbons, Kasperle-Theater, Karussel und Luftschaukel die großen Ereignisse. Uschi bewunderte staunend große und kleine Tiere. Viele Bekannte traf man nach einem Jahr wieder. Ich sprach mit dem alten Woitscheck und soll Dich besonders grüßen. Tante Hartmann trifft man meistens beim Einkauf mit Manfred, der recht übermütig ist. Georg soll schon 12 Pfund abgenommen haben. Herzlichen Grußkuß Deine Gitta und Kinder


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould

2.7.1947

Mein lieber Rudi!

Es ist schon spät, ich will Dir aber noch schreiben. Also mein Gärtchen hier am Haus verbraucht viel Zeit und ich bin doch dort so gern. Es muß alles günstig ausgerechnet werden. Jedes Plätzchen wird ausgenützt. Zu schade, daß ich dieses Jahr keinen größeren Garten habe.


Rudolf Woelky, Gefangenennummer 774204, Lagernummer 62, St.Menehould, an Anna Woelky, Berlin N.W.21, Oldenburger Str. 3b

06.07.1947

Liebe Mutter, liebe Lucie!

Nach einem kleinen Sonntagsspaziergang will ich Euch noch einen lieben Gruß schreiben und dann kann der Alltag wieder beginnen. Ich bin froher zuversichtlicher Stimmung, denn ich rechne bestimmt auf eine baldige Entlassung. Lucies Karte und Brief v. 9. u. 17.6. haben mich gestern erreicht und ich danke dafür. Anni tut mir auch leid, doch es sollte wohl so sein. Also drückt die Daumen für mich, damit wir uns bald wiedersehen.

Rudi.


Hermann Reisch in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould

10.7.1947

Lieber Rudi!

Deine Zeilen v. 22.6. dankend erhalten. Freue mich für Dich, wenn Du Dir keine Illusionen betreffs der Heimkehr machst. Das Du kein „Schuft„ bist, bedarf natürlich gar keiner Versicherung und wird auch von niemanden angenommen. Wir werden uns jedenfalls alle sehr freuen, wenn Du bald kommst und Du sollst mal sehen, dann wird schon alles werden. Schwierigkeiten sind ja da, um überwunden zu werden. Wenn auch vieles heutzutage nicht in unserer Hand liegt. Wenn noch möglich und wenn’s schneller gehen sollte, kannst Du auch direkt nach hier kommen, wirst ja sehen, wie es am besten geht. Sonst gehst Du erst zu Dorchen. Falls ein geschlossener Transport nach hier geht, kannst Du ja mit, aber da blüht Dir in der russ. Zone 2-3 Wochen Quarantänelager. Na, Du wirst ja sehen, wie es am besten ist. Herzlichen Gruß Hermann


Hermann Reisch in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould

10.7.1947

Lieber Rudi! Um Juli/August herum werde ich wohl wieder in Gannerwinkel sein zur Ernte. Vater hat heute Nachtdienst auf der Paketpost. Regina, Michael, und Otfried gehen während der Ferien täglich in das Ferienlager nach Wannsee. Für Gitta eine schöne Entlastung. Sonst soweit alles wohlauf. Ab und zu gehen wir auch ins Kino, die Eltern, Gitta und ich. Herzliche Grüße von den Eltern, Georg u. mir Hermann


Bruno Woelky in Syke an Rudolf Woelky in St. Menehould

10.7.1947

Lieber Rudi!

Mit großer Freude erhielten wir gestern Deinen Brief. Wir freuen uns, daß es Dir noch gut geht und vor allen Dingen, daß Du trotz allem Deinen Humor behalten hast. Deine Glückwünsche an Anni kamen verfrüht. Es kam anders als wir alle ahnten. Zum Glück ging Anni zur Entbindung nach Bremen in die Klinik. Sie hat eine sehr schwere Geburt gehabt. Das Kind musste operativ entfernt werden und starb dabei. Wir haben es gar nicht zu sehen bekommen. Es war ein Junge von über 7 Pfund. Es war für uns wohl das beste so. Es hatte einen Fehler und wäre doch nicht lebensfähig geblieben. Darüber später mündlich. Für Anni war es selbstverständlich ein harter Schlag. Sie hat sehr viel leiden müssen. Die Entbindung war schon am 7.6. Nun befindet sie sich Gott sei Dank auf dem Wege der Besserung.

Nun zu Dir und Deiner Entlassung. Ich habe ja immer noch die Hoffnung, daß mein Traum in Erfüllung geht und Du bis zum Herbst entlassen wirst. Von Bonn kannst Du dann ja ohne weiteres nach Syke fahren. Ich freue mich jetzt schon, Dich endlich nach so viel Jahren wiederzusehen. Hoffentlich hältst Du auch Dein Versprechen. Später wirst Du kaum Gelegenheit haben zu uns zu kommen. Viele herzliche Grüße von Deinem Bruder Bruno sowie von Anni und Peter.

Lieber Rudi!

Bei der Durchsicht der Post finde ich sogar noch einen unbeantworteten Brief von Dir. Schreibe deshalb gleich weiter. - Von Georg erhielt ich dieser Tage auch Post. Es geht ihm seit seiner Entlassung gut. Mit Arbeit hat er Glück gehabt. Er hat eine Stellung als Kalkulator bei einer Maschinenfabrik in der Huttenstr. Er klagt nur sehr über die Verpflegung. Hat bis jetzt 15 Pfund abgenommen. Also Rudi halte Dich dran, so lange Du an der Quelle sitzt. An Kirschen oder anderem Obst wirst Du Dir in Deutschland nie mehr den Magen verderben können. Wer nicht selbst einen Baum im Garten hat, wird derartige Gemüse nie mehr zu sehen bekommen. Du wirst sowieso auf vieles verzichten lernen müssen. Wir sind ja nur noch Sklaven der andern. Na, das wirst Du ja früh genug zu spüren bekommen. Wenn Du Dir für Dein gespartes Geld etwas an Sachen kaufen kannst, dann tue es. Für die nächsten 20 Jahre bekommst Du in Deutschland nichts. Aber laß deshalb den Kopf nicht hängen. Der liebe Gott lässt keinen braven Deutschen zu Grunde gehen. Das ist mein Wahlspruch und bis jetzt hat er geholfen. Durch meine neue Arbeit geht es mir sehr gut. Ich brauche jedenfalls meine Familie nicht mehr hungern zu lassen. Also bis auf ein gesundes Wiedersehen in der Heimat. Bruno


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould

13.7.1947

Mein lieber Rudi!

Besonders am gestrigen Tage dachte ich an Dich und rechnete 1 Monat weiter. An Deinem Geburtstag hofftest Du bei uns zu sein, in Gedanken werden wir es bestimmt. Möge nun der Tag des wirklichen Wiedersehens nicht mehr allzu weit sein. Für Deinen Geburtstag wünsche ich Dir ebenfalls von den Kindern und meinen Eltern recht viel Freude und Glück. Danke Dir für Dein liebes zartes Gedicht. Ich kann es leider nicht so wiedergeben, was ich innerlich empfinde. Doch Du kennst mich. Alles für Dich und unsere Kinder! Bald ist die Trennung vorüber. Erhielt schon Deine lieben Zeilen v. 20.6. + 22.6. Gestern besuchten mich Herr Gnadt und Frau. Er wird Dir die A-Karte schreiben. Seine Adresse ist (21 b) Iserlohn, Piepenstockstr. 62. Gnadt sieht sehr gut aus. Ich wollte nur studienhalber nach Wandlitzsee, da leider für dieses Jahr etwas anderes nicht möglich. Die Schulkinder haben hoffentlich durch Wannsee (Wald) ihre Erholung. Herzlichst in Liebe und Sehnsucht

Deine Gitta


Rudolf Woelky in St. Menehould an Regina Woelky in Berlin

13.7.1947

Meine liebe Regina!

Ich hätte mich sehr gefreut, wenn ich an Deinem Geburtstag schon bei Dir wär, aber ich werde es wohl nicht schaffen. Es kann ja mal sehr schnell kommen, doch kann ich mich nicht darauf verlassen. So will ich wenigstens hoffen, daß dieser Brief noch zeitig ankommt. Wünsche Dir also zu Deinem neuen Lebensjahr alles, alles Gute. Vergiß nicht, täglich unseren lieben Herrgott für Dein Leben zu danken, dann wird er Dir auch seine Gnade erhalten und es wird Dir immer gut gehen. Bleibe brav und fleißig, behalte Deine Eltern lieb, so werden sie es Dir auch stets danken. Mutti hat mir bisher nur immer Erfreuliches über Dich geschrieben, und ich weiß, daß ich Dir diese Ermahnungen nicht geben brauchte. Aber ein Geburtstag ist ein Tag, an dem man alle guten Vorsätze erneuern soll. Und schließlich sollst Du Deinen jüngeren Geschwistern stets ein Vorbild bleiben. So gebe ich Dir einen lieben Kuß und grüße Dich herzlich dein Vater


Rudolf Woelky in St. Menehould an Dora Duwe in Küdinghoven

13.7.1947

Liebe Dorchen!

Deine liebe Karte v. 20.6. erhalten. Das Buch habe ich Dir in einem Brief bereits bestätigt. Es gefällt mir sehr gut und hat mir schon viele schöne Stunden geschenkt. Nach meiner Entlassung komme ich zuerst zu Dir. Wenn also eines Tages ein Bauer vor Deiner Tür steht, dann laß ihn bitte eintreten – auch wenn er keine Butter und kein Speck in seinem Säckel hat. Dir und Mieka herzliche Grüße. Rudi


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould

14.7.1947

Mein lieber Rudi!

Nachdem die ersten 2 Ferientage recht kühl und regnerisch waren, scheint heute etwas die Sonne. Die Kinder sind in Wannsee aber nicht am Wasser. 2x bekommen sie warmes Essen. Schnitten nehmen sie mit und abends schmeckt es noch zu Haus. Ich genieße zunächst mit Uschi die Ruhe, Nachmittagsschläfchen, Gartenarbeit. 1 Pfund grüne Bohnen soll 6,- Mk. kosten. Bisher habe ich ca. 3 Pf. geerntet. Ich freue mich so, daß ich durch das Gärtchen zusätzlich habe, Spinat, Radies, Rettich, Salat, Bohnen, Mohrrüben, Kohlrabi. Nicht viel, aber es bereichert und schafft Abwechslung. Augenblicklich lachen mich 3 rote Mohnblumen an. Ich wollt Dir noch schreiben, wie Otfried Dir ähnlich sieht. Komme neulich aus dem Haus, sitzt Otfried da auf Steinen, schönen geraden Scheitel, guckt mich so ruhig lächelnd an. Ich musste denken, ist doch Rudi und war recht glücklich. Otfried ist meist freundlich. Micha macht eher mal ein Gesicht, ich mache ihn immer aufmerksam. Bei den Mädchen habe ich in dieser Beziehung keine Beobachtung. Wie schön, wenn wir gemeinsam alles austauschen können. Auf Wiedersehen. Herzliche Gruß und Kuß. Deine Gitta


Hermann Reisch in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould

16.7.1947

Lieber Rudi!

Einen Gruß aus dem sommerlichen Berlin. Deine Kinder fahren nun raus, täglich nach dem Wannsee. Kommen sie wenigstens an Licht, Luft und Sonne. Ja, wenn noch möglich, dann komme man direkt nach Hause. Eine Zwischenstadion wird nicht mehr unbedingt nötig. Herzliche Gruß Hermann


Herta Heim in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould

17.7.1947

Lieber Rudi,

heute Deine Karte v. 29.6. herzlich dankend erhalten. Mir fällt gerade ein, daß es schon wieder an der Zeit ist an Deinen Geburtstag zu denken und im Falle Du diesen noch fern von uns verleben solltest möchte ich Dir von ganzem Herzen alles, alles Gute für Dein neues Lebensjahr und für den Tag selbst recht viele schöne Stunden wünschen. Bis zu unserem baldigen und hoffentlich gesundem Wiedersehen die herzlichsten Grüße von Deiner Schwester Herta u. d. Kindern


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould

18.7.1947

Mein lieber Rudi!

Gestern bin ich mal mit den Kindern nach Wannsee mitgefahren. Uschi ist auch tapfer gelaufen. Die Zeit vergeht sehr schnell, da der An- und Abmarsch etwas weit ist. Die Kinder gehen aber gern und die Suppen sind kräftig. Erhielt schon Deinen lieben Brief v. 29.6. Im Juni/Juli kam wohl die meiste Post und ich schreibe Dir ebenfalls das 8. Mal im Juli. Ich meine dadurch auch viel näher mit Dir zu stehen oder beschäftige ich mich nicht nur mit Dir und Deiner Rückkehr. Drollig finde ich, daß mein Peter an den Friseur denkt, sollte ich nicht gerade so bleiben wie ich jetzt gehe : Glatt und im Nacken die Rolle. Also ich werde es mir noch überlegen. Wird die Eitelkeit siegen? Außerdem möchte ich Dir gefallen. Durch die Kirche wurde ich unterstützt. Habe also keine Sorgen, wenn ich mir keine mache. Regina könnte für die höhere Schule angemeldet werden. Ich habe davon bis jetzt abgesehen. Frei werde ich sie nicht bekommen, 20 Mk. Schulgeld mtl. Vielleicht ändert sich das Schulwesen. Würde gern Deine Meinung wissen. Ich bin nur fürs Praktische. Kuß Gitta


Rudolf Woelky in St. Menehould an Brigitta Woelky in Berlin

23.7.1947

Liebe Gitta!

