Kriegstagebuch von Rudolf Woelky 1945

Einleitung:

In diesem Buch will ich in kurzen Notizen meinen Weg in die Gefangenschaft und meine dort gewonnenen Eindrücke und Erlebnisse für mich festhalten.

Ich gestehe offen, dass ich im letzten Halbjahr des öfteren mich mit dem Gedanken an eine Gefangenschaft abgegeben habe. Es war in den Tagen von Kaisersberg, Bärental und Graben – Neudorf. Erst die Ostertage von Graben – Neudorf, wo Kameraden auf unsinnigste Weise mit der Panzerfaust deutschen Privatbesitz zerstörten und mir der Kampf um Graben am deutlichsten die Ohnmacht unserer Wehrmacht zeigte, beschloß ich, diesen Wahnsinnskampf nicht mehr mitzumachen. In Weingarten, am 5. April 1945, gab ich dem Schicksal einen kleinen Stoß und mein Weg in die Gefangenschaft (vielleicht aber auch Freiheit) begann.


5.4.1945
Auf Schleichwegen hinein nach Weingarten. Der Ami hat den oberen Teil des Städtchens bereits besetzt. SMG muß 4 x Stellungswechsel machen. Jedes Mal neues Granatfeuer. Zuletzt liegen wir außerhalb des Ortes mit dem SMG und sehen als erste, wie feindliche Panzer auf den Osteingang von Weingarten zufahren. Weingarten ist eingeschlossen. Drei Mann, Gräfen, Urbanek und ich können uns nicht mehr nach Weingarten hinein schmuggeln. Wir lösen uns von der Gruppe und gehen unseren eigenen Weg. Wir hören, dass um uns in der Hauptsache de Gaulle Truppen sind. Das erscheint uns nicht günstig. Eine Tannenschonung gibt uns Deckung bis zum Abend und dann geht es den Sternen nach querfeldein – N.N.O. In der Nacht regnete es. Die Abspannung aber ist groß und in einem Wald schlafen wir 2 Stunden.

6.4.1945
Im Morgengrauen erreichen wir eine Lichtung im Hochwald und sehen hinab auf einen Ort. Der Magen hängt uns bis in die Kniekehlen. Seit drei Tagen so gut wie nichts zu essen gehabt. Wir wollen hinab in die Ortschaft – da rollt der Ami auf allen Straßen hinein. Wir ziehen uns zurück. Auf einem Waldweg entdecken wir drei Trosswagen. Zwei Verpflegungskisten geben uns alles was wir brauchen. Nur Durst haben wir noch. Nirgends Wasser. Am Nachmittag schleicht sich Gräfen hinein nach Ruiten, bringt Most und Neuigkeiten mit. Immer noch de Gaulle Truppen. Unser Weg führt nach Bretten. Wir müssen über eine große Wiese, an der die Straße nach Bretten führt, um in den nächsten Wald hinüber zu kommen. Es ist noch hell. Sekunden retten Urbanek vor dem Entdeckt werden. Drei Meter neben uns rollen de Gaulles Truppen an uns vorüber. Im Dunkeln steigen wir hinab nach Bretten und finden abseits vom Ort ein Haus und Scheune. – Wir sind glücklich, denn es regnet schon wieder. Die Bewohner haben uns nicht bemerkt. Umso größer ihr Erschrecken am Morgen.

7.4.1945
Die Frauen sind aufgeregt über uns. Sie haben Angst. Wir gehen wieder. Ein Eisenbahnstollen als Schlupfwinkel. Wir verschaffen uns Zivilkleidung. Alle Straßen, Wege, Pfade, übergänge, alles stark gesichert. De Gaulle kommt nach Bretten. Wir kommen nicht raus. Haarschnitt nach 4 Monaten.

8.4.1945
Sonntag. Wir im Eisenbahntunnel, draußen herrlichstes Wetter. Trotzdem in Zivil, wagen wir uns erst in der Nacht aus Bretten. Als erstes Ziel wird vorgenommen aus dem Bereich der franz. Besatzungstruppen zu kommen. N.O.

9.4.1945
Drei Uhr Nachts in Oberdürtingen. Die Stadt schläft. Ich suche eine Scheune für uns. Nur Weinkeller. Der Ort scheint wenig besetzt zu sein. Endlich eine Scheune. Auf einem Wagen drinnen liegt ein weißbezogenes Federbett. Wir legen uns auf Stroh und decken uns mit dem Bett zu. Der alte Bauer erstarrte erst bei unserem Anblick und als er hörte, dass wir Soldaten sind, fing er an zu zittern. Ein franz. Offizier wohne in seinem Haus. Wir baten um Brot. Unmögliches Verlangen. Vor Zittern kam er nicht vom Fleck. Er tat uns leid und wir gingen. Sonst hätte er vielleicht noch einen Herzschlag bekommen. Armes Volk. Wie hat euch Hitler feige gemacht. Wir spazieren das erste Mal am Tage an franz. Truppen vorbei. Sie mustern uns wohl etwas misstrauisch, halten uns gewiß für Polen oder Russen und lassen uns laufen. Bevölkerung fragt uns, ob wir Schäfer wären. Sonst aber sind die Einwohner sehr scheu und sehen uns beinahe feindlich an. Vor Soldaten haben sie Angst und wünschen sie weit fort und mit Polen und Russen haben sie in den letzten Tagen schlechte Erfahrungen gemacht. Unser Weg führt uns nach Eppingen. Es ist ein herrlicher Tag voller Sonne und Blüten. Wir sind schon wieder übermütig. Vor Eppingen sprechen wir Zivilisten. Sie erzählen von den Marokkanern in Eppingen von Vergewaltigungen und Räubereien. Wir entschließen uns Eppingen links liegen zu lassen und laufen den ganzen Tag noch bis Berwangen. Zu unserer Beruhigung erfahren wir, dass der Ort nicht besetzt ist und im nächsten Ort Amerikaner sind. Eine Frau gibt uns Brot und Wasser. Am besten nicht sagen dass man Soldat war, dann ist’s aus bei unseren lieben Bürgern. Hier verweigert uns ein Bauer das Schlafen in seiner Scheune weil wir Soldaten sind oder waren und ein anderer hat noch nicht einmal ein Glas Wasser für uns übrig. Schlafen tun wir in einem Luftschutzbunker, den Bewohner in ihrem Garten hinein gebaut haben

10.4.1945
Urbanek muß einen Arzt aufsuchen; schlimmer Finger, Gefahr einer Blutvergiftung. Wir trennen uns und wollen uns in Rappenau treffen. Eine Familie in Berwangen gibt uns Frühstück. In einem Waldstreifen vor Babstadt stoßen wir durch Zufall wieder auf Urbanek. Wir sind alle denselben Gedanken gefolgt und sind vor Rappenaau nach Norden abgebogen. Die Front schien uns hier zu nah. Wir besprechen unsere Lage und kommen zu dem Entschluß , dass eine Gefangennahme wohl unausbleiblich sein wird. Dadurch, dass wir jetzt Amerikaner um uns haben, brauchen wir uns dem auch nicht länger entziehen. Urbanek will aber noch bis Gundelsheim, wo er seine Braut weiß. Wir verabschieden uns erneut, Gräfen und ich gehen noch zusammen bis Hüffenhardt. Dort trennen auch wir uns, wollen aber am nächsten Morgen um 9 Uhr uns vor dem Ort treffen. Wir rechnen nämlich damit, dass wir einzeln besser unterkommen. Ich gehe planlos durch den Ort, der keine Besatzung hat. Mein Schicksal führt mich in das Gehöft des Bauern Wimmer. Er hält mich für einen Polen oder Saboteur, glaubt dann aber meinen Worten und nimmt mich auf. Endlich wieder einmal ein warmes Essen und ein Bett. Ich bekomme Hemmungen, denn ich habe Läuse, und will nicht ins Bett. Dann lege ich mich aber doch hinein, aber ohne Hemd.

11.4.1945
Als ich am Morgen aufwachte war es bereits 10 Uhr. Eine Stunde über die verabredete Zeit mit Gräfen. Es sollte wohl so kommen, denn Gräfen war mir in allen Dingen zu wenig aktiv und geistig unbeweglich. Wimmer fragt mich was ich vorhabe. Offen lege ich ihm klar, dass ich mich von den überstandenen Strapazen erholen möchte. Ich kann bleiben. Am Nachmittag helfe ich ihm auf dem Feld beim Eggen. Im Ort sind 5 Häuser und 13 Scheunen vernichtet. Es hätte keinen Kampf um die Ortschaft geben brauchen, aber der Bürgermeister holte SS zur Verteidigung heran. Nachher ging er selbst türmen, kam aber wieder zurück, da er nicht mehr über den Neckar kam. Nun muß er vorläufig sein Amt weiter ausüben bis auch er mal die Rechnung vorgelegt bekommt. Die SS sollte noch das Heeres Verpflegungslager, die Schule, Rathaus und Wasserturm in die Luft sprengen, aber sie kamen zum Glück nicht mehr dazu. Deutsche Verbrecher am Volksgut. Was ist es sonst?

12.4.1945
Am Vormittag einige Stunden zusammen mit Wimmers Pflegetochter Gertrud im Garten gearbeitet. Gertrud war BDM Führerin, 20 Jahre alt und außerordentlich stabil und kräftig. Wir unterhielten uns über das Christentum. Ich muß immer wieder feststellen, dass unsere jungen Menschen in einem furchtbaren geistigen Durcheinander leben. NS – Schule und Elternhaus haben eine hässliche Missgeburt geschaffen .Ich bin nur froh, dass meine Kinder noch nicht von dem Gift der Rosenberg Lehre genommen haben.

Am Nachmittag Rüben vom Feld geholt. Die Arbeit muß gut eingeteilt werden, denn die Einwohner dürfen z.Z. nur von 8 – 18 Uhr ihre Häuser verlassen. In anderen Ortschaften ist der Ausgang noch beschränkter, aber auch wieder ausgedehnter. Es kommt meistens auf die Haltung und Disziplin der Bewohner an.

13.4.1945
Arbeit gibt es bei Wimmers immer und man sieht nicht gern, wenn man stillsitzt. Wimmer ist 62 Jahre alt, sein einziger Sohn 1941 gefallen. Habe heute den Keller vom Haus seiner Schwester vom Schutt freigemacht. Um 18 Uhr läutete der Gemeindediener aus: Alle Soldaten, die sich im Ort befinden (auch in Zivil) müssen sich sofort auf dem Rathaus melden. Sie werden als Kriegsgefangene behandelt werden. Die sich nicht melden, werden als Spione angesehen und erschossen.

Da haben wir’s. Jetzt wird’s ernst. Aber ich sehe die Sache nicht als mein Unglück an, schließlich haben wir ja heute den 13. und einen Freitag.

14.4.1945
9 Uhr auf dem Rathaus. Name, Geburtstag und – Ort, sowie Aufenthalt bei wem angegeben. Es meldeten sich fünf Mann. Der Bürgermeister fertigte einen Marschbefehl in englischer nach Rappenau aus, wonach wir um 14 Uhr abmarschieren und nach Ankunft in Rappenau uns bei der Ortkommandantur zu melden haben. Wimmers verabschiedeten sich herzlich von mir und gaben noch etwas Brot zum Abend mit. In Rappenau hielten uns zwei Posten an, fragten wo Uniform und Karabiner, untersuchten nach Waffen und ließen uns, sichtlich vergnügt über uns Fünf, wieder laufen. Die Kommandantur war verzogen nach Bohndorf – 4 km weiter. Wir kommen um 17 Uhr in Bohndorf an, für Bewohner Schluß des Ausgangs. Der Bürgermeister bringt uns zur Kommandantur. Ein amerikanischer Hauptmann und ein Dolmetscher empfängt uns. Als er hört, dass wir ohne Aufsicht als Kriegsgefangene von H nach B marschiert sind, um uns zu melden, weiß er nicht, ob er lachen oder darüber staunen soll. Dann lässt er drei von uns in seinem Privatwagen steigen und zwei in einem PKW und zurück ging es nach Rappenau. Man fuhr uns bei drei Stellen vor. Keiner wollte uns haben. Dann wurden wir der deutschen Polizei in Gewahrsam gegeben und im ehemaligen franz. Gefangenenhaus untergebracht. Matratzen und Federbetten. Most wurde gebracht. Wir waren ganz zufrieden mit unserem freiwilligen Los und schliefen gut.

15.4.1945
Die Diakonissinnen vom Kinderheim in Rappenau verpflegen uns. Unser guter deutscher Polizist in Zivil mit weißer Armbinde MP bewacht uns ängstlich auf Schritt und Tritt. Das könnte er sich bei uns ersparen. Der Ami scheint uns vergessen zu haben. Aber um 19 Uhr werden wir mit einem Wagen abgeholt. An einer Wegkreuzung halten bereits 5 LKW mit Gefangenen. Soldaten und Zivilisten, ein buntes Bild. Wir müssen auf dem 1. Wagen umsteigen. Ein Ami entdeckt dabei meine Armbanduhr und nimmt sie mir ab. Die bin ich los. Er sagte nur:" ist für Gefangene verboten" und weg war sie. Die Fahrt ging über den Neckar an Mosbach und Adelsheim vorbei bis Sennheim. In einer Scheune übernachteten wir.