Brief v. 1.7. erhalten. Hier noch nichts Neues. Furchtbar warm. Mitten in der Ernte. Bin zu faul zum Denken. Gehe langsam ein. Fließe weg. Dem Postboten sind schwerwiegende Briefe, wie Entlassungsschreiben, auch zu schwer bei der Hitze. Aber Geduld, mein Herz, es kommt. Für heute viele herzl. Grüße und auf ein baldiges frohes Wiedersehen. Dein Rudi


Anna Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould

26.7.1947

Lieber Rudolf!

Deinen Sonntagsgruß vom 6.7. dankend erhalten. Ich freue mich, dich wohl in der Heimat begrüßen zu dürfen. Da es bis zu deinem Geburtstage nur noch paar Tage sind, so will ich dir doch noch meine Glückwünsche in die Gefangenschaft schicken, denn ich glaube kaum, daß du es bis dahin schaffen wirst, aber wir wollen viel beten, daß du gesund heimkehrst.

Viele herzliche Grüße und Gottes Segen zur Heimkehr Mutter


Hermann Reisch in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould

26.7.1947

Lieber Rudi!

Zu Deinem Geburtstage meine und der Familien herzlichsten Glückwünsche. Auf das wir Dir demnächst die Hände schütteln! Wenn möglich lass Dich direkt nach Berlin schicken, nach Fortfall einiger Gründe ist’s einfacher. Herzl. Gruß Hermann


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould

27.7.1947

Mein lieber Rudi!

Wieder einmal Sonntag. Heute nacht vor Wärme nicht schlafen können. Nun ist es wieder abgekühlt. Am gestrigen Annatag bei beiden Müttern gewesen. In die britische Zone gehen Ferienkindertransporte, evtl. soll Regina zu Tante Dorchen. Sie hätte dort wenigstens mal Obst. Noch schwebt die ganze Sache, ärztl. Untersuchung, Beratung, und ob und wann die Strecke dran ist. Am 1.9. beginnt die Schule, da wollte ich Regina gern zurückhaben. Bis 8.8. sind die Kinder in Wannsee. Bei Schulbeginn soll eine freie Speisung beginnen. Das muß man alles in Betracht ziehen, ob es lohnt, da sie dort auch nur auf Karten leben. Hoffentlich hast Du die Hitze gut überstanden. Du warst ja schon immer eher für Kälte. Du wirst Dich wohl mit dem Transport anschließen können, also direkt heim. Auf Wiedersehen - Herzlichst grüßt u. küsst Dich Deine Gitta


Michael Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould

27.7.1947

Lieber Vati.

Ich freue mich über Deine lb. Karte v. 6.7. und besonders, wenn Dein Zug erst fährt. Auf den Ferienspielplätzen ist es sehr schön. Gestern gab es Schokoladensuppe mit Zwieback und das hat sehr gut geschmeckt. Wir turnen und spielen Ball, was wir wollen. Herzliche Grüße Dein Sohn Michael


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould

28.7.1947

Mein liebes Peterchen!

Deine Zeilen v. 6.7. schon erhalten. Man sieht, alles hat es eilig, so auch die Post. Keiner will der Letzte sein, so auch nach einem Zeitungsartikel eines Antifaschisten. Der meint, er wär der Letzte entlassene. Die 4. Kategorie bereits im Juni. Von Wandlitzsee habe ich leider auch nichts mehr gehört, man wollte mich mitnehmen; allein gehe ich nicht auf Reisen. Mir will überhaupt nichts klappen. Keinerlei Beziehungen. Mutti tröstet, laß man, wenn Rudi erst hier ist oder Rudi kommt bald, dann... Ja, dann. Es gibt kein größeres Glück als das Wiedersehen. Ein Vorgeschmack wird der Tag sein, da Du schreibst, daß Du unterwegs bist. Mit den Beetchen und Gärtchen ist es meist nicht so idyllisch, schon durch Umzäunung durch Schutt, alten Bettstellen, rostigen Wänden und Gittern. Auch uns gegenüber solche Aussicht. Nur gelbwinkende Sonnenblumen erfreuen. Herzlich Grüße und Küsse von den Kindern besonders von Deiner Gitta


Georg Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould

28.7.1947

Lieber Rudi!

Zu Deinem bevorstehenden Geburtstage möchte ich nicht vergessen, Dir die herzlichsten Glückwünsche zu übermitteln. Nach Deinen Angaben wirst Du jetzt täglich erwartet, aber leider weiß ich nur zu gut, daß es nicht nach unseren Wünschen geht. Jedenfalls wünsche ich Dir eine recht baldige Heimkehr, daß Du wenigstens das Weihnachtsfest im Kreise Deiner Familie verbringen kannst. Ich habe mich nun wieder, nachdem ich meine 15 Pfund abgenommen habe, gut klimatisiert. Wie wir, so wirst auch Du Dich an die hiesige schmale Kost gewöhnen müssen. Aber habe keine Angst, es ist immerhin noch besser, als die lange Trennung. Also noch einmal alles Gute und herzliche Grüße von Deinem Bruder Georg. Viele Grüße und Wünsche auch von Kathi, Manfred und Schwiegereltern.


Rudolf Woelky in St. Menehould an Regina Woelky in Berlin

31.7.1947

Liebe Regina!

Briefe v. 28.6. u. 2.7., sowie die Karte v. 2.7. mit großer Freude erhalten. Jetzt wirst Du mit Micha u. Otfried auf dem Ferienspielplatz sein. Vielleicht am Wannsee oder im Grunewald. Wenn es sehr warm ist, könnt ihr sicher baden gehen. Hier ist es entsetzlich heiß. Ein Tag wie der andere. Das Wasser im Kanal ist so warm wie im Wannenbad. Ich schwitze auch sehr, von morgens um 5 bis nachts 24 Uhr tropft mir der Schweiß. Ich möchte mich gerne mal mit kaltem Leitungswasser waschen. Herzlichst Dein Vati


Rudolf Woelky, Gefangenennummer 774204, Lagernummer 62, St.Menehould, an Anna Woelky, Berlin N.W.21, Oldenburger Str. 3b

31.07.1947

Liebe Mutter, liebe Schwester!

Danke Euch für die Antwortkarten v.26.6., 5.u.6.7. Morgen beginnt nun der Monat, auf den ich meine ganze Hoffnung setze. Er hat zwar auch 31 Tage, doch einer davon wird schon mein Entlassungstag sein. Nur die Hitze müßte bald abnehmen, sonst gehe ich vorher noch ein. Da war es in den Bergen bei Jolanthe doch luftiger. Hier kann ich kaum schlafen. Habe deswegen mit Emelda meinen letzten Streit gehabt. Jetzt ist es aus mit der Freundschaft. Die Sonne bringt es an den Tag. Herzl. Gruß Rudi.


Herta Heim in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould

1.8.1947

Lieber Rudi,

Deinen lb. Brief vom 3.7.1947 herzlich dankend erhalten. Die Kleinen haben sich halb krank gelacht. Die beiden Großen sind an der Ostsee und ich werde ihnen den Brief mit beilegen, damit auch sie ihn lesen können und Dir auch einen Gruß schreiben können. Ich bin ja nicht ganz sicher, ob Dich dieser Brief noch dort erreicht. Wenn nicht, dann schadet es nichts, dann sprechen wir uns ja bald persönlich. Bleib nur schön gesund! Dir eine gute Heimfahrt wünschend, grüßt Dich herzlichst Deine Schwester Herta, Karin und Helmut.

Viele herzliche Grüße Dein Wolfgang

Lieber Onkel Rudi! Mir geht es hier an der Ostsee sehr gut. Das Essen ist schmackhaft und reichlich. Ich habe in 3 Wochen 2½ Pfund zugenommen. Wir waren schon 7x baden. Ich erzähle Dir alles ausführlich wenn Du in Berlin bist. Ich habe mich sehr gefreut über Deinen Brief. Ich musste viel lachen. Es grüßt Dich herzlich bis zum Wiedersehen Deine Renate.


Rudolf Woelky in St. Menehould an Brigitta Woelky in Berlin

3.8.1947

Meine liebe Gitta!

Man kann nicht wissen, aber der Brief kann doch noch vor mir dort sein. Rechne noch hier mit 14 Tagen, denn mitten in der Ernte werden sie niemand vom Bauern fortholen. Wenn nur nicht grad jetzt so eine unmenschliche Hitze wäre. Mein eifersüchtig gehütetes Gewicht ist wie Butter weggeschmolzen. Seit 14 Tagen schwere Erntearbeit bei 55–60 Grad. Ein Tag wie der andere. Nachts keinen Schlaf. Am Tage keinen Appetit. Gewichtsverlust pro Tag ein Pfund. Mir schlackern schon die Knie. Es ist beinahe so, als sollte man rein gar nichts mit nach Deutschland hinüber retten. Die letzte Zeit ist eine Nervenzeit. Wenn ich nach 4-5 Stunden Schlaf am Morgen zu mir komme, ist mein erster Blick nach dem Himmel, ob Aussicht auf Bewölkung besteht. Wenn nicht, dann beginnt der Tag schlecht. Meine ganze Hoffnung lege ich auf den Mondwechsel. Noch besser wäre natürlich sofortiger Klimawechsel. Na, Peterle, wie gesagt, sind wir über den Hund gekommen, dann kommen wir auch über den Schwanz. Und dann gibt es ein Wiedersehen. Vielleicht ist schon alles überstanden, bevor dieser Brief in Deine Hände kommt. Gott gebe es! Bestätige Dir noch Deine lb. Briefe v. 2. + 6.7. – Und morgen hat Regina Geburtstag.

Allen recht herzliche Grüße Dein Rudi


Rudolf Woelky in St. Menehould an Brigitta Woelky in Berlin

10.8.1947

Meine liebe Gitta!

Eine Feier kann man verlegen, einen Geburtstag leider nicht. Die Zeit ist nicht auszuhalten. So gern man auch möchte. übermorgen 39 Jahre alt. Vier große Kinder daheim, die man sich kaum noch vorstellen kann und nach denen man sich doch so sehr sehnt. Meinen Geburtstagswunsch kennst Du, denn er deckt sich mit euren Wünschen. Und ich danke Dir und den Kindern für rechtzeitig eingetroffene Geburtstagsbriefe und für all die Liebe zu mir, die aus jeder Zeile spricht. Ich bitte Gott, daß er den Geist der Liebe in unserer Familie stets wach erhalten, uns bald vereinen und in christlicher Verbundenheit uns beieinander leben lassen möge. Denn es gibt nichts Glücklicheres auf Erden als eine wahrhaft im christlichen Geist lebende Familie. Es stünde besser um diese Welt, würde jeder diese Erkenntnis besitzen und danach leben. Wie hetzen die Menschen hier um mich durchs Leben, sind sich nie gut und entfernen sich täglich mehr voneinander. Vielleicht hat Gott uns all das Schwere, die Trennung und die Not geschickt, damit wir durch diese Leiden die echte große Freude genießen dürfen: den Gleichklang der Seelen. Ich freue mich auf das Wiedersehen. In herzl. Liebe Dein Rudi


Regina Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould

12.8.1947

Lieber Vati!

Ich danke Dir für den lieben Brief v. 13.7. Meinen Geburtstag habe ich fröhlich verlebt. Ich habe immer an Dich gedacht an dem schönen Tage. Ich habe auf den Ferienspielplätzen auch Kakaosuppe nachbekommen. Von Onkel Georg habe ich einen Rosenkranz bekommen. Tante Marga hat mir ein Nachthemd und ein Merkheftchen geschenkt. Ein großes Spiel und noch mehr Sachen, äpfel, Birnen und Tomaten bekam ich. Ein Päckchen von Tante Dorchen. Heute ist Dein Geburtstag. Hoffentlich bist Du bald bei uns. Ein liebes Küsschen von Deiner Regina.

Lieber Rudi!

Wird besser sein über Bonn zu kommen. Regina fährt leider nicht, da die Transporte abgesagt sind. Falls Du Zündsteine besorgen kannst, da diese sehr gefragt sind. Das Warten macht langsam nervös, da auch keine Post kam. Schenke Dir einen lb. Geburtstagskuß. Deine Gitta


Rudolf Woelky in St. Menehould an Brigitta Woelky in Berlin

16.8.1947 im Lager

Meine liebe Gitta!

Du hast ja warten gelernt. Ich kann Dir noch nicht das Erwartete mitteilen. Eines aber weiß ich: der August wird vergehen. An meinem Geburtstag gab es eine Wendung. Das Kapitel „Emelda" wurde abgeschlossen. Am Abend wurde ich krank und am nächsten Tag war ich im Lager. Der Arzt konnte nichts feststellen, und ich merke heute auch nichts mehr. Hatte Schmerzen in der rechten Lungengegend, wahrscheinlich eine rheumatische Sache. Ob ich nun noch einmal auf ein Kommando hinaus geschickt werde, weiß ich noch nicht. Jedenfalls werden bis zu meiner Entlassung noch einige Wochen vergehen. Das ist wenig erfreulich, aber kein Grund zur Mutlosigkeit. Der liebe Gott wird es auf unserem Schuldkonto verrechnen. – Am Montag erhielt ich Deine lieben Briefe v. 13.u.18.7. Du möchtest gerne meine Meinung betr. Umschulung für Regina wissen. Leider fehlt mir von hier aus der Blick über alles, was damit zusammen hängt. Ich kann nur meine allgemeine Einstellung zu der Frage sagen und die lautet: in jedem Beruf, sowie in der menschlichen Gesellschaft, steht der Mensch mit dem größeren Wissen und Können am 1.Platz. Einen Entschluß für Regina kann ich von hier aus leider nicht treffen.