16.4.1945
Im Morgengrauen wurden wir auf die eingezäunte Wiese gegenüber der Scheune geführt. Bald danach gab es die erste Verpflegung. Mittags fuhren die letzten 5 LKW mit uns weiter. Eine meiner schönsten Fahrten begann. Von Neckareals bis Heidelberg durch das im schönsten Frühlingsschmuck liegende Neckartal. Nur die versenkten Lastkähne und zerstörten Brücken störten manchmal das zauberhafte Bild. Die Ortschaften am Neckar lagen bis auf Neckargemünd unbeschadet und friedlich da. Auch Heidelberg ist bis auf seine Brücken unversehrt. In Mannheim ging es über den Rhein. Armes Mannheim! Ich sah kaum ein ganzes Haus. „Oh, diese „Nationalisten," die diesen höllischen Krieg immer noch fortsetzen. Im Sammellager bei Böhl wurden wir ausgeladen. Wir kampieren im Freien. Vom Zivilisten bis zu den Hilfsvölkern ist alles hier. Ich werde einer Zivilistengruppe beigegeben.

17.4.1945
Die Nacht war kühl und an Schlaf nicht zu denken. Alles lief umher oder stand in Gruppen um kleine Lagerfeuer und diskutierte. In der Hauptsache hat man die Nazis vor. Keiner wirft den alliierten Mächten etwas vor. Das Aufsichtspersonal besteht aus Amerikaner, die sich uns gegenüber vollkommen einwandfrei verhalten. Die Sonne wärmt die steifen Glieder auf.. Unter uns befindet sich auch ein SS Polizei Offizier. Seine Frau und Schwiegervater haben ihn aus dem Haus gejagt. Mittags gab es pro Mann ein Päckchen Knäckebrot und eine halbe Büchse Konserven. Fritz Wieland, ein Mannheimer, der auch in Hüffenhardt war, ist mit mir zusammen in derselben Gruppe. Wir haben eine Büchse Leberwurst erwischt. Das Lager wird noch vergrößert. Am Nachmittag kamen alle Zivilisten in die anschließende Umzäunung. Es rollen laufend neue Gefangene an. Viel Zivilisten. Man erzählt, dass Goebbels durch den Wehrwolf einen Aufruf an alle Zivilisten, Krüppel und Verwundete erlassen haben soll, in welchem er zum Partisanenkrieg aufruft.

Darum müssen sich alle melden und werden vorläufig in Gewahrsam gehalten. Immer neue Verbrechen dieses Vertreters des deutschen Volkes. Alles ist hier in höchster Aufregung über den Wehrwolf. Wir hoffen nur, dass dieser Krieg bald ein Ende hat und wir hier nicht allein die Schuld unserer Führung zu tragen brauchen. Zu Hause sitzen nämlich noch Leute, die wegen ihrer Parteifunktion immer U.K. gestellt waren und keine Front gesehen haben.

18.4.1945
Die 2. Nacht war wärmer. Habe 4 Stunden geschlafen. Im Nebenlager wurde musiziert und gesungen. Der Strom der freien Rede nimmt an Stärke zu und hat ungehemmten Lauf. Man erzählt als Neustes, dass in Wien Schirach und Makenzen, ebenfalls Göring erschossen worden sein soll. Himmler soll von der eigenen SS schwer verletzt worden sein. Waffenstillstand soll angetragen sein und wer ab 20. April noch einen Schuß abgibt, wird als Partisan erschossen. Gott gebe es. Ich bin sehr müde, kann aber der drückenden Schwüle nicht schlafen.

19.4.1945
Kesselring und Rundstedt soll kapituliert haben. Die Nacht war es kühl. Wir lassen uns aber den Humor nicht nehmen. Rund im Lager hat sich ein Fußweg gebildet. Am Abend wird das Lager erleuchtet. Dann beginnen wir unseren Rundgang auf der „Kurpromenade." Er endet am Morgen mit einem Weg zum „Brunnen." Im Nebenlager werden Zelte aufgestellt. Am Abend trafen Krankenschwestern und Stabshelferinnen etc. ein.

20.4.1945
In der Nacht war es ausgesprochen kalt und ein frischer Nordwind fegte über die weiten Lagerfelder. Die Diskussionsgruppen kamen daher nicht in Schwung. Die Gemüter werden langsam müde. In unserem Lagerfeld befinden sich u.a. auch Ungarn. Sie haben ziemlich lange Finger. Drei von ihnen wurden dabei erwischt. Ein ungarischer Unteroffizier vollzog das Verhör und gleichzeitig Gericht. Es gab Ohrfeigen am laufenden Band. Eine gute Stunde lang. Wir übernachten auch heute noch im Freien.

21.4.1945
Die Armen von Rundstedt und Kesselring sollen kapituliert haben. Was wir lange mit Bangen entgegen sahen, kam über Nacht. Schlechtwetter mit Regen. Brrrr!

22.4.1945
Sonntag. Heute soll die Küche ihre Arbeit beginnen. Aller Anfang ist schwer. Und dann diese Massen. Um 8 Uhr traten wir an zum Kaffee – Empfang, 18 Uhr war der Kaffee alle und noch nicht alle Gruppen durch. Warmes Essen wurde anschließend ausgegeben bis 3 Uhr nachts. Furchtbar kalt und regnerisch. Die Strapazen und das Ungewisse steigt schon so manchem in den Kopf.

23.4.1945
Wenn nur erst besseres Wetter wär. Die Nacht totzuschlagen ist am schlimmsten. Wir standen enggedrängt zusammen. Hunderte. Eine müde hin – und herschwankende Masse. Auch diese Nacht ging vorüber. Heute Vormittag kam die Meldung durch, dass ab 2 Uhr nachts Deutschland kapituliert hat, ebenfalls Japan. Ein Bravo und Hurrah ging durch die Lager. Jeder hofft nun auch bald aus der Gefangenschaft entlassen zu werden. Nun, so schnell wird es nicht gehen. Ist ja auch nicht gut durchführbar. Trotzdem scheint man schon daran zu gehen und die Verwundeten und Zivilisten sollen morgen schon zur Entlassungsstelle kommen. Man spricht von einer Regierung Severing. Hitler soll gefangen sein. Ganz klare Bilder über die Geschehnisse draußen erhält man nicht. Mir graut vor die kommende Nacht.

24.4.1945
Der Deutsche ist der bedauernswerteste Mensch unseres Kontinents. Selbst heute im 6. Kriegsjahr und noch dazu in der Gefangenschaft ist er sich nicht einig und macht sich das Leben gegenseitig schwer .Ich habe während meiner 4 jährigen Soldatenzeit keine Kameradschaft kennen gelernt und hier im Lager gibt es weder das noch etwas ähnliches. Nur Niederträchtigkeiten, Diebstähle, Schlägereien u.a. Armes Deutschland. Du verdienst ja kein anderes Los. Und Du wolltest Völker regieren? Außer Stumpfsinn, Sturheit und Blödheit scheinen die hiesigen Lagerinsassen keine besonderen Eigenschaften oder Tugenden zu besitzen. - Die Nacht einigermaßen überstanden. Es wird wieder etwas wärmer. An uns Zivilisten sind einige Mäntel und Uniformstücke ausgegeben. Die meisten waren nur notdürftig gekleidet und auf diese Gefangenschaft nicht vorbereitet. Meine Hose hatte auch bereits lange Risse und Löcher. So bekam ich auch eine Hose und Bluse. Ich bin froh. Der Tag verging mit Essenfassen.

25.4.1945
Gestern konnte ich mich am tage einigermaßen ausschlafen und das war gut, denn die heutige Nacht war schrecklich kalt. An Schlafen nicht zu denken. Am Morgen lag Raureif. Dafür ist es jetzt aber am Tage sehr heiß. Vormittags marschierten die rein Zivilisten zur Entlassung ab, kamen aber wieder zurück. Sie haben sich zu früh gefreut. In der Küche kochen jetzt 8 Kessel. Die Abwicklung des Essens wird nun auch bald schneller vor sich gehen. Doch Hunger habe ich immer, wenn wir auch nichts tun brauchen.

26.4.1945
Die Nacht warm und abwechslungsreich. Wie zum Sprung bereit lagen die jungen Wehrmacht/Zivil vor dem Stacheldraht. Bis zum andren Lager hinüber sind es ca. 25-30 m . Von diesem dann führt der Weg durch Stacheldraht, Doppelposten und Scheinwerfer auf freies Feld hinaus. Ungefähr 25 gingen hinüber. Wie ich später erfuhr, wurden 7 im drübigen Lager gefasst. Einen ertappten sie schon beim Robben über das Zwischenfeld. Einige Hiebe mit der Reitpeitsche und Abführung mit erhobenen Händen zum Lagerkommandanten. Was mit ihnen geschieht weiß ich nicht. Meiner Beurteilung nach hat es keinen Sinn zu fliehen. Wohin auch? Man verschlimmert nur seine Lage und die der anderen. Daß unsere Zivilisten bereits auf dem Wege aus dem Lager umkehren mussten, verdanken sie einem Amputierten, der in Weißenburg eine Panzerfaust abschoss. Wem hat nun der Amputierte durch seine „Heldentat „ einen Nutzen gebracht? Im vorigen Jahrhundert war eine solche Tat noch was wert, aber heute sind Nationalhelden nicht mehr gefragt. Die Führung der europäischen Staaten wird niemals in deutsche Hände gelegt werden, das ist nun entschieden – und zu Recht. Das kann später einmal kommen, aber nicht durch Gewaltmaßnahmen. Wozu also noch diese Störungen der Wehrwolfhörigen? – Am hinteren Ende des Lagers stehen die Abortanlagen. Die Deckel sind bereits von unvernünftigen Lagerinsassen entfernt und am Lagerfeuer verheizt worden. Drei metertiefe Gräben sind für Wasserablaß ausgehoben. Vor so einer Pissgrube stand heute nacht ein Polizist. Der Schlaf schaukelte ihn wie ein Stehaufmännchen hin und her und plötzlich lag er drin. Es ist schon Einigen so gegangen. --

Zum Frühstück gab es heute eine Scheibe Knäkebrot und 2 Löffel Apfelmus. Habe mich heute rasiert und meine 2 Taschentücher gewaschen. In den frühen Morgenstunden habe ich etwas geschlafen und dabei 3 Traumbilder gehabt.

1. Ich war bei Mutter, die Vorbereitungen zu meiner Geburtstagsfeier treffen sollte und viele Kuchen backen. Sie sagte, dass sie auf ihre Marken noch 225 Eier abholen kann. Wollte aber nicht recht, da sie noch genügend eingeweckt habe. Ich machte ihr die wirtschaftliche Lage nach dem verlorenen Krieg klar.

2. Ich fuhr mit einem kleinen Flitzer einen Bergpfad entlang, an dem Kameraden Schützenlöcher aushoben.

3. Ich besuchte eine Schule. Ein Mann kam und machte Andenkensfotos. Das Bild hatte ein Format von 3 x 12 cm in Bütten geschnitten. Ich saß fast rechts außen im Straßenanzug, ähnlich wie auf meinem Bild „Dolce far niente" an der Schulmauer, deren Ziegelwände links und rechts von mir schadhaft waren. Das uni schöne Bild, das von der halben Höhe ab den gelblichen Hund zeigte, hatte in der Mitte ein Loch und schien auf einen Nagel aufgesteckt gewesen sei

27.4.1945
In der Nacht hatte es geregnet. Es ist für uns das Schwerste mit, was wir ertragen müssen, denn es gibt für uns keinen Schutz gegen Wetter und Kälte. Der Boden ist zäher Lehm. Ein besonderer Genuß. An ein Ruhen bei Nacht und auch am Tage war nicht zu denken. Aprilwetter - Aprilstimmung. Man hat uns zum 2. Mal Zelte zugesichert. Ich glaube nicht mehr daran. Ist das das humane Amerika?

28.4.1945
Großen Hunger, müde, Regen und Kälte. Aprilstimmung. Für uns gibt es nichts Neues. 1 ½ Kellen Wassersuppe als Tagesverpflegung. Will man uns langsam verhungern lassen? Gestohlen wird schrecklich viel. Mir hat man heute nacht meinen Hut während eines kurzen Schlafes im Karussell vom Kopfe gestohlen. Außerdem meine Konservenbüchse, mein einziges Wertobjekt, das mir als Essgeschirr dient, vom Band abgemacht.

29.4.1945
Regen, Temperatur ca. 5 Grad, 1 ½ Kellen Gemüsesuppe für den ganzen Tag, kein Dach über den Kopf. Morgen sollen Zelte kommen. Mir können sie viel erzählen. Alles ist überreizt. Diebstähle, Schlägereien nehmen immer mehr zu. Wieland und ich machen uns gegenseitig neuen Mut. Es muß ja auch mal diese Zeit ein Ende haben.

30.4.1945
Regen und Hagelschauer. Winterliche Temperatur. Zelte sind nicht gekommen. Dafür 5 Zelttücher von Jahrmarktsbuden oder so was ähnlichem. Was bedeutet das für 5000 Mann? Wir haben uns wieder mit Blechbüchsen als Spaten in die Erde hinein gegraben um wenigstens Schutz vor dem eisigen Wind zu haben. Als Tagesverpflegung gab es heute 2 x 2 Schöpflöffel voll Gemüsesuppe. Es ist immer dieselbe Zusammenstellung. Doch heute war sie schon kräftiger. Sie war bindiger und sogar etwas Büchsenfleisch dabei. Morgen soll es noch besser werden. Wir waren auch schon nahe am Verzweifeln. Am Abend kamen Mäntel an, die an diejenigen verteilt wurden, die keinen besaßen. Ich bekam auch einen. Hoffentlich regnet es nicht auch in der Nacht.