Es grüßt Dich herzlichst Rudi


Rudolf Woelky, Gefangenennummer 774204, Lagernummer 62, St.Menehould, an Anna Woelky, Berlin N.W.21, Oldenburger Str. 3b

16.08.1947

Liebe Mutter!

Ich glaube, ich werde von hier nicht mehr an Dich schreiben brauchen. Doch nach neuesten Informationen werden wohl noch einige Wochen vergehen bis wir uns alles mündlich sagen können. Bei Emelda bin ich seit dem 13. nicht mehr. War über Nacht zu Ende. Nun, darüber später, mündlich. Im Lager feierten wir gestern Maria-Himmelfahrt. Am Abend hierüber ein Lichtbilder Vortrag. Den Tag über las ich aus dem Leben der Therese Neumann aus Kommersreuth. Die Berichte haben mich neu aufgerichtet und mich im Glauben gestärkt. Ich weiß wieder, daß einer da ist, der alles weiß und lenkt. Und wenn er das schwere Leid, das wir heute tragen, nicht gewollt hätte, dann wär es nicht da. Aber wir wollen Ihn täglich darum bitten, daß Er unserem Vaterlande wieder seine Gnade zuwende. – Lucie hoffte ich auch schon Geburtstagsgrüße aus Deutschland zu senden. Nun kommen sie verspätet an. Aber, liebe Lucie, sie sind darum nicht weniger herzlich gemeint. Wir Menschen sind ja zu schwach dem Wunsch auch die Erfüllung zu geben. Aber das Gebet kann uns dazu verhelfen. Und das will ich tun. Es grüßt Euch herzlich Euer Rudi.


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould im Lager

18.8.1947

Lieber Rudi!

Heute lacht doppelt die Sonne, da ich nach über 2 Wochen Post von Dir habe. Danke für Post v. 3.8. u. 23.7. Gina u. Michas Karten v. 31.7. u. 3.8. Gestern haben wir einen schönen Sonntag gehabt. Pichelsberg, Stößensee – Dampferfahrt nach Gatow – Badewiese. Es war herrlich. Die Havel mit den vielen Segelbooten. Mutti, Georg und Tante Lisbeth waren mit. Das nächste Mal nur mit Dir allein. Auf Wiedersehen! Herzliche Grüße und Küsse v. Deiner Gitta


Rudolf Woelky in St. Menehould im Lager an Dora Duwe in Küdinghoven 

20.8.1947

Ihr lieben guten Tanten!

Da habt Ihr wahrscheinlich schon das Kalb geschlachtet und ich sitze noch hier. Ja, pökelt das Fleisch nur ruhig ein, es werden noch einige Wochen vergehen, ehe ich mit Euch davon essen darf. Dann ist auch das Laub farbenreicher und die Sonne scheint nicht mehr so heiß. Bei der jetzigen Hitze eine Musikkapelle ins Haus bestellen dürfte zu kostspielig werden. Meinen Geburtstag habe ich bei Emelda gefeiert. Da ging es so toll zu, daß ich am Abend krank war. Am Tage darauf bin ich dann im Lager gelandet, und da bin ich vorläufig noch. Solange ich noch Geld habe, kann es mir nicht schlecht gehen, denn es gibt manches zu kaufen, was den Kalorienstand erhöhen hilft. Doch wie bald, doch wie bald, schwinden Francen und Gestalt. Mit unserer Entlassung ist es eben wie mit einer Maschine. Während sie in anderen Lagern auf Hochtouren läuft, steht sie bei uns. Maschinen sind seelenlose Dinge und das dazu verwandte Material nicht immer gleich. Hätte doch der Krieg nur alle Maschinen vernichtet. Sollte das Kalb noch leben, so füttert es gut. Entschuldigt das schmutzige Papier; ich bekam kein anderes.

Herzlich grüßt auf ein baldiges Wiedersehen. Rudi


Rudolf Woelky in St. Menehould im Lager an Brigitta Woelky in Berlin

20.8.1947

Liebste Gitta!

Erhielt bereits Deine lb. Zeilen vom 7.8. Wie Du siehst bin ich noch im Lager. Frage nicht, wie lange noch, denn das weiß ich selbst nicht. Es geht mir ja auch noch gut, denn ich habe noch Geld. Andere Lager sollen uns in der Entlassung voraus sein, wir liegen zu hart an der Grenze und sind deshalb wohl die Letzten. Die Tanten haben auch angefragt, ob sie schon die Kapelle bestellen sollen. Ein Kalb wollen sie auch schlachten.

Gruß und Kuß Dein Rudi


Rudolf Woelky, Gefangenennummer 774204, Lagernummer 62, St.Menehould, an Lucia Woelky, Berlin N.W.21, Oldenburger Str. 3b

24.08.1947

Liebe Schwester,

lieber als diese Karte hätte ich meine Hand in die Deine gelegt und mit ihr meine Wünsche zu diesem Deinen Tag bekräftigt. So aber schau ich mit Neid auf die mit dem Westwind segelnden Wolken und warte weiter auf den Tag, der mich ans Ziel bringt. Er kann nicht sehr weit sein, aber für mein ungeduldig schlagendes Herz noch weit genug. Man wird mir bis dahin wohl noch manche Bohnensuppe und manche Parole zum Verdauen geben. Rudi.


Joseph Süß in Birkenhördt Pfalz an Brigitta Woelky in Berlin

25.8.1947

Sehr verehrte Frau Woelky !

Da mir gerade der Soldatenakt mit Ihrem Brief zu Gesicht kommt, würde es mich interessieren, ob ihr Mann zu seiner Frau und den Kindern Regina, Michael, Otfried und Ursula glücklich zurück gekehrt ist.

Auch ich habe eine „Tochter" bekommen. Aus der russischen Zone hat sich ein 13 jähriges Mädchen zu uns geflüchtet. Sie hat den Vater und die Heimat verloren.

Gott segne Sie

Ihr Joseph Süß


Michael Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould im Lager

26.8.1947

Lieber Vati,

einen schönen Ferientag haben wir bei Tante Herta verlebt. Regina und ich gingen morgens zur Messe und dann sind wir mit der Straßenbahn gefahren. Wir gingen mit Tante Herta, Karin und Helmut in den Garten. Tante Herta hat auch Gurken und Sonnenblumen. Herzliche Grüße von Deinem Sohn Michael


Regina Woelky in Berlin an Rudolf Woelky im Lager St. Menehould

26.8.1947

Lieber Vati!

Am Sonntag waren wir bei Tante Lucia zum Geburtstag. Wir haben Kuchen gegessen und zum Abend Kartoffelsalat. Heute haben wir uns eine kleine Wohnung gebaut und Vater, Mutter, Kind gespielt. Frau Hettwer gibt uns öfter Birnen. Einen Gruß und einen Kuß von uns allen. Deine Tochter Regina


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky im Lager St. Menehould

26.8.1947

Mein lieber Rudi!

Dein heutiger Brief v. 16.8. hat mich recht traurig gemacht. Doch draußen das schöne Wetter und drinnen ein liebes Lied im Radio lassen den Kopf wieder heben. Mit Mut einer besseren Zeit entgegen und einmal gibt’s ein Wiedersehen. Mein Gefühl täuschte mich nicht. Ich dachte nur, daß Du möchtest nicht zum Schluß noch krank werden. Inzwischen wirst Du 3 fehlende Briefe und spätere Briefe wohl noch erhalten haben. Hoffentlich habe ich es Dir nicht irgendwie noch schwerer gemacht. Deine Lage ist bestimmt die schwerste und ich möchte sie Dir nur erleichtern. Vielleicht konntest Du jetzt etwas ruhen, um Dich zu erholen. Nach heutiger Meldung haben sich ja von den befragten Gefangenen in Frankreich über 40% freiwillig gemeldet, zur Arbeit in Frankreich zu bleiben. Also müssten doch die Aussichten für Dich günstig sein. Manchmal gut, wenn man nicht alles weiß und ich verstehe mich in manchen Dingen nicht. Wie gerne möchte ich Deinen Erklärungen lauschen. Neulich denke ich so scharf an Dich, da wird gerade wie bestellt gespielt: „Hörst Du mein heimliches Rufen?"

Von den Kindern recht liebe Grüße. Innige Küsse von Deiner lb. Gitta


Hermann Reisch in Berlin an Rudolf Woelky im Lager St. Menehould

28.8.1947

Lieber Rudi!

Hörten mit Bedauern, daß sich Dein Kommen verzögert. Hoffentlich ist mit Deiner Erkrankung nichts ernstliches. Gitta macht sich gleich viel Sorgen. Na hoffen wir, daß Du bald mal eintriffst. Ob über Tante Dorchen oder direkt, machst Du am besten nach Gutdünken. Hat beides Vor- und Nachteile, sonst geht alles, wenn auch mühselig weiter. Hermann


Rudolf Woelky im Lager St. Menehould an Brigitta Woelky in Berlin

29.8.1947

Meine liebe Gitta!

Ein französischer Geistlicher sagte vor 2 Jahren einmal zu uns: Tragt euer schweres Los in dem Glauben, daß Gott euch Gelegenheit geben will schon auf dieser Welt für eure Sünden zu büßen. Daran muß ich heute wieder denken. Im Lager hat man ja soviel Zeit zum Denken. Aber auf meine Frage, wann wohl das letzte Blatt von meinem Bußkalender fallen wird, kommt mir keine Antwort. Zur Zerstreuung erneuere ich dem Lagerpfarrer seine Karteien, arbeite an dem Vortag zu einem Lichtbild-Abend und bete. Die letzte Zeit der Gefangenschaft ist eben die Schwerste, weil zu allem noch die Ungeduld dazu kommt. Das Warten macht nervös, wie auch Du in Reginas Brief v. 12.8. schreibst, bis wir uns wieder in das Unvermeidliche geschickt haben. Dann geht’s wieder besser. Ich glaube, jetzt über die Krisis hinweg zu sein und wenn nicht das Erhoffte inzwischen kommt, dann bin ich bald wieder bei einem Bauern. Gesunde Arbeit ist besser als Trostworte. Wir wollen aber nicht vergessen Gott zu bitten, daß er uns bald zusammen führt. Mein Weg führt dann über Dorchen. Regina werde ich extra schreiben und für den lieben Brief danken. Sei nicht traurig über meinen Brief. Die Kinder brauchen Sonnenschein. Hab sie doppelt lieb bis ich da bin. Dir und den Kindern einen lieben Kuß und viele herzl. Grüße. Dein Rudi


Otfried Woelky in Berlin an Rudolf Woelky im Lager St. Menehould

31.8.1947

Mein lieber Vati!

Ich danke Dir für Deine lb. Karte v. 10.8. Morgen fängt die Schule wieder an. Ich war bei Tante Herta und habe dort auch eine Nacht geschlafen. Kommst Du bald zu uns?

Viele Grüße von Deinem Sohn Otfried


Rudolf Woelky im Lager St. Menehould an Brigitta Woelky in Berlin

31.8.1947

Liebe Gitta.

In Deiner Karte v. 18.8. schreibst Du: heute lacht doppelt die Sonne. Das hat mich wieder so froh gemacht, daß auch mir die Sonne wieder in voller Helle strahlt. Immer, wenn ich Dich in Deiner Hoffnung auf mich enttäuschen musste, war ich so traurig, daß mir nicht die Worte kamen, um es Dir schonend zu sagen. Doch wenn Du mir schreibst, daß Du in dieser trüben Zeit einen Sonnentag hattest, dann bin ich wieder froh. Für heute viele liebe Grüße und Küsse. Dein Rudi


Rudolf Woelky im Lager St. Menehould an Regina Woelky in Berlin

31.8.1947

Liebe Regina!

Ich danke Dir, daß Du an meinem Geburtstag so lieb an mich gedacht hast. Wie gerne wär ich bei euch gewesen. Aber wir wollen nicht traurig sein. Umso schöner wird die Zeit sein, wo wir endlich wieder vereint sind. Alles, was wir uns heute geloben, die Liebe zueinander nie erkalten zu lassen, wollen wir dann in die Tat umsetzen. Freuen wir uns auf diese Zeit und warten wir in Geduld. Einen lieben Kuß und herzliche Grüße Dir u. Deinen Geschwistern.

Dein Vater


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky im Lager St. Menehould

1.9.1947

Danke Dir lieber Rudi, für Deine Karte v. 20.8. Heute sind unsere 3 großen Kinder zur Anmeldung für Beicht– u. Kommunionunterricht. Vielleicht gehen sie nächstes Jahr alle 3 zusammen. Was sagst Du dazu? Wie Du schreibst, wirst Du zu den Tanten fahren, wenn es so weit ist. Sie werden allerlei Pläne für Dich haben. Wirst Du über Iserlohn kommen?