1.5.1945
Eine grausig kalte Nacht liegt hinter mir. Ich habe zusammen mit 15 Mann unter so einem Zelttuch geschlafen. Es war nur so breit, dass die Füße nicht mehr bedeckt waren. Ich konnte vor Kälte nicht einschlafen, nur weil die Füße mich nicht mehr tragen wollten, blieb ich liegen. Verpflegung war heute schon etwas kräftiger. Es war mit Büchsenfleisch gekocht, aber sehr dünn. 2 x 2 Schöpflöffel voll. Ab morgen soll es amerikanische Verpflegung geben. Heute ging die Nachricht um, dass Hitler tot sei, Goebbels gefallen und jeder deutsche Widerstand gebrochen. Sollen wir das glauben dürfen? Wann wird man uns dann entlassen? Wir machen uns immer wieder mit neuen Auslegungen des Gehörten Mut. Gegen Abend Wetterbesserung. Gespannt verfolgen wir den Zug jeder Wolke.

2.5.1945
Kalt und Regen. Kein Schlaf.

3.5.1945
Wie gestern. Hoffnungslos.

4.5.1945
Regen, Hagelschauer, Schlamm bis über die Knöchel. Kampf um die Abortsitze, die einzige Möglichkeit sich auszuruhen. Verpflegung noch nicht viel besser.

5.5.1945
Parolen schwirren umher. Es soll endlich Waffenstillstand sein. Ich bin völlig teilnahmslos. Versuche mich mit Gewalt aufzumuntern. Aber es ist schwer. Morgen und Abends Kaffee, zum Mittag einen Ltr. Essen. Gegen Abend endlich Wetterberuhigung.

6.5.1945
Immer noch dicke schwere Wolken am Himmel. Soldaten in Uniform werden seit gestern laufend verladen. Für uns noch keine änderung. Kaffee, Gemüsesuppe, 10 Kekse und auf 10 Mann eine Büchse Fleisch, Kaffee. Die Stimmung wird besser. Rumänen werden aus dem Lager heraus gezogen. Wieland und die anderen Hüffenhardter finden einen einigermaßen trockenen Lagerplatz, wo die Rumänen ein Zelt drauf hatten. Zwei Mäntel auf dem Boden, drei zum Zudecken. So schliefen wir 5 nach Tagen einen totenähnlichen Schlaf. Es regnet nicht mehr und wird wärmer.

7.5.1945
Ein heißer sonniger Tag mit Gewitter. Wieder ging ein Transport ab. Nach Frankreich? Was wird man mit uns Zivilisten machen? Seit heute 24 Uhr soll nun tatsächlich Frieden sein. Es berührt mich alles sehr wenig. Habe Hunger und fühle mich sehr elend. Habe furchtbar in den letzten Tagen abgenommen. Wieland fiel mir heute früh um. Er erholte sich aber bald wieder. Nach 8 Tagen heute den ersten Stuhlgang. Am Morgen Kaffee, Mittags süße Suppe mit Nudeln und Aprikosen. Zum Abend Tee, eine dicke Scheibe Weißbrot, Butter und Fleisch. Man könnte damit schon zufrieden sein, wenn man nicht so einen Heißhunger hätte und abgemagert wär.

8.5.1945
Ich bin vollkommen niedergeschlagen. Habe mich heute mal wieder waschen können und rasieren. Als ich meinen Oberkörper besah, an dem nur noch welke haut hing und nur ein Knochengerippe war, da wurde ich sehr traurig. Ich muß versuchen, dass ich die fehlende Nahrung durch Schlaf ersetzen kann. 3 Wochen kaum Schlaf war Mord. Ein Glück, dass das schlechte Wetter vorüber ist. Die Sonne scheint und es ist sehr heiß. Alles sonnenbadet. Ich habe fast den ganzen Tag geschlafen. Am Abend gab es guten gezuckerten Bohnenkaffee mit Kondensmilch. Dazu ein Kanten Weißbrot. Wir brocken das Brot in den Kaffee und löffeln es als Suppe. Zum Frühstück hatten wir heute ausnahmsweise auch ein Stück Weißbrot ca. 100gr und 80 gr Büchsenfleisch. Das Mittagessen war auch besser. Es gab gemischtes Gemüse mit Lauch und war einigermaßen dick gekocht. Am Nachmittag kamen einige Hundert Polizisten in unser Lager, die aus dem aufgelösten Lager Worms transportiert wurden. Sie erzählten, dass sie in der letzten Woche zusätzlich vom Deutschen Roten Kreuz verpflegt wurden. Hoffentlich denkt man auch mal an uns hier. Zigaretten stehen hoch im Kurs. 1 Zigarette kostet 20,-Mk. und wird ohne weiteres bezahlt

9.5.1945
Die Nacht fest durchgeschlafen. Die Temperatur ist des Nachts erträglich. Zum Frühstück gab es ¼ ltr. Bohnenkaffee, schwarz. Der Bischof von Speyer will eine Hilfsaktion für uns in die Wege leiten. Es wird schwer sein, denn in allen Lagern in Böhl zusammen befinden sich noch gut 35000 Gefangene. Wasser ist sehr knapp und muß mit Tankwagen heran gefahren werden. Man hat nach Wasser gebohrt bis zu 70 m und hat keinen Erfolg gehabt. Den ganzen Tag über dunstig und sehr schwül. Das Mittagessen war gut. Haferflocken, Nudeln, Graupen und Kekse süß gekocht. Für die Abendkost und als Verpflegung für den nächsten Morgen gab es 13 Kekse (ähnlich wie unsere Leibniz Kekse) und für 10 Mann eine Büchse Fleisch. Morgens und abends gibt es jetzt immer Bohnenkaffee. Wir bröckeln uns die Kekse in den Kaffee, lassen sie aufquellen und löffeln es als Suppe. So kommen wir einigermaßen zurecht, wenn man es sich einteilen kann. Habe den ganzen Tag wieder langgelegen. Politisiert wird jetzt nur noch wenig. Es hat eine allgemeine Gleichgültigkeit Platz ergriffen.

10.5.1945
Himmelfahrtstag. Herrliches Wetter. Nachdem ich jetzt fast 2 Tage und 3 Nächte hintereinander geschlafen habe, fühle ich mich heute frisch und erholt. Der Bohnenkaffee mit den eingebrockten Keksen hat wieder einmal gut getan und das schreckliche Hungergefühl schwächt immer mehr ab. Kath. und evang. Feldgottesdienst. Die Geistlichen kamen aus dem Offz. Gefangenen – Lager neben uns. Als Mittagessen gab es wieder eine Gemüsesuppe, darin ist immer allerhand enthalten, aber sehr schmackhaft. Porré, Tomate, Bohnen, Erbsen, Nudeln, Kartoffeln, Paprika. Zum Abend gab es das erste Mal während unserer Gefangenschaft Schwarzbrot und zwar eine gewöhnliche Scheibe Roggenbrot (Bäckerbrot) und dazu ca. 40 gr Büchsenfleisch – Bohnenkaffee. – Ich mache mir ein Schachspiel.