Herzl. Grußkuß Gitta


Anna Woelky in Berlin an Rudolf Woelky im Lager St. Menehould

7.9.1947

Mein lieber Sohn Rudolf!

Deinen lieben Brief vom 16.8. erhalten. Auch ich habe in letzter Zeit gedacht, es lohnt nicht mehr zu schreiben, du kannst jede Woche hier anklopfen. Aber unsere Gedanken sind nicht Gottes Gedanken und auch nicht umgekehrt; und so wollen wir weiter hoffen und warten bis die Stunde der Erlösung kommt. Mal wird sie kommen und wer ausharrt bis ans Ende der wird gekrönt werden. Ich freue mich jedes Mal über dein starkes Gottvertrauen und bete auch täglich, das es so bleiben soll. Wirf alle Sorgen auf den Herrn, denn der wird dich nicht verlassen. Für Lucia ist es auch nicht so leicht auf ihren Franzl. zu warten, wenn sie so viele ihrer Altersgenossen als glückliche Frau und Mutter sieht. Aber Gott wird wissen warum? Und ich bin Gott dankbar, solche Kinder zu haben. Auch Herta trägt ihr Los mit bewunderungsvoller Geduld. Nur Bruno mit seiner Familie macht mir bis jetzt noch viel Sorgen, weil auch hier, wo er sein Heim aufgeschlagen hat, keine kath. Kirche ist. Aber so lange ich lebe, gebe ich auch hier meine Hoffnung nicht auf. Ich selber bin noch gesund und kann arbeiten. Lu hat Bruno besucht. Es geht ihnen gut. Er schickt uns auch ab und zu Lebensmittel. Lu brachte noch was mit. Auf ein baldiges Wiedersehen Mutter!


Rudolf Woelky im Lager St. Menehould (Marne) Gefangenen Nr. 774204 an Brigitta Woelky in Berlin

7.9.1947

Mein liebes, armes Peterchen!

Nun hast Du Dich schon so auf den August gefreut gehabt, und das Wiedersehen mit mir in schönsten Farben ausgemalt, und nun bin ich immer noch in Frankreich. Was ist die Welt bloß schlecht. Ich kann nur wünschen, daß Du Dir weniger Illusionen gemacht hast, als ich. Denn ich war furchtbar enttäuscht über die Wirklichkeit. Und man kann dazu nichts tun, als nur wieder von Neuem hoffen und warten. Ich weiß, daß Kinderreiche aus anderen Lagern vielfach entlassen sind. Ich aber habe nun einmal darin kein Glück. Unser Lager ist rückständig. Aber was soll ich darüber viel schreiben. Du weißt ja aus eigenen Erfahrungen, wie es um uns steht.

Deine lieben Briefe v. 27. u. 28.7. sind diese Woche auch angekommen. Du klagst über „keinerlei Beziehungen". Tröste Dich mit mir, mir fehlen sie hier auch. Ich habe für diese Zeit zuviel Charakter. Doch wenn ich bei euch bin, dann werde ich die nötigen Beziehungen schon herstellen. Am Mittwoch bin ich nun 4 Wochen im Lager. Langsam habe ich mich daran gewöhnt. Der September wird vergehen. Das Oktoberprogramm ist noch nicht bekannt. Weiterhin Kopf hoch. Herzl. Gr. u. K.

Dein Rudi


Rudolf Woelky im Lager St. Menehould an Michael Woelky in Berlin

7.9.1947

Lieber Michael!

Am 29. September ist Dein Namenstag. Vergiß nicht an dem Tage den hl. Michael zu bitten, daß er für uns ein Wort beim lb. Heiland einlege und daß ich bald zu euch zurück darf. Der Fahrplan für meinen Zug ist schon wieder geändert worden. Dir danke ich für Deine schöne Karte v. 27.7. und wünsche Dir, daß Du recht oft und viel Schokoladensuppe mit Zwieback bekommst. Was macht die Schule? Mußt Du viel lernen? Es grüßt Dich und Deine Geschwister von ganzen Herzen Dein Vater


Rudolf Woelky im Lager St. Menehould an Otfried Woelky in Berlin

10.9.1947

Lieber Otfried!

Von Dir habe ich lange nichts mehr gehört und bin doch so neugierig zu wissen, wie es Dir geht und was Du treibst. Jetzt wirst Du doch bald alle großen und kleinen Buchstaben gelernt haben, so daß Du mir einmal mehr als einen Gruß schreiben kannst. Hast Du einen Lehrer oder eine Lehrerin und wie gefällt es Dir nach den Ferien in der Schule. Schreib mir mal darüber. Ich sende Dir und Deiner Mutti viel liebe Grüße. Dein Vati


Rudolf Woelky im Lager St. Menehould an Michael Woelky in Berlin

10.9.1947

Lieber Michael!

Mit unserem Lagerpfarrer zusammen arbeite ich z.Zt. ein Festprogramm für den Michaelstag aus. Dabei muß ich natürlich viel an Dich denken, denn Du trägst ja auch den Namen dieses größten Gottesstreiters. Dazu erhielt ich vorgestern Deine schön sauber geschriebene Karte v. 26.8., wofür ich Dir danke. An dem Zug, der mich zu Dir zurück bringen soll, wird noch gebaut.

Herzliche Grüße Dein Vati


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky im Lager St. Menehould

10.9.1947

Lieber Rudi!

Danke für Deine Zeilen v. 31.8. Möchte Dir heute einige Post aufzählen, die Du mir nicht bestätigst. Briefe v. 7.7. u. 8.7. u. 14.7. u. 27.7.u. 28.7. u. Micha’s Karte v.27.7. Inzwischen erhielt ich von Dir 2 Briefe v. 10.8. u. einen v. 29.8. Ich hätte ja auch viel zu schreiben, doch wollte ich mir etwas aufsparen. Tante Martha Cz. war hier, sie hat an Dich und Deinen Geburtstag gedacht. Dir viele Grüße von allen. Geht nicht ein Berliner Transport eher? Einmal gibt’s ein Wiedersehen!

Herzlichst Deine Gitta u. Kinder


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky im Lager St. Menehould

10.9.1947

Mein lieber Rudi!

Einen Vorteil haben wir jetzt, daß die Post so schnell geht. Die langersehnten Fensterscheiben habe ich im Balkonzimmer. Ich freue mich wie ein Kind, kann ich doch gucken, wenn Du kommst. Außerdem ist das Zimmer heller und freundlicher geworden. Natürlich sind nur die äußeren Fenster verglast. Das sind schon 3qm. Mit Uschi habe ich es wieder mal wegen der guten Schwedenspeisung versucht, aber sie ist zu wohl. über 4 Pfund zu viel nach der Tabelle der bedürftigen Kinder. Also ich kann zufrieden sein, daß sie alle noch einigermaßen kräftig sind. Es kostet auch eine Kleinigkeit. Wenn die Waage stimmte, habe ich über Sommer 6 Pfund zugenommen. Erst rechnete ich immer, daß Du im Oktober hier sein mögest. Nun muß ich ja wieder schieben und sage hoffentlich zu Weihnachten. Andernfalls lassen wir uns überraschen, das wäre noch das Schönste. Es ist schon reichlich herbstlich geworden aber überwiegend trocken. Mein Spinat will daher gar nicht recht voran. Tomaten haben wir bisher an 300 geerntet. äpfel schon mal gekauft.

Bis hoffentlich bald, einen lieben Gute-Nacht-Kuß v. Deiner Gitta


Rudolf Woelky im Lager St. Menehould an Regina Woelky in Berlin

10.9.1947

Liebe Regina!

Ich freue mich immer, wenn mir eines von meinen Kindern schreibt, zumal es Gott gefällt, daß ich noch nicht entlassen werde und wohl noch Wochen hier bleiben muß. So kannst Du Dir ja denken, daß mir Deine Karte v. 26.8., die gestern ankam, große Freude gemacht hat. Grüße bitte Tante Hettwer von mir und sage ihr, daß auch ich ihr für die Birnen danke, die sie Dir gab. Einen lieben Gruß und Kuß sendet Dir Dein Vati


Rudolf Woelky im Lager St. Menehould an Ursula Woelky in Berlin

10.9.1947 blau

Liebe kleine Ursula!

Du wirst Dich gewiß schon bei der Mutti über Deinen Vati beklagt haben, daß er allen schreibt, nur Dir nicht. Da hast Du ganz recht. Das ist kein guter Vati, der Dir nicht auch mal eine Karte schickt. Aber wenn ich zu Hause bin, dann will ich alles gut machen, und Du wirst Deinen Vati ganz doll lieb haben. Warte bitte noch ein wenig und such Dir keinen anderen Vati. Sende Dir einen lieben Gruß und Kuß. Dein Vati


Rudolf Woelky im Lager St. Menehould an Brigitta Woelky in Berlin

14.9.1947

Meine liebe Gitta!

Dein lieber Brief v. 26.8. hat mir gut getan. Du bist doch eine sehr tapfere Frau. Die Enttäuschungen, die ich hier in meinen Hoffnungen erlitt, trafen mich deshalb so schwer, weil ich an Dich und die Kinder dachte, die ihr doch gewiß mit Sehnsucht und Ungeduld auf mich wartet. Aber es bleibt uns wirklich nichts anderes übrig, so roh es auch klingen mag, als hierin eine gewisse Gleichgültigkeit zu bewahren. Eine andere Seelenhaltung würde uns langsam kaputt machen. Diese Woche geht wieder nach langer Zeit ein Transport in die engl. Zone ab, doch bin ich nicht dabei, obwohl schon einige Kinderreiche darunter sind. Gott kennt meine sehnsüchtigen Wünsche und hört meine Bitten. Sein Wille geschehe. Morgen fährt unser Lagerpfarrer nach Lourdes und wird der lb. Gottesmutter unsere Anliegen an dem gesegneten Ort vortragen. Mir wird er von dem wundertätigen Wasser mitbringen, das ich für Deinen Bruder Georg erbeten habe. Vielleicht muß ich deshalb noch mit der Entlassung warten. Es grüßt Dich Dein Rudi


Rudolf Woelky im Lager St. Menehould an Brigitta Woelky in Berlin

14.9.1947

Meine liebe Gitta!

Möchte Dich heute noch einen kleinen Blick in unser Lager tun lassen. Um 6½ Uhr ist am Sonntag Wecken. Im Waschraum zieh ich mir das Hemd über den Kopf, denn die Brust wird auch hier täglich kalt abgerieben. Meine Armbanduhr, die ich mir vor 1 Monat für 2350 Frs. gekauft habe, stecke ich in die Brusttasche. Nach dem Waschen springe ich hinauf auf mein Zimmer im 2.Stock der Kaserne. Anziehen, die Messe beginnt zwar erst 8 Uhr 30, aber der Appell ist bald. „Wie spät haben wir’s?" Meine Uhr ist weg. Verloren, aus der Brusttasche gefallen. Beim Appell ruft der Lagerführer aus :Uhr gefunden. Außerdem nennt er noch andere Dinge, die gefunden und abgeholt werden können. Ich gab dem Finder meine Monatsration Tabak. Vor 2 Jahren wäre es undenkbar gewesen, daß Verlorenes bzw. Gefundenes abgeliefert würde. Damals stahl man mir im Schlaf den Hut vom Kopf. Doch heute ist die ehrliche Gesinnung und auch die Kameradschaft wieder in unsere Reihen zurück gekehrt. Man darf wieder anfangen an die Menschheit zu glauben und es wird gut sein für Deutschland, wenn es seine Gefangenen wieder daheim hat, denn was wir von unseren Brüdern in der Heimat hören, ist beschämend und erschütternd zugleich. Und nun wünsche ich Dir und den Kindern und allen Lieben daheim einen frohen, gesegneten Sonntag.

Herzlichst Dein Rudi


Anna Woelky in Berlin an Rudolf Woelky im Lager St. Menehould

16.9.1947

Lieber Rudolf!

Es ist gut, daß du wieder öfter schreiben willst, man hat auch schon alle Tage darauf gewartet, daß einmal muß die Nachricht kommen, daß Du startest! Aber der August ist längst zu Ende und der September auch bald, aber von Euren Entlassungen hört man nichts. Auch Franzl Entlassung ist wieder ins Wasser gefallen. In den Kirchen wird viel gebetet um die Entlassung der Kriegsgefangenen. Du schreibst in diesem Brief, daß Euer Lagerpfarrer nach dem Wallfahrtsort Lourdes fährt. Ich bin eben mit dem Lesen des Buches fertig. Lourdes im Glanze der Wunder, und habe oft beim Lesen gedacht, wenn Rudi doch auch mal dahin kommen möchte, an den Ort, wo leibhaftig die Mutter Gottes gestanden hat in all ihrer Pracht und Schönheit. Jetzt schreibst Du, das euer Lagerpfarrer dorthin fährt. Wird er Dir von der Quelle Wasser mitbringen? Das wäre schön. Ein guter Gedanke von Dir für Georg Reisch und auch für Lus Augen. Papa war im vorigen Weltkriege selbst in Lourdes gewesen. Er war ja begeistert davon. Vertraue nur weiter auf Gottes Güte, mal wird der Tag der Erlösung kommen. Wir beten für Euch. Herzlichen Dank für Deinen Brief vom 7.9.

Viele Grüße von Mutter und Lucia


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky im Lager St. Menehould

16.9.1947

Mein lieber Rudi!

Es ist seit Tagen so unnatürlich warm, nicht mal abends Abkühlung. Die Kinder gehen wie im Hochsommer. Die beiden letzten Sonntage war ich mit den Kindern allein nach Plötzensee. Bei Ida Hoppe durften sie schaukeln. Uschi war besonders unternehmungslustig und wollte mit der S-Bahn fahren. In Gedanken gingst Du mit uns; ich denke besonders an die Zeit vor unserer Ehe, wenn wir unseren Vormittagsspaziergang in den Anlagen machten. Der Sinn für Natur und alles Schöne ist uns geblieben und daß wir uns darüber freuen können. Unsere großen Kinder besuchen öfter jetzt die andere Oma, Sonntags abwechselnd. Oma hat dann immer einen guten Teller Essen übrig. Pater Wendelin, der wieder in Paulus ist, hatte uns zur „Jungen Familie" eingeladen. Er wusste nicht, daß Du noch nicht zurück. Ich hörte mir den Vortrag des neuen Kuratus über „Junge Familie" an. Fühlte mich wohl einsam, aber das Glück, Dich – wenn auch noch in der Ferne – zu besitzen, überstrahlte alles. Herzlichen Gruß und Kuß Gitta


Rudolf Woelky im Lager St. Menehould an Brigitta Woelky in Berlin

17.9.1947

Meine liebe Gitta!

Gestern kam Deine liebe Karte v. 1.9. an. Wenn Du alle 3 Kinder zum Beicht- u. Kommunion-Unterricht angemeldet hast, so muß ich annehmen, daß sie, vor allem Otfried, schon den Ernst und Verstand besitzen, die heiligen Geheimnisse in sich aufzunehmen, denn sonst hättest Du es ja nicht getan. Und deshalb kann ich nur zustimmen und mich darüber freuen.

Ein glückliches Gefühl übermannt mich, wenn ich mir den Tag ihrer ersten heiligen Kommunion vorstelle, und ich wünsche mir, daß ich bald mithelfen darf ihnen den Weg dahin zu weisen. – Wie die Fahrtroute von meinem Entlassungsort aus zu Dir sein wird, weiß ich selbst noch nicht. Ob ich Iserlohn mitnehmen kann ist fraglich. Außerdem rechnet auch Bruno mit meinem Besuch. Vielleicht läuft sie von Dorchen, Bruno, Gannerwinkel hin zu Dir. Es soll gleichzeitig eine Informationsreise werden. - Es gab vorhin einen kleinen Gewitterregen. Die Luft ist gereinigt und das Auge kann wieder weit ins Land hinein sehen. Wann wird das andere klar vor uns liegen, wo heute noch Dunst und Nebel seine Hand vorhält.? Für heute sende ich Dir viel liebe Grüße und Küsse. Dein Rudi


Rudolf Woelky im Lager St. Menehould an Brigitta Woelky in Berlin

17.9.1947

Meine liebe Gitta!

Ich habe mich sonntäglich angezogen, denn ich schreibe Dir heute als Gratulant. Dieser Brief soll Dich an Deinem Geburtstag erreichen, zu dem ich Dir meine innigsten Glückwünsche sende. Womit ich Dich gern erfreuen würde, das weißt Du. Doch damit musst Du noch etwas warten. Es ist nicht ausgeschlossen, das es bald sein kann, auch scheint es nicht so, als sollte es noch sehr lange dauern. Jedenfalls sollst Du Dich an Deinem Geburtstag freuen und daran glauben, daß Du bald die erwartete Nachricht erhalten wirst. Ich werde heute noch oder morgen wieder zu einem Bauern raus gehen und dort warten, bis ich zurück gerufen werde. Du darfst Dir keine Sorgen um mich und meine Gesundheit machen, denn dazu ist kein Grund vorhanden. Ich wünsche nur, daß ich noch recht lange meine jetzige Kraft und Energie behalten und für euch einsetzen darf. Ja, ich bin dessen sogar ganz sicher, denn ich weiß, daß mich Gott bisher wunderbar geführt und mich, wie auch euch, beschützt hat und es auch in Zukunft tun wird. In diesem Geiste reiche ich Dir, meiner lieben treuen Lebensgefährtin, die Hand und bitte Gott uns weiterhin seinen Segen zu geben.

In Liebe Dein Rudi.


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky im Lager St. Menehould

19.9.1947

Mein lieber Rudi!

Deinen lieben Brief v. 10.8. muß ich eben noch mal lesen, da Du so schöne Worte im bezug auf die Familie findest. Auch denke ich an unseren schönsten Tag, den Hochzeitstag, der uns innerlich und äußerlich verband und nun sieht es immer noch nicht so aus, daß wir diesen Tag nach so langer Trennung zusammen verleben dürfen. Nur aufs neue den lieben Gott bestürmen, er möge uns bald ein Wiedersehen geben und danken wir, daß wir uns durch öfters Schreiben wenigstens nahe sind. Danke Dir auch für Deine Zeilen v. 7.9. Frau Thomas schrieb mir, sie hat nun alle Kinderchen in Hohnstorf und ist recht glücklich. Der Mann ihrer Schwester ist aus Afrika heimgekehrt. Mit Trudchen Jesse komme ich selten zusammen. Sie ist die lustige Witwe. Geld und Gemüse vom Caritas halfen uns wieder über den Berg. Die Olbersdorfer Erna schickte mir ein Paket, da es über 3 Wochen unterwegs, war der Inhalt 1/3 verdorben. Es war sehr schade. Hermann ist z.Zt. auf dem Land. Vater noch bei der Post. Bleib nun schön gesund! Vergeht Dir die Zeit? Hoffentlich so schnell wie uns. Innige Grüße uns Küsse von Deiner Gitta.


Michael Woelky in Berlin an Rudolf Woelky im Lager St. Menehould

19.9.1947

Lieber Vati!

Ich danke Dir für die liebe Karte v. 7.9. In meinem Garten habe ich einen Kürbis und gehe jeden Tag runter und gieße ihn. Unser Lehrer fehlte, weil seine Frau krank war, da hatten wir immer keine Schularbeiten auf. Es grüßt und küsst Dich Dein Sohn Michael


Regina Woelky in Berlin an Rudolf Woelky im Lager St. Menehould

19.9.1947

Lieber Vati!

Ich danke Dir für die Karte vom 31.8. Gestern und heute haben wir Englisch in der Schule gehabt. Ich lerne sehr gern. Ich hoffe, daß es Dir gut geht, dann freue ich mich sehr. Ich war bei Oma, Renate und Wolfgang waren auch da.

Viele Grüße von allen von Mutti, Michael, Otfried und Ursula Deine Tochter Regina


Rudolf Woelky in Vienne la Ville an Brigitta Woelky in Berlin

21.9.1947

Meine liebe Gitta!

Den letzten Brief schrieb ich Dir am 17. vorm. Am Abend war ich dann wirklich schon auf einer neuen Stelle. Und um es vorweg zu nehmen: ich glaube, mancher Kamerad würde mich um diese Stelle beneiden. Ich will Dir nicht alle Vorteile, die ich hier habe, im einzelnen aufzählen, sonst könntest Du meinen, ich würde am Ende keine Eile mehr mit der Entlassung haben. Dem ist aber nicht so; und auch der Tag wird bald kommen. Nur sollst Du wissen, daß es mir gut geht und es mir vergönnt ist in den letzten Wochen meiner Gefangenschaft noch das vornehme, saubere und schöne Frankreich kennen zu lernen. Im letzten Herbst träumte ich von einem Spaziergang durch die Märkische Schweiz mit Dir in diesem Jahr. Das Schicksal will es anders. Wenn Du jetzt bei mir wärst, dann würde ich Dich führen, denn hier bin ich in einer märk. Schweiz, und da mittendrin liegt ein schlossartiges Gut und sonst kein Haus im Umkreis einer halben Stunde. Für alle Tage gesehen vielleicht zu ruhig und einsam, aber die Bewohner und die Natur sind vereint zu harmonischer Wärme, die dich gefangen hält. Der Brief ist zu Ende, aber ich erzähle Dir mehr darüber auf dem Spaziergang, den wir beide jetzt machen, denn Du bist ja doch immer bei mir. Dein Rudi


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould

23.9.1947
Eingang 26.10.1947
Antwort 2.11.1947

Mein lieber Rudi!

Es ist doch ein Glück, kaum Zeit zum Denken zu haben. Die Kinder nehmen mich so ziemlich in Anspruch. Bei den Schularbeiten bin ich immer dabei. Uschi lernt auch mit. Heute versuchte sie englische Vokabeln nachzusprechen. Auch im Spielen will sie mit den Großen. Sonntag besuchte uns mal Tante Lucia. Sie ist auch viel durch den Chor unterwegs. Mal sehen, ob unser Michael stimmlich begabt ist. Er wird morgen geprüft. Ich hätte großes Interesse, unseren Jungen im Knabenchor von St. Hedwig zu sehen. Frau Thomas schickte uns einen kl. Festhappen und Gretel Kleiner aus Bayern ebenfalls etwas für die Kinder. Ich habe wieder viel Post zu erledigen, die Tanten am Rhein werden auch schon warten. Wie gern würdest Du mir so ein Brieflein abnehmen und ich könnte beim Stopfen und Flicken bleiben. Aber das wird ja auch mal sein. Der Herbst ist nun eingekehrt, kühl, dunkel, regnerisch. Ich hatte gerade noch mit der Wäsche Glück. Sonntag haben wir unseren Plötzensee-Spaziergang gehalten. Werden wir noch lange allein sein?

Viele liebe Grüße und Küsse Gitta


Lucia Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould

24.9.1947

Liebes Bruderherz!

Was machst Du denn für Geschichten. Ich hoffte immer, Dich schon längst persönlich hier zu sprechen und immer noch kommst Du nicht. Das ist ja um junge Hunde zu kriegen. Mit dem Franzl ist es genau dieselbe Sache. Erst hieß es, bestimmt Anfang September. Jetzt ist schon wieder großes Fragezeichen. Berlin und die russische Zone wird von England aus sehr schlecht behandelt. Nach der engl. Zone ist schon Gruppe 19 entlassen und nach Berlin erst Gruppe 12. Franzl ist Gruppe 18. Mir geht es gut. Mein Gesangsunterricht macht mir große Freude. Auch mein gegründeter Chor in der Firma blüht, und erregt Aufsehen. Unser Paulus Chor wird immer berühmter in Berlin. Aus allen Kreisen und Ständen werden wir gebeten, zu irgendwelchen Anlässen zu singen. Würde mich aber freuen, wenn Du mal wieder mit mir Musik machst. Die Mandoline wartet.

Herzl. Deine Schwester Lu


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in Vienne la Ville

24.9.1947

Mein lieber Peter!

Danke für Deinen Trostbrief v. 7.9. Es hat wirklich keinen Zweck irgendwie zu hadern. Wir lassen uns beide nur noch überraschen. So möchte ich Dich heute mit einem kleinen Foto überraschen. Es ist im Grunewald aufgenommen. Georg hatte noch einen alten Film von Italien im Apparat. Leider war Otfried nicht dabei, er war bei Tante Herta. Links ist Tante Lisbeth, bitte, Uschi schämt sich. Kennst Du uns noch? Uschi kannst Du Dir ja nicht vorstellen, sie war noch ein Baby, als Du bei uns warst. Unser Michael hat leider heute der Prüfung für den Knabenchor nicht genügt. Es waren auch ältere Jungens mit Vorkenntnissen da. Vielleicht später mit Otfried. Ich meine, sie hätten Gehör von Dir. Du schreibst, das Oktoberprogramm ist noch nicht bekannt. Der Oktober ist ja der Monat unserer Familie, mit 3 Geburtstagen usw., da werden Dir aber die Ohren summen.

Einen lieben Kuß und herzlichen Gruß Gitta


Ursula Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould

26.9.1947 blau

Mein lieber Vati!

Danke Dir für Deine Karte v. 10.9. Ich habe mich sehr gefreut, daß Du mir geschrieben hast. Ich will auch noch gern mit den anderen auf Dich warten, einen anderen Vati mag ich nicht. Wenn Du hier bist, zeige ich Dir, was ich alles kann. Ich bin schon groß, bald so groß wie die anderen Kinder. Vati, fährst Du dann mit mir Karussell, bitte! – Danke, Vati!

Küsschen von Uschi


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould (Vienne la Ville)

26.9.1947

Mein lieber Rudi!

Danke Dir herzlich für Deine beiden Briefe v. 14.9. Schade, daß Du noch nicht in dem angegebenen Transport dabei bist. Geht es denn noch nach dem Alter oder nach dem Alphabet? Vertrauen wir weiter auf Gott, er wird unser Bitten erhören. Im Kirchenblatt las ich „Wallfahrt nach Lourdes" von G. Puchowski, der jetzt daran teilgenommen hat. 18 Deutsche waren erschienen. Fast 2 Std. dauerte die Prozession und zum Pontifikalamt nahmen 50–60.000 Pilger teil. Du wirst ja auch darüber hören. Etwas ganz Besonderes so eine Pilgerfahrt unter dem Zeichen: Pax. – Schön, daß Du Dir eine Uhr kaufen konntest. Halt’ sie nur fest. Wenigstens hast Du Dir etwas Abwechslung verschafft. Als Neuigkeit für heute eine Hochzeit, Maria Duwe, Reinickendorf, heiratet kath., er ist jünger. Das Standesamt ist jetzt Bremerstr., da sehe ich öfter Glückliche. Wann heiraten wir wieder?