11.5.1945
Wieder sehr warm und schwül, aber ohne Regen. Bohnenkaffee. Mittag: Gemischtes Gemüse mit Kartoffeln und Nudeln. Abendessen: Bohnenkaffee, 150 gr Weißbrot und Kunsthonig, für das Stück Brot. Polizisten, OT. Und Feuerwehr kamen heute in das Nebenlager. Wir haben alle aufgeatmet, denn erstens wird dadurch unser Lager um über 1500 Personen kleiner und zweitens war die Polizei äußerst unbeliebt. Sie wurde durch unseren Lagerführer Fuchs in jeder Weise bevorzugt, besaß alles im übermaß und hatte doch nie genug. Meistens Nürnberger. Ich habe den süddeutschen Menschen hier überhaupt als einen sehr reizbaren und zänkischen Menschen kennen gelernt und man hat es mir auch heute in einem Gespräch bestätigt, dass hier 3 Mieter eines Hauses bestimmt mit 2 stets im Streit liegen. - Nach der Essensausgabe, die heute erst nach 19 Uhr beendet war, verteilt man die Gemüse – und Kartoffelabfälle an die Gefangenen, die in langen Schlangen danach anstehen. Der Hunger ist immer noch zu groß. Ich habe selbst schon Kartoffelschalen gekocht und gegessen. Gekocht wird mit Papier, als Gefäß dient die Konservenbüchse . Sehr gefragt ist auch Kaffeegrund, der getrocknet als Tabak Verwendung findet. - Im Lager 3 ist wieder jeden Abend Maiandacht. - Böhl soll nach den neuesten Parolen als Entlassungslager für Soldaten in Zivil und alle übrigen Zivilisten gelten und nach einer Rundfunkansprache Eisenhower soll die Entlassung innerhalb 3 Wochen beendet sein. Schön wär’s ja!

12.5.1945
Selten schönes Wetter! – Frühstück: Bohnenkaffee und 4 Kekse,. Mittag: Süße Suppe (Hafer – u. Maisflocken, Milei und Korinthen) Abendessen: Bohnenkaffee, 1 Scheibe Weißbrot, 1 Löffel Marmelade und 1 Löffel Büchsenfleisch. – Neue Lagerführung. Fuchs von der Polizei ist nicht mehr und soll im Lager 3 bei den politischen Gefangenen gelandet sein. Hoffentlich! Als neuer Lagerführer ist ein ehemaliger K.Z ler eingesetzt, der gleich seinen Arbeitsstab und Küchenpersonal mitgebracht hat. Es soll ein Berliner sein und hat gleich am ersten Tag die Sympathie aller Lagerinsassen gewonnen. Gewiß, neue Besen kehren gut, aber er scheint nicht nur Besen zu sein. Jedenfalls wird die Cliquenwirtschaft und das Zigarettengeschäft mit dem Küchen und Arbeitspersonal ein Ende haben und manch einer von den Beteiligten wird seinen Anteil früher oder später bezahlen müssen. Um die Küchenbaracke ist es leer und ruhig geworden. Die Kaffeeausgabe dauerte nur eine gute Stunde, und jeder hatte schon seine Kelle Kaffee in der Büchse oder im Kochgeschirr. Vielleicht gelingt es ihm (dem Lager F.) uns in Bälde auch noch besser zu verpflegen, denn der Hunger ist oft quälend. Habe heute einige rohe Kartoffelschalen gegessen, um den Magen zu beruhigen. Uns fehlt nun mal das Kommis – oder Schwarzbrot. Weißbrot und Kekse schmecken wohl ausgezeichnet aber können nicht das Gefühl der Sättigung geben. Oder das Quantum müsste bedeutend vergrößert werden. Unsere Gedanken drehen sich nun einmal in der Hauptsache um die Ernährung, da wir den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben. Wir werden zu keiner Arbeit herangezogen, mit Ausnahme einer kleinen Anzahl freiwilliger Arbeiter, die gruppenweise gestellt werden. Die amerikanische Lagerleitung und die Soldaten lassen uns völlig in Ruhe, man bemerkt sie kaum. An den schönen Tagen wie augenblicklich, könnte man glauben sich in einem großen Freibad zu befinden, wenn man den Stacheldraht übersehen könnte. Für mich ist nun mal die seelische Belastung noch zu groß. Wenn ich etwas über die Familie wüsste, wär es für mich besser. Ich beruhige mich durch mein tägliches Gebet und den Glauben, dass ich sie wiedersehen werde, gesund und recht bald. Außerdem ist es mir gelungen Lesestoff zu bekommen. Ein Leidensgenosse lieh mir Löws „Das zweite Gesicht" und Zabels „Katharina II." Seitdem ich mich wieder etwas geistig beschäftigen kann, bin ich ein ganz anderer Mensch.

13.5.1945
Sonntag. Das schöne Wetter hält an. Heute kein kath. Gottesdienst. Seit Anfang Mai haben fast alle Lagerinsassen an reumathische Schmerzen zu leiden, die sich durchweg an den Zehen und Fingern bemerkbar machten. Ihre Glieder, sowie Hand- und Fußgelenke schmerzten bei jeder Bewegung und waren wie steif. Durch die Sonne schien es noch schlimmer zu werden. Die Ursache dieser Krankheit führte man z.T. auf die andere Ernährung, auf die Witterung Ende April und als eine Auswirkung der seelischen Depression, als Nervenkrankheit hin. Auf jeden Fall ist es eine Störung des Blutkreislaufes. Seit gestern ist es bei mir in einem neuen Stadium. Fuß und Fingerspitzen sind fast tot und Gefühl nur nach längerer Massage. Gelenke schmerzen kaum noch. Es wird der Weg zur Besserung sein. Ehe wir hier heraus kommen, wird jeder wieder richtig laufen können. – Wir machen Zukunftspläne. Immerhin ein gutes Zeichen, obwohl wir immer noch vollkommen im Dunkeln tappen und das Ende unserer Internierung nicht abzusehen ist. Ich beschäftige mich stark mit den Gedanken als Geflügelzüchter, Gänse, Enten, Hühner. Ich denke an die Pacht eines größeren Wiesengeländes an einem See, vielleicht sogar bei Groß Mandelkow. Anlage in halbbogenförmiger Terrasse an einer Ausbuchtung an der Westseite des Sees. 1. und 2. Terrasse für Gänse und Enten, 3. Terrasse für Hühner und Puten. Die Seiten werden abgegrenzt durch Stallungen und Schuppen und durch Obstbäume dekoriert. Bei der Anlage ist daran zu denken, dass ein zentraler Platz zur Straße frei bleibt für den Ausbau des Betriebes, z.B. Anlage einer Konservierungsanlage für Fleisch, Eier und Obst, bzw. für Lager- und Reinigungsräume für Federn. Die obere Terrasse, die 4. evtl. bildet einen Kranz oder besser gesagt Schirm über das Ganze aus Obstbäumen und Kulturblumenbeete (Zwiebelgewächse). In der Mitte über allem erhebt sich das Familienhaus. Die Erziehung der Kinder muß so ausgerichtet werden, dass einmal Otfried die Geflügelzucht, Michael Versand und Vertrieb, Regina Federgeschäft und Ursula den Obst – und Blumenzwiebel, sowie den Konservierungsbetrieb übernehmen. Ernst gemeint. Gott gebe mir Kraft und Geist einmal diese meine Gedankenbilder nutzbringende Wirklichkeit werden zu lassen zum Wohle meiner Familie. – Frühstück: Bohnenkaffee und 4 Kekse; Mittag: Mohrrüben mit Büchsenfleisch; Abend: Tee, 2 Eßlöffel Büchsengemüse mit Fleisch.