Viele liebe Grüße von allen und einen Kuß von Deiner Gitta


Hermann Reisch in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould (Vienne la Ville)

28.9.1947

Lieber Rudi!

Karte v. 16.8. u. Brief v. 7.9. erhalten. Deinem großen Optimismus stand ich von vornherein skeptisch gegenüber. Die Freiwilligen werden schon dran schuld sein. Du musst eben, wie Gitta, weiterhin Geduld üben, wenn’s auch schwer ist. Doch wir wollen uns nicht Verdrießen lassen. Das Leben wird auch weitergehen. In Kürze mehr. Grüsse von allen. Herzlichst Hermann


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in St. Menehould (Vienne la Ville)

28.9.1947

Mein lieber Rudi!

Im Kinderfunk ertönt „Wenn ich ein Vöglein wär". Wie passt dies Lied auch für uns. Meine Vögel sind ausgeflogen zum Kindheit-Jesu-Verein. Heute ist es kühl und nicht so einladend zum Spaziergang, da werde ich den letzten Briefbogen v. 14.9. an Dich senden. Der Pfarrer aus der Pfalz fragt an, ob Du schon heimgekehrt bist. So schnell die Zeit vergeht, ist es doch wie eine Ewigkeit, wenn man wartet. Hoffentlich geht es Dir gut, daß Du die letzte Zeit mit Gottes Hilfe auch noch überstehst. - Die Kinder kommen eben zurück, eine Tasse Buttermilch hat jedes bekommen und gesungen haben sie. Uschi macht alles mit. Morgen ist St. Michael, da muß ich an Dich denken, da Du auch den Tag festlich begehen wolltest. Für den Rosenkranzmonat habe ich mir gute Vorsätze gefasst. Der Monat wird schnell durch die Familienfesttage vergehen. Schreibt Dir Dein Bruder öfter, sodaß Du dadurch über Berlin hörst. Die Kinder gehen nach dem Unterricht Oma besuchen, die hat dann immer etwas für sie. Ich hoffe, daß wir trotz der langen Trennung, dieselben geblieben und nur noch besser verstehen als früher. Auf Wiedersehen, Kuß Gitta


Rudolf Woelky in Vienne la Ville bei St. Menehould an Otfried Woelky in Berlin

29.9.1947

Lieber Otfried!

„Kommst Du bald zu uns?", fragst Du auf Deiner Karte v. 31.8. an. Ja, lieber Junge, wenn es nach mir ginge, dann wäre ich schon längst bei euch. Anstatt für euch sorgen zu können, wie es richtig wäre, muß ich jetzt täglich 7 Pferde und 2 Ochsen füttern. Ein Pony ist darunter, mit dem fahre ich an Sonntagen mit einem 2rädrigen Wägelchen die Milch in das Dorf. Da geht es bergauf und bergab und Dir würde es viel Spaß machen. Manchmal möchte ich euch lieber alle hier haben. Was macht die Schule?

Herzlich grüßt Dich Dein Vati


Rudolf Woelky aus Vienne la Ville an Michael Woelky in Berlin

29.9.1947

Lieber Michael!

Heute an Deinem Namenstage habe auch ich einen arbeitsfreien Tag. Das Dorf, in dem ich jetzt bin, hatte gestern sein Patronatsfest, und das wird 2 Tage gefeiert. Am Vormittag gehen die Einwohner in die Kirche und auf dem Friedhof (wenn sie auch sonst nie an den lieben Gott denken) und am Nachmittag ist Tanz im Freien und sonstiger Rummelbetrieb. Gestern war es noch sehr warm, aber heute ist es bewölkt und kühl. Es grüßt Dich herzlich Dein Vater.


Michael Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in Vienne la Ville bei St. Menehould

29.9.1947

Lieber Vati!

Danke Dir für die liebe Karte v. 10.9.1947. Heute am Namenstage gehe ich mit Mutti in die Kirche um / Uhr abends zur Messe. Es hat geregnet und ist kühler geworden. Wir haben einen Aufsatz vom Herbst geschrieben. Ich möchte den Zug mitbauen.

Herzliche Grüße von Deinem Sohn Michael


Rudolf Woelky in Vienne la Ville (St. Menehould) an Brigitta Woelky in Berlin

29.9.1947

Meine liebe Gitta!

Oh, wie tat mir am Sonnabend das Kreuz weh vom vielen Bücken. Drei Tage lang Fallobst aufgelesen zum Mostmachen. Gut, daß es 2 Tage Ruhe gibt. Nach 5 Wochen Lager fällt die Arbeit anfangs immer schwer. Mein junger Baron freut sich auch über die Feiertage, weil er dann ausgiebig seiner Jagdleidenschaft nachgehen kann. Gestern wurde ich von den Verwalterleuten zum Kaffee geladen. Der Sohn studiert Priester und ist z.Zt. auf Urlaub zu Hause. Man ist sehr nett zu mir. Einen lieben Gruß und Kuß, auch für Regina, von Deinem Rudi


Rudolf Woelky in Vienne la Ville an Ursula Woelky in Berlin

29.9.1947

Meine liebe kleine Tochter!

Nun wirst Du schon 4 Jahre alt und Deinen Vati kennst Du noch immer nicht. Du hast jetzt gewiß schon lange Zöpfe und das Kleid, das Du auf meinem Foto trägst, wird Dir zu klein geworden sein. Lange wird es aber nicht mehr dauern, dann wirst Du auf meinem Knie sitzen, und Du wirst mir sagen, ob Dir Dein Vati gefällt und ob Du ihn lieb haben willst. Dieses wünsche ich Dir zu Deinen Geburtstag und sende Dir und Deiner lieben guten Mutti viele innige Grüße

Dein Vati


Otfried Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in Vienne la Ville

29.9.1947

Mein lieber Vati!

Ich habe Deine Karte vom 10.9. gelesen. Alles kann ich noch nicht schreiben. Ich habe eine Lehrerin. Wir lesen vom Drachensteigen. Ich möchte auch einen Drachen haben.

Viele Grüße von Otfried, und Deinem Dich wartenden Schwiegervater Georg Reisch.


Rudolf Woelky in Vienne la Ville an Brigitta Woelky in Berlin

3.10.1947

Meine liebe Gitta!

Lieben heißt schenken. Sich wahrhaft lieben heißt also: sich schenken bis zur Selbstaufopferung. Dieses sind meine Gedanken am heutigen Tage und sie sollen Dir ein Gruß und eine Bekräftigung zum Gelöbnis unseres 11. Hochzeitstages sein. Gern würde ich Dir mehr schreiben, habe aber leider kein Briefformular mehr. Ich denke auch an die Eltern am heutigen Tage und grüße alle recht herzlich. Dein Rudi


Rudolf Woelky in Vienne la Ville an Brigitta Woelky in Berlin

4.10.1947

Mein liebes Peterle!

Es ist ja langweilig immer wieder festzustellen, daß man auch diesen Tag nicht zu Hause feiern kann usw. Doch neben meinem Bett hängt ein kleines Brett und darauf steht Dein Bild. Im Garten fand ich eine weiße Rose mit 4 blaßrosa Knospen. Sie wurde für Dich gepflückt. Neben dem Bild liegt eine kleine Packung „Chypre". Eine wohlgemeinte Aufmerksamkeit zum heutigen Tage. Alles Gute, Peter, und viel liebe Grüße und Küsse. Dein Rudi


Dora Duwe in Küdinghoven an Rudolf Woelky in St. Menehould (Vienne la Ville)

4.10.1947

Lieber Rudi!

Das ist ja eine Enttäuschung! Heute, am Geburtstag Deiner lieben Frau muß ich Dir schreiben. Ach, hätte sie Dich doch daheim. Gibt es bei Euch nur eisgekühlte Herren? Es gibt keine Liebe mehr in der Welt! Das Kalb ist verwest, die Musikkapelle ausgestorben - na, neues Leben blüht aus den Ruinen, wenn Du da bist. Wenn der Winter nun kommt, dann wollen wir nach Bonn ziehen, sofern es klappt. Wir hätten Dich darum gern vorher hier gehabt wegen des größeren Platzes. Aber, was nicht ist, ist nicht. Einmal wird’s werden! Auch da drüben werden wir ein Plätzchen für Dich finden. Der alte Gott lebt noch, und er findet alle, die Unrecht tun – so oder so! Vergiß nicht, daß wir alle täglich an Dich denken.

Es grüßt Dich von Herzen, auch von Tante Mieka und Frl. Odenbreit Dorchen


Rudolf Woelky in Vienne la Ville ( St. Menehould ) an Brigitta Woelky in Berlin

8.10.1947

Meine liebe Gitta!

Meine herzlichsten Glückwünsche zum Namenstag, insbesondere, daß sich meine Brigitte nicht mehr lange als Jungfrau fühlen brauch. Gestern erhielt ich wieder mal Post von Dir und zwar Karte u. Brief v. 10.9. Du siehst, die Post geht jetzt wieder länger. Vom Lager aus läuft sie schneller. Wenn ich jetzt wissen will, ob Post für mich da ist, dann muß ich immer erst ins Dorf. Und das ist abends immer ein umständlicher Weg. Ich gehe deshalb auch nur an den Sonntagen hinunter. Doch gestern trieb es mich hin, weil gewöhnlich am Anfang der Woche die PG Post eintrifft. Deine Briefe v. 7.8. u.14.7. habe ich am 10.8. bestätigt, die andere Post am 5.9. Nun wirst Du ja schon von meiner neuen Stelle erfahren haben. Die hiesige Familie ist eine von den Ausnahmen, bei denen man sich nicht moralisch gedemütigt fühlt. Ich bin sehr zufrieden und hoffe die letzten Tage meiner Gefangenschaft hier beenden zu dürfen. Die Witterung ist sommerlich, nur die Nächte sind kalt. Heute sind wir beim Mistladen, wobei ich nur in Hose arbeite. Die anderen Tage habe ich bisher ausnahmslos Fallobst aufgelesen und beim Mostpressen geholfen. So einfach war das auch nicht, zumal mich dabei mein Darm viel in Anspruch nimmt. Also, bis auf ein baldiges Wiedersehen. Es grüßt und küsst Dich Dein Rudi


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in Vienne la Ville ( St. Menehould )

8.10.1947

Mein lieber Rudi!

Danke Dir für Deine beiden Briefe v. 17.9. und Deine Geburtstagswünsche, die pünktlich eintrafen. Auch schon Deinen lieben Brief v. 21.9. erhalten, aus dem Lager bist und weiter wie wir geduldig warten musst. Wann wird endlich der Tag sein? Ich glaube, wir müssen noch sehr viel beten. Dieser Monat gibt soviel Gelegenheit dazu. Am Sonntag machte Gina die feierliche Prozession mit. – Hast Du das kleine Foto erhalten? Georg schenkte mir heute zum Namenstag eine Vergrößerung. Auch war ich heute im Kino und sah den alten leichten Film „ Blumen aus Nizza „ mit Erna Sack. Mit dem D – Zug raste ich mit durch Frankreich, Paris usw. Erfreute mich an den Blumen. Kleine Abwechslung. Auf ein baldiges Wiedersehen. Herzliche Grüße und Küsse Gitta


Georg Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in Vienne la Ville ( St. Menehould )

8.10.1947

Lieber Rudi!

Nun muß ich aber doch erst mal antworten. Zur Zeit bin ich dermaßen mit Arbeit überlastet, daß ich nicht weiß, was ich zuerst machen soll. Im September hatte ich nun 14 Tage Urlaub und da war ich in Thüringen. Ich habe bei den Leuten, wo meine Familie war ein bisschen mitgeholfen und sollte auch etwas für den Winter mitbringen. Ich war aber sehr enttäuscht. Ein Bauer mit 60 Morgen und 5 Kühen hat für sich keine Milch, keine Butter, Fleisch oder Mehl für sich übrig, geschweige noch für andere. Außerdem war die Ernte dermaßen schlecht. Es gab nur noch 3 Mahlzeiten, aber alles ohne Fleisch, Fett oder Milch. Nur immer Kartoffeln. Und da nun immer Kartoffeln gegessen werden, sind auch diese knapp. Gewiß, an Kartoffeln habe ich mich satt gegessen. Ebenso an Obst. ¼ Zentner Kartoffeln und etwa 10 Pfund Obst ist alles, was man mir mitgeben konnte. Zur Zeit gibt es in Berlin sehr viel Frei – Gemüse. Also ohne Marken, dafür aber das Pfund mit 1,20 – 1.50 RM für Weiß – Wirsingkohl oder Kohlrüben. Es nennt sich freie Spitzen. Gesundheitlich geht es uns jetzt gut. Bist Du nun nicht bald unter den Entlassenen? Zeit wird es ja nun bald. Ich suche nämlich einen Schachspieler. Also bis zum nächsten mal grüßt Dich herzlichst Dein Bruder Georg einschl. Fam. und Schwiegereltern


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in Vienne la Ville ( St. Menehould )

9.10.1947

Mein lieber Rudi!

Es ist ein stiller ruhiger Herbsttag in der 6. Abendstunde. Die Schularbeiten sind fertig. Regina ist zum Unterricht. Die Jungens sind noch draußen. Uschi sitzt frisch gewaschen bei mir am Tisch und lässt sich schon ihre Abendbrotschnitten schmecken. Sie streicht sich ziemlich reichlich die selbstgekochte Marmelade von grünen Tomaten mit Zuckerrübe darauf. Zum Abendbrot gibt es noch Grütze – Suppe. Ich werde Regina in der Kirche treffen zur 7 Uhr Abend – Messe für die Gefangenen. Nachher ist Rosenkranz – Andacht. Abends ist es schon zeitig dunkel, die Uhr ist eine Stunde zurückgestellt. Die Straßenbeleuchtung ist spärlich und besonders an den Trümmern ist es dunkel. Da gehe ich dann gern mit meiner großen Tochter zusammen. ängstlich bin ich immer noch, weil ich auch so selten rausgehe. Wenn Du erst hier bist, wird sich das legen. Für heute viele liebe Grüße und Küsse von Deiner Gitta


Rudolf Woelky in Vienne la Ville an Michael Woelky in Berlin

9.10.1947

Mein lieber Sohn!

Du wirst nun schon 9 Jahre alt. Da ich Dich das letzte Mal sah, hattest Du grad vor einigen Tagen Deinen 6. Geburtstag gefeiert. Schon damals warst Du ein großer Junge und besuchtest bereits ½ Jahr die Schule. All die Arbeit und Sorgen, die man mit so einem großen Jungen hat, hat Deine Mutti allein die vielen Jahre getragen. Vergiß das nie, wenn Du einmal noch 9 Jahre älter bist. An meinem 9. Geburtstag ( ich war ja auch mal ein kleiner Junge ) schenkte mir eine gute Tante einen Spiegel und einen Kamm. Wenn Du vielleicht noch keinen Spiegel aus Glas hast, aber einen viel schöneren hast Du dennoch, und das sind Deine Augen. Das ist der Spiegel Deiner Seele. Achte darauf, daß Dir zu jeder Zeit und Jedermann in die Augen sehen kann. Auch halte immer alles glatt und in Ordnung ( auch ohne Kamm ).

Ich weiß, daß ich Dir heute noch fremder bin, als Du es selbst verspürst. Zu lange musste ich von euch fort. Doch bald bin ich bei euch und wir werden gute Freunde werden. So wünsche ich Dir zu Deinem neuen Lebensjahr alles Gute. Gehe jetzt zur Mutti und gib ihr in meinem Namen einen herzhaften Kuß und sei stets brav und gehorsam.

Es grüßt Dich Dein Vati


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in Vienne la Ville

10.10.1947

Mein lieber Rudi!

Nach der heutigen abendlichen Stromsperre werde ich Dir noch schreiben. Am gemütlichsten ist es jetzt in der Küche, draußen regnet es. Im Zimmer stehen noch die schönen Blumen vom Geburtstag und es sieht so festlich aus, gerade so, als wenn wir Dich erwarten. Im Stillen ist es auch so. Zum Geburtstag bekam ich allerlei Praktisches und Geld. überrascht hat mich mein Bruder Georg, er schenkte ein warmes Hemd und 20.- MK. Außerdem bekam ich äpfel, Tomaten, Zwiebeln, Zuckerrüben, rote Rüben, Gurken, Kohl und Salat. Für den Winter werden jetzt Kartoffeln eingekellert. Hoffentlich habe ich damit Glück. Unsere große Familie braucht schon was und sind die Gemüse vom Geburtstag fast verzehrt. Du schilderst Deine neue Umgebung so schön; da wird Dir auch die Zeit schneller und besser vergehen. Aber Du bist ganz allein oder sind im nahen Dorf auch Gefangene? Kommst Du mit Kameraden zusammen? Alles Gute und herzliche Grüße und liebe Küsse von Deiner Gitta


Regina Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in Vienne la Ville

10.10.1947

Lieber Vati!

Ich danke Dir für die Karte v. 10.9. Wir haben uns einen Drachen gemacht, den lassen wir steigen. Tante Dorchen hat uns Schokolade und für Ursula ein Paar warme Strümpfe geschickt. In der Handarbeitsstunde habe ich Knopflöcher gelernt. Viele liebe Grüße und einen Kuß von uns allen Deine Tochter Regina


Rudolf Woelky in Vienne la Ville an Ursula Woelky in Berlin

12.10.1947  blau

Liebe Uschi!

Weil Du übermorgen Geburtstag hast, sollst Du heute einen Brief von mir haben. Es ist ja Sonntag, auf den sich hier alles die ganze Woche über freut. Heinrich, der 22 jährige Hausherr und Harry und Paul, seine gleichaltrigen Vettern, freuen sich auf die Jagd, auf die sie jeden Sonntag gehen; Black, der Schäferhund darf dann mit mir die Milch in das Dorf fahren, und ich habe Ruhe und Zeit an euch daheim einige Zeilen zu schreiben und Grüße zu senden. Nachher werde ich Walnüsse suchen. Vom Tor des Gutshofes führt ein Feldweg weit hinaus. Gleich vorne stehen viele riesige Nussbäume. Einen großen Sack Nüsse aufknacken und uns die leeren Schalen hinunter werfen. Heinrich hat schon 4 Eichhörnchen herunter geschossen. Heute früh will ich mein Bett machen, da sitzt ein kleines Mäuschen unter der Bettdecke. Es war schon 8 Uhr und auch für ein Mäuschen Zeit zum Aufstehen. Doch es wollte immer wieder unter die Decke. Da habe ich es an die Ohren genommen und gesagt : „ Hör mal, Kleines, heute ist Sonntag. Du wirst Dich jetzt gründlich waschen, genau wie ich." Aber ich habe nicht daran gedacht, daß ein Mäuschen nicht soviel Wasser braucht wie ein Mensch. Und da ist es denn ertrunken. Vorher hat es noch etwas gesagt, aber sie sprechen ja hier alle französisch. –

Herzliche Grüße Dir und Deinen Geschwistern, sowie der Mutti. Dein Vati


Brigitta Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in Vienne la Ville

14.10.1947

Lieber Rudi! Zu Ursula’s Geburtstag sind wir alle beisammen und denken an Dich. Herzliche Grüße von Gitta und den Kindern.

Lieber Rudi vom Geburtstag Deiner Tochter recht herzliche Grüße Familie Zehe.
Ebenfalls grüßt Ursula Seifert
Opa, Oma, Georg, Hermann, recht herzliche Grüße von Mutter. Wann werden wir Dich wiedersehen?


Otfried Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in Vienne la Ville

15.10.1947

Lieber Vati! Danke für Deine Karte v. 29.9. Ich habe jeden Tag 3 Stunden Schule und Schularbeiten auf. Wir lesen von der Litfasssäule und haben ein Plakat gemalt. Unsere Lehrerin hat eine Säule geklebt. Das Schulessen schmeckt mir gut.

Viele liebe Grüße von Deinem Sohn Otfried


Ursula Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in Vienne la Ville

15.10.1947 blau

Lieber Vati!

Mutti und ich danken für Deine Karten v. 29.9. Ich habe ein schönes warmes Kleid bekommen und ein rotes Täschchen und ein feine Kettchen, eine niedliche Püppi, ein Malbuch und Buntfarben, Kekse und Fondants, Blümchen und Kuchen. Ich bin reich, ich habe schon Geld. Ich hebe alles auf, bis Du kommst, lieber Vati. - Mutti hat immer gesagt, Du kommst zum Geburtstag. Nun sollen wir noch warten. Ich freue mich schon so. Sei bitte nicht traurig! Wir wollen es auch nicht sein. Von Mutti und von mir viele liebe Küsschen. Deine Tochter Ursula


Michael Woelky in Berlin an Rudolf Woelky in Vienne la Ville

15.10.1947

Lieber Vati!

An meinem Namenstag hast Du mir geschrieben, und ich danke Dir vielmals. Tante Marga war hier und hat mir eine Trainingshose geschenkt. Ich soll auch viele Grüße von ihr bestellen. Wir gehen 3 mal in der Woche zum Unterricht. Es grüßt Dich herzlich Dein Sohn Michael


Rudolf Woelky in Vienne la Ville an Regina Woelky in Berlin

19.10.1947

Meine liebe Regina!

In dieser Woche erhielt ich Deine und Michaels Karte, sowie 2 Briefe v. Mutti. Vor genau einem Monat habt ihr sie geschrieben. Ich danke Dir, daß Du Dich stets darüber freust, wenn Du weißt, daß. es mir gut geht. Und es geht mir wirklich gut. Nur Du, Mutti, ihr alle fehlt mir. Die Zeit vergeht mir zwar hier sehr schnell, aber es dauert doch sehr lange, ehe ich endlich wieder bei euch sein darf. Ich hoffe ja täglich darauf und einmal werden wir es nicht verstehen können, daß wir solange getrennt waren. Michael schreibt mir von „ seinem „ Garten, in dem ein Kürbis wächst, Mutti von „ ihrem „ Garten mit Spinat und Tomaten; was wächst denn nun in „ Deinem „ Garten. Hat Otfried und Ursula auch „ einen „ Garten? In, meinem Garten wuchsen Futterrüben für ca. 60 Rindviehes. Da hatte ich diese Woche schwere Arbeit mit dem Einfahren und Einlagern. Ich bin froh, daß die Arbeit vorüber ist. Wie kommst Du denn mit dem englisch sprechen voran, my Darling? Macht es Dir Spaß.Ich lerne jetzt parle francais. Mein junger Patron will sich immer mit mir unterhalten. Er ist sehr nett und wollte mir äpfel für euch geben. Leider darf ich kein Lebensmittel -. Paket für euch von Frankreich aus schicken.

Es grüßt Dich herzlich Dein Vati


Rudolf Woelky in Vienne la Ville an Brigitta Woelky in Berlin

26.10.1947

Meine liebe Gitta!

Diese Woche kam keine Post an, aber ich habe ja noch Deine Briefe v. 16. u. 19.9. nicht beantwortet. Die Zeit vergeht ja so schnell. Im August hätte ich es keinem geglaubt, daß ich heute noch in Frankreich bin. Bei Emelda hätte ich es auch nicht ertragen. Hier ist es anders. Ich will heute nicht viel darüber schreiben, denn ich hoffe ja trotz allem, daß ich in Kürze alles mündlich berichten kann. Von Frau Thomas habe ich letztens auch Post erhalten. Sie weilt jetzt zur Erholung in der Schweiz. ( auf Einladung der evgl. Kirchen in der Schweiz ) Am Donnerstag zog unser Schweizer (Melker) auf eine andere Stelle und ein neuer kam mit Frau und Kind. Es ist ein Deutsch-Schweizer, mir aber nicht sehr symphatisch. Er arbeitet schon 20 Jahre in Frankreich, hat es aber scheinbar nirgends lange ausgehalten. Diese Menschen sind wie die Zigeuner. Frankreich aber hat sich an sie gewöhnt, denn es kommt ohne die ausl. Arbeitskräfte nicht aus. Der größte Teil, der sich verpflichteten deutschen Gefangenen sind nun auch schon in Zivilarbeiter umgewandelt. Diese Kameraden bilden ein besonderes Blatt im Buch unserer Zeit. Kaum Zivil, sind sie zu stolz um sich mit ihren ehemaligen Mitgefangenen noch abzugeben.

Herzliche Grüße und Küsse. Auf ein baldiges Wiedersehen Dein Rudi


Rudolf Woelky in Vienne la Ville an Michael Woelky in Berlin

26.10.1947

Lieber Michael!

Gestern, an Deinem Geburtstag, kam ich nicht zum Schreiben, aber ich habe viel an Dich gedacht. Am Tage vorher habe ich noch meine 2 Hemden gewaschen. Ich habe wohl dabei zuviel Waschpulver genommen, denn das eine Hemd hat sich daraufhin in Wohlgefallen aufgelöst. Aber das andere ist umso sauberer geworden. Heute ist es sehr kalt. Es hat gefroren. Wir haben hier einen deutschen schwarzen Schäferhund, der heißt Black. Er begleitet mich immer. Er ist sehr musikalisch. Wenn er Radio hört, dann singt er immer mit. Wir zwei geben auch manchmal ein Konzert. Dann setze ich mich vor seine Hütte und spiele auf der Mundharmonika und Black singt dazu. Das hört sich sehr schön an. Die anderen amüsieren sich dann darüber. Aber Geld haben wir dafür noch nicht bekommen, höchstens werfen sie Black einen Knochen hin, daß er aufhören soll. Siehst Du, das war wieder ein Bild zum Malen. Aber da musst Du schon ein Künstler sein, wenn Du das richtig malen willst. Hast Du denn nun schon Deinen Kürbis geerntet? Danke Dir auch für Deine Karte vom 19.9. Grüße die Mutti und Deine Geschwister recht herzlich. Dein Vati


Kath. Lagerpfarrer im Lager St. Menehould ( Marne) an Rudolf Woelky in Vienne la Ville

1.11.1947

Lieber Rudolf.