14.5.1945
Die Nacht über unruhig geschlafen. Von Bruno und Käthchen Woelky geträumt. Habe Kopfschmerzen und fühle mich nicht besonders. Macht wohl, weil ich 4 Tage wieder keinen Stuhlgang habe. Verstopfungen sind hier die große Plage für uns. In unserer Gruppe ist ein 20 jähriger, der schon 17 Tage keinen Stuhlgang hat. Er kann kaum noch laufen, und der Arzt? Bloß hier im Lager nicht krank werden. Wie mir bekannt ist, sind im Verhältnis zur Menge kaum ernsthafte Krankheitsfälle eingetreten. Tote sind ebenfalls nur wenige zu beklagen und hält sich eigentlich ihre Zahl im Rahmen der normalen Sterblichkeitsziffer. Auffallend ist jedoch die große Nervosität bei jedem einzelnen, die bei steigender Sonne und Hitze hässliche Formen annimmt . Bei der kleinsten Kleinigkeit möchte jeder gleich den anderen an die Gurgel. Am schlimmsten ist es beim Verpflegungsverteilen. Dann stehen sie um den Verteiler herum und wehe ihm, wenn der andere einen Krümel mehr bekommt. Nun macht es auch viel aus, dass im Lager zu 95 % Süddeutsche sind. Sie werden mir von Tag zu Tag unsympathischer.

Frühstück: schwarzer Tee ungesüßt
Mittag: Nudeln mit Backpflaumen und Korinthen
Abend: Bohnenkaffee, Weißbrot, ca 40 gr Käse, 1 Löffel Tomaten

Heute bin ich volle 4 Wochen im Lager.

15.5.1945
Das schöne Wetter hält an. über Nacht mein Hemd, das ich nun 6 Wochen auf dem Körper habe, eingeweicht und soeben gewaschen. Das war nicht so einfach, denn man hat kein richtiges Gefäß dazu. Eine Keksbüchse ist mein Wachzuber. Läusepulver und Lehmstaub wollten erst gar nicht raus. Bin gespannt, ob die Läuse wenigstens raus sind. – Seit vorgestern werden die einzelnen Gruppen im größeren Umfange verhört. Hauptzweck ist die Parteifunktionäre und Parteimitglieder heraus zu finden. Jedenfalls ein Zeichen für uns, dass damit ein Schritt näher zur Entlassung getan ist. Gestern schnitt sich vor der Vernehmung ein Mann die Pulsadern auf. Er gehörte früher zur Gestapo. – Ein neues Sanitätspersonal ist ins Lager gezogen. Der frühere Stabsarzt ist auch abgelöst. Das ist der neuen Lagerführung zu danken und alle getroffenen Maßnahmen lassen darauf schließen, dass die Gesamtheit der Lagerinsassen gesichert sein wird. Die Abortanlagen sind endlich mal gechlort worden, für Leute mit Durchfall ist eine getrennte Anlage geschaffen, um Ruhr und Cholera zu vermeiden; Abfallstoffe aus der Küche zu kochen und zu essen; Lungen und Geschlechtskranke werden von uns abgesondert.

Frühstück: Bohnenkaffee (leider ist er nicht mehr so gut wie vor 3-4 Tagen noch )
Mittag: Gemüsesuppe ohne Kartoffeln und Nudeln.
Abend: Gesundheitstee und 100 gr Weißbrot.

16.5.1945
Heute wurden alle Soldaten in Zivil heraus gezogen, die sich gültig ausweisen konnten. Darunter war ich auch und musste mich nun von meinen lieb gewonnenen Hüffenhardter Leidensgenossen Fritz Wieland trennen. Wir wurden in Berufsgruppen unterteilt und dann in verschiedene Lager untergebracht. Unsere Hoffnung endlich aus Böhl – Iggelheim heraus zu kommen, erfüllte sich leider nicht. Im Gegenteil: die Umgruppierung erfolgte während der Essensausgabe mit dem Resultat für die meisten, dass wir außer Frühstück den ganzen Tag ohne Essen blieben und erst ab morgen Mittag hier in Verpflegung sind. Ich gehöre leider auch zu den Hungerleidern. Der Ami hat daran keine Schuld, sondern nur unsere lieben deutschen Brüder, die in der Küche sitzen bis hinauf zur Lagerführung. Man muß sich immer wieder schämen ein Deutscher zu sein. Im jetzigen Lager befinden sich sonst nur reine Kriegsgefangene, in der Hauptsache Soldaten der Luftwaffe. Das Lager macht hier einen besser geleiteten Eindruck als das andere, wo ich bisher war. Es gibt täglich eine politische Tagesschau, sowie Sprachunterricht in englisch und französisch, sowie Sternenkunde und Chemie. Nun, im Augenblick muß ich mich noch schonen, denn ich bin sehr runter und der Ruhe bedürftig. Man könnte sich ja über vieles, vieles hier aufregen und über so manches Sorgen machen, doch der Mond hat mir erst gestern wieder geraten: Schau mich an. Bleibe kühl und ruhig, so wirst Du am sichersten rund. Deine Familie lebt und ist gesund und Deiner Frau werde ich heute noch dasselbe raten. Einmal kommt der Tag, wo ihr mich wieder einmal zusammen schauen dürft." Das schöne Wetter hält an.

Frühstück: Gesundheitstee, bitter – 175 gr Weißbrot, 1 Löffel Mais. 1 ½ Löffel Kürbis, 50 gr Corned Beaf
Mittag:ausgefallen
Abend: ausgefallen. Nicht für alle, aber leider für einen großen Teil und auch für mich.

17.5.1945
Konnte heute nicht wach werden, also die 1. Nacht im neuen Lager gut geschlafen; ein gutes Vorzeichen. Das Lager hier ist mir in jeder Beziehung angenehmer. Am Nachmittag Zahnuntersuchung. Später habe ich mich ganz abgewaschen und die Haare ebenfalls. Hier ist es nicht so schlimm mit dem Wasser und man kann wieder einmal Körperpflege treiben. Gott sei Dank. Das Reißen in den Händen und Füßen hat fast gänzlich nachgelassen. Es ist ja auch herrlichstes Wetter und wir haben den ganzen Tag Zeit zum Sonnenbaden. Meinen Darm trainiere ich täglich und habe Erfolg. Das Essen ist hier im Lager schmackhaft und gut, ebenfalls gab es guten Bohnenkaffee. Heute habe ich zwar noch gehungert, weil wir erst seit Mittag in voller Verpflegung waren, aber morgen wird es wohl besser werden. Nach dem Kaffee führte mich der Weg am Platz der Englisch – Lernenden vorbei. Ich blieb stehen und war gleich wieder dabei. Ich werde nun doch täglich daran teilnehmen.

Frühstück: Bohnenkaffee und 100 gr Weißbrot
Mittag: Mohrrüben mit Erbsen, Kraut, Kartoffeln und Büchsenfleisch
Abend: Süße Suppe: Mais, Trockenei, Schokolade und Kürbis.

18.5.1945
Der Boden wird immer härter. Diese Nacht habe ich kaum gewusst wie ich liegen soll, aber doch ziemlich gut durchgeschlafen. Nun dreht es sich den ganzen Tag wieder um das Essen. Jeder freut sich, wenn es „ Süße Suppe „ gibt und viele notieren sich die mannigfachen Zusammenstellungen, denn wenn ich wieder daheim bin, dann muß meine Frau wenigstens 3 mal in der Woche „ Süße Suppe „ machen." So reden sie und ich bekenne mich auch dazu. Wenn auch nicht als Hauptmahlzeit, so doch zum Abend oder auch zum Frühstück. Hoffentlich können wir bald daheim essen, aber ich glaube vorläufig nicht daran. Ich rechne im Gegenteil noch mit wenigstens 2 Monaten, wenn nicht sogar 2 Jahre daraus werden. Wenn ich nur erst Nachricht von der Familie hätte und ich ihnen schreiben darf.

Frühstück: Bohnenkaffee leicht gesüßt und 175 gr Weißbrot, sowie 10 kl. Hartkekse
Mittag: Kohlgemüse (Weiß-u. Sauerkraut, Tomaten, Möhren, Kartoffeln)
Abend: Nudeln und Haferflocken süß.

Von 19 – 20 Uhr engl. Unterricht, 20-21 polit. Nachrichten mit Vorlesung eines Artikels über Berlin. Bin sehr beunruhigt über das Schicksal meiner Angehörigen. 21 Uhr kurzes heftiges Gewitter.

19.5.1945
In der Nacht gab es einen kurzen Regenschauer. Der Boden wird mir immer härter. Dadurch, dass man bei dem heißen Wetter viel am Tage liegt und schläft, ist der Schlaf in der Nacht nur leicht. Heute früh versuchte einer aus unserer Gruppe sich bei der Verteilung von Brot unrechtmäßig einen Teil von einer fremden Gruppe zu beschaffen. Er wurde gefasst, der Lagerpolizei übergeben und 24 Stunden ins Hungerloch gesteckt.

7 – 8 Uhr engl., 8 – ½ 9 Uhr Antrete-Appell, 9 – 10 Uhr Vortrag über Sternenkunde (Mond), 10 – 11 Uhr Vortrag über Städtebau. Kleines Gewitter, danach sehr heiß. 16 Uhr gingen wir gruppenweise brausen. Im Adamskostüm marschierten wir zur Brauseanlage zwischen Lager 1 und 2 . Sehr gute Kernseife lag zum Abseifen da, das Wasser war kalt. Doch es erfrischte dermaßen, dass wir wie neu geboren die Brause verließen. Nun können wir es gar nicht erwarten bis wir wieder zum Brausen gehen dürfen. Um 20 Uhr 15 ist eine Lesung aus Faust I vorgesehen. Unser Los wird also immer erträglicher. Hoffentlich regnet es heute nicht noch, denn es wird stark windig und bewölkt.

Frühstück: Bohnenkaffee und 275 gr Weißbrot
Mittag: wie gestern, nur nicht so gut
Abend: Nudelsuppe mit Tomaten, Rote Rüben, Kartoffel, Kürbis, Fleisch.

Die Rezitationen aus Faust waren ein ganz besonderer Genuß für unsere ausgemergelten Hirne. Die Sprecher waren Schauspieler aus Dessau, Berlin und Nürnberg.

20.5.1945
Pfingsten! Wir haben Feiertagsstimmung. Mit Milchkaffee und Schmalzbrot fing es an. Für die Katholiken gab es dann Beichtgelegenheit. Um 9 Uhr war dann Gottesdienst für beide Konfessionen. Sehr große Beteiligung. Die Zahl der Kommunizierenden nahm kein Ende. Der Geistliche war ein hervorragender und überzeugender Redner. Erst um 11 Uhr war die Messe zu Ende. Es war eins der schönsten Gottesdienste, die ich je mitgemacht habe. Das Mittagessen war weniger feiertäglich, sondern sehr dünn. Das machte wohl auch, dass gestern Abend noch über 500 aus meinem früheren Lager herüber gekommen sind, darunter auch Wieland und Kling. Gern haben wir den Zugang der 500 nicht notiert. Im früheren Lager kommt nun SS herein. Gestern konnten wir feststellen, dass alle Gerüchte über vollzogene Entlassungen der Wahrheit entbehren. Es ist aus Böhl noch niemand entlassen. Also Geduld, mein Herze! – Das Wetter scheint sich einigermaßen zu halten, aber es ist sehr heiß und drückend und ringsum kleine kurze Gewitter. – Jugendliche bis 18 Jahre bekamen einen Streifen Schokolade.

Frühstück: Bohnenkaffee, 275 gr Weißbrot und 50 gr Schmalz
Mittag: Weißkohl mit Kartoffel, Möhren und Tomaten. (sehr dünn)
Abend: Maissuppe mit Kürbis.

Der Bunte Abend dauerte 2 ½ Stunden und war eine angenehme Abwechslung. Auf einem Briefumschlag habe ich mir das Programm notiert. Die Kräfte waren wohl nur mittelmäßig, aber jeder gab sein Bestes. Der amerikanische Lagerkommandant war auch anwesend. Das Lager war fast vollzählig um die vor der Küchenbaracke improvisierte Bühne versammelt. Für den kommenden Sonntag ist der nächste „Bunte Abend" geplant.

21.5.1945
Pfingstmontag: Das Pendant zu gestern. Trübe, kühl und in den frühen Morgenstunden schon mit kurzen Regenschauern beginnend. Ab Mittag dann Dauer – und Platzregen. Wir standen wieder an und mussten uns durchweichen lassen. Die Soldaten haben wenigstens zu 90 % Zelte. Aber wir kennen ja schon diesen Schmerz und wissen, dass auch er vorüber geht. Nur diese Nächte!

Frühstück: Kakao mit Milch und Zucker, 200 gr Weißbrot, 1 Löffel Fisch.
Mittag: Mohrrüben mit Weißkraut mit Kartoffel (sämig)
Abend: Fadennudeln mit Tomaten. (gut)

22.5.1945
Eine Nacht unter Rheumaschmerzen wieder mal glücklich durchzittert. Wind weht starke Wolkenmassen über das Land, zerreißt aber am Nachmittag das Gewölk und lässt wieder die Sonne durch. Früh, nach dem Antreten war wieder engl. Unterricht. Wir