Leider bist Du bei diesem Schub noch nicht dabei, sonst hätten wir uns schon begrüßen können. So wird es doch demnächst bald klappen. Stephan ist seit voriger Woche auf der heimreise. Lourdes war für mich ein großes Erlebnis. Vielleicht können wir noch Gedanken austauschen darüber. Wasser habe ich Dir mitgebracht. Ich hoffe, dazu in nächster Zeit Euch besuchen zu können und zwar am 27.11.1947 falls Du dann noch da bist. Habe mir in diesem Monat sehr viel vorgenommen. Ein wenig kenne ich Vienne la Ville schon von meiner ersten Tour im vorigen Jahr um diese Zeit. Grüße die Kameraden recht herzlich von mir. Unterhaltungslektüre haben wir jetzt bedeutend mehr. Herzliche Grüße Dein P. Clemens von SID


Rudolf Woelky in Vienne la Ville an Brigitta Woelky in Berlin

2.11.1947

Meine liebe Gitta!

Obwohl 2 Feiertage sind, so reicht die Zeit doch nicht aus zu dem, was man alles erledigen wollte. Gestern habe ich erstmals große Wäsche gemacht und dann kamen mich die Kameraden aus dem Dorf besuchen. Heute habe ich mir einen Ofen in die Stube gestellt. Eigentlich wollte ich das meinem Nachfolger überlassen, doch es war mir schon zu kalt. Und abends gleich immer um 8 Uhr ins Bett gehen will ich auch nicht. Nun habe ich diese Woche viel Post erhalten Alle kann ich auf einmal gar nicht beantworten. Danke Dir vielmals für das liebe Foto. Muß es mir immer und immer wieder absehen. Habe es jeden Tag in der Hand. Bei Uschi versuch ich dann stets ihr die Hand vom Gesicht zu ziehen, aber es gelingt nicht. Regina lacht mich so lieb an und Du und Micha ebenfalls und sagen mir: „Mach Dir nur keine Sorgen, Vati, wir halten durch, komm nur bald." Ja, ich komme bald. Dann werde ich auch fragen, was mir heute noch in den Briefen v. 23.24. 26. u. 28.9. unklar ist. Bis dahin herzliche Grüße und Küsse euch allen. Rudi


Rudolf Woelky in Vienne la Ville an Dora Duwe in Küdinghoven

2.11.1947

Liebe Dorchen!

Die Kunst des Wartens besteht darin in der Zwischenzeit etwas anderes zu tun. Ich bin daher umgesattelt zum hochherrschaftlichen Hof- u. Stallmeister. Henry XXV. Ist ein Mensch, bei dem ich es noch solange aushalte wie die Lokomotive Kohlen aufnimmt. Unter Dampf soll sie schon stehen. Hoffentlich geht meine Uhr richtig, daß ich den Zug nicht verpasse. Vielen Dank für Deinen Brief v. 4.10. Gruß an Euch Drei. Rudi


Rudolf Woelky in Vienne la Ville an Otfried Woelky in Berlin

5.11.1947

Mein lieber Otfried!

Ich danke Dir für Deine liebe Karte vom 29.9. Es wird Zeit, daß ich nach Hause komme, ( meinst Du nicht auch?) damit Du nicht mehr an Deinen Vati schreiben brauchst. Es ist genug, wenn man schon die Schularbeiten zu machen hat. Aber eine Lehrerin ist ja nicht so streng, wie? Einen Drachen kann ich Dir natürlich nicht schicken. Warum machst Du Dir nicht selbst einen? Das ist doch gar nicht schwer. Nun, im nächsten Herbst, dann zeige ich’s Dir, wie er gemacht wird. Jetzt kommt die Regenzeit und der Winter, da lässt man keinen Drachen steigen. Michael ist schon größer, der wird sich ein Flugmodell bauen. An dem Zug, der mich zu Euch zurück bringen soll, brauch er nicht mithelfen, der ist schon so gut wie fertig. Es fehlen nur noch die Kohlen und Wasser. Und das kann ja nicht mehr so sehr lange dauern. Grüße bitte den Opa von mir und sag ihm : er soll noch etwas Geduld haben, ich komme bald. Grüß auch die Mutti und Deine Geschwister. Vati


Rudolf Woelky in Vienne la Ville an Ursula Woelky in Berlin

6.11.1947 blau

Meine liebe kleine Uschi!

Deine Karte v. 26.9. hat mir viel Freude gemacht. Natürlich fahren wir beide auch mal Karussell. Aber ich bin doch neugierig, ob Du wirklich mit Deinem Vati zufrieden sein wirst, oder ob Du Dir nicht doch einen anderen aussuchen wirst. Da würde ich aber sehr traurig sein. Ich komme bald, und dann wirst es erst mal mit mir versuchen, gell?

Es grüßt Dich ganz lieb Dein Vati


Rudolf Woelky in Vienne la Ville an Michael Woelky in Berlin

11.11.1947

Lieber Michael!

Du hättest doch an dem Zug mitbauen sollen. Der andere hier hat zu schwache Achsen. Der kann nicht so schwer laden. Diese Woche fährt er ab, aber ohne mich. Ich muß nun warten bis es zurück kommt und da vergeht ein Monat. Hoffentlich hat er dann Kohlen. So könnte ich Weihnachten vielleicht doch noch bei euch sein. Danke Dir für Deine Karte v. 29.9. Dein Vati


Rudolf Woelky in Vienne la Ville an Regina Woelky in Berlin

11.11.1947

Liebe Regina!

Am Dienstag voriger Woche sagte ich mir : eigentlich müsste heute Post von Regina kommen. Also ging ich nach dem Abendessen hinunter ins Dorf um nachzusehen. Es war sehr dunkel und ein ganz feiner Regen fiel auf die Erde. Erst muß ich durch einen Park, dann durch einen Wald bis ich wieder an eine große Weidefläche komme. Hier lagen die Kühe wiederkauend herum und rührten sich nicht. Ich gehe quer über die Wiese. Dabei musste ich aufpassen, daß ich nicht über eine Kuh falle, so dunkel war es. Wenn ich an den Bahndamm komme, der hier durchgeht, dann bin ich immer froh. Hier habe ich einen festen Pfad und kann sicher gehen bis ich nach 500 m an die Straße komme. Dann kommt noch ein Tunnel durch einen Berg und eine Brücke über einen Fluß und nach ½ Stunde Weg bin ich dann endlich bei den Kameraden, die meine Post aufbewahren. Leider kam ich den Tag umsonst. Aber am Freitag, den 7.11.kam dann Deine Karte vom 10.10.an, und ich danke Dir dafür recht herzlich. Gerne gehe ich an der Bahn nicht entlang Wenn zufällig gerade ein Zug durchfährt, dann tut es mir immer in der Brust weh. Erst wenn mein Zug hier entlang kommt werde ich Freude und keinen Schmerz verspüren. Viel liebe Grüße und einen Kuß von Deinem Vati


Rudolf Woelky in Vienne la Ville an Brigitta Woelky in Berlin

11.11.1947

Meine liebe Gitta.

Am Sonntag tobte es in mir; da konnte ich nicht schreiben. Gestern tobte es in der Natur, da hackte ich Holz. Heute ist Ruhe, aber alles müde. Frankreich feiert heute den Kriegsschluß 1918, aber die Budenbesitzer werden in St. Menehould lange Gesichter machen, denn der Regen wird keine Gäste nach dort locken. Dabei haben sich Harry und Paul, Cousins meines Chefs, ( 24 Jahre ) schon seit Tagen auf den Rummel gefreut. Sie wollten den ganzen Tag im Elektro-Auto gegeneinander losfahren. Rums! Ja, wir haben uns auch schon so oft gefreut auf das, was endlich kommen soll und immer wieder fällt’s ins Wasser,. Und doch müssen wir zufrieden sein und uns auf das nächste Mal vertrösten. Ich habe mich nun auf den nächsten Monat vertröstet. Das Alphabet hat eben auch Nachteile ( trotz der geordneten Reihenfolge ). Ich danke Dir für Deine lieben Zeilen v. 8.9. u. 10.10. Mein Lagerpfarrer hat mir geschrieben. Er hat mir aus Lourdes Wasser mitgebracht. Es grüßt und küsst Dich in Liebe Dein Rudi


Rudolf Woelky in Vienne la Ville an Brigitta Woelky in Berlin

19.11.1947

Alle meine Lieben!

Sende Euch heute - stopp—die letzten Grüße – stopp -- aus Frankreich -- stopp – bin ganz närrisch – stopp Post an Dorchen - stopp -- nächste Nachricht - stopp - von dort - stopp Liebe Gitta, liebe Kinder -stop - Küsschen - stopp Kuß stopp - Küsse -- stopp -stop stoooop! Rudi -


Rudolf Woelky in Vienne la Ville an Dora Duwe in Küdinghofen

19.11.1947

Meine lieben Tanten!

Grabt das Kalb wieder aus und macht mir schnell die Kapelle wieder lebendig. Laßt den Triumphbogen über den Rhein spannen. Die siegreiche Truppe kann jeden Tag erwartet werden. Die Quartiersleute sind anzuweisen unseren „ tapferen Kämpfern „ einen freudigen Empfang zu bereiten. Es grüßt Euch ganz närrisch Euer Rudi


Rudolf Woelky im Munster Lager an Brigitta Woelky in Berlin

12.12.1947

Meine liebe Gitta!

Meine Entlassung habe ich mir einmal einfacher vorgestellt. Ich hätte Dir gern schon früher geschrieben, aber ich wusste bis heute nichts Positives. Am 20.11. war ich bereits im Lager St. Menehould und bin nun erst bei der vorletzten Etappe angelangt. Da ist es kein Wunder, wenn man langsam Flöhe im Kopf bekommt, und die wollte ich nicht noch auf Dich übertragen. Seit einer Woche liegen wir hier in Munster-Lager. Morgen früh geht es endlich weiter nach Münster / Westpf. Von dort hoffe ich dann am Sonntag oder Montag die Fahrt zu Dorchen antreten zu können. Das wäre dann der 15. Dezember. Nun weiß ich nicht, wie sich dort alles entwickeln wird, damit ich möglichst schnell zu Dir fahren kann. Wenn ich meine Papiere dort fertig habe, werde ich aber den Weg über Syke ( Bruno ) nach Berlin nehmen, weil ich hoffe, dadurch euch noch eine Kleinigkeit für den Magen mitbringen zu können. Zu Weihnachten will ich aber unbedingt zu Hause sein. So oder so. Am 20.-21. Dez. denke ich bei Bruno zu sein. Sollte es nötig sein, daß mich Hermann abholen muß, so denke ich ihn dann bei Bruno zu treffen. Das dürfte näher als bis Bonn sein. Ich werde am 16. oder 17. Dez. noch einmal schreiben. Hoffe dann klarer zu sehen. Die Post wird ja wohl nicht länger als 3-4 Tage gehen. Bitte Hermann, daß er sich für die Zeit um den 21. herum für mich zur Verfügung hält. Nach Möglichkeit komme ich natürlich allein. Wenn ich das früher gewusst hätte, daß man von der Ostgrenze Frankreichs bis Bonn 4 Wochen benötigt, dann hätte ich es mir doch anders überlegt. Aber nun ist nichts mehr zu machen. Ich muß den Weg zu Ende gehen, und vielleicht hat es doch noch was Gutes für sich. Wie dem auch sein mag, die Hauptsache bleibt ja, daß ich nun endlich entlassen bin und wir uns in einigen Tagen wiedersehen werden. Das Wiedersehen wird all die Mühsal des letzten Monats in ein Nichts auflösen und über uns wird der Stern von Bethlehem leuchten, denn Friede den Menschen, die guten Willens sind. Außerdem freue ich mich auf ein warmes Bett, denn Schlaf und Wärme vermisse ich seit meiner Rückberufung zur Entlassung. Aber ich glaube ein warmes Plätzchen wirst Du für mich schon aufgehoben haben – und wenn es in Deinen Armen ist. Es grüßt Dich, die Kinder und alle Lieben daheim in inniger Liebe und Sehnsucht

Dein Rudi


Rudolf Woelky in Küdinghoven an Brigitta Woelky in Berlin

15.12.1947 10 Uhr

Meine liebe Gitta!

Vor 10 Stunden kam ich in Küdinghoven an. Die Tanten lagen schon im tiefen Schlaf. Es tat mir leid, daß ich sie munter machen musSt. Nun, das Wiedersehen war rührend. Zu aller erst suchten alle drei nach Deinem Brief mit der Willkommens – Karte für mich. Ich danke Dir von ganzem Herzen dafür. - Nun zum anderen. Wie die Verhältnisse liegen, werde ich versuchen auf dem schnellsten Wege zum Lager in Münster zurück zu kommen, um dann von dort aus mit dem Berliner Transport ( 18. oder 20.12. ) zu euch zu kommen. Alles andere halte ich für unratsam. Hoffentlich geht alles so glatt, wie ich es mir denke. Ich bin jedoch voller Zuversicht. Wenn es anders werden sollte, schreibe ich umgehend Nachricht von Bruno aus, den ich nach Möglichkeit sowieso aufsuchen werde. Das wäre also mein Plan. An etwas anderes zu denken, reichen im Augenblick meine Nerven nicht aus. Alle Nerven sind nur darauf konzentriert : wie komme ich nun am schnellsten zu Dir. Sende Dir und den Kindern für heute viele liebe Grüße und Küsse. Dein Rudi

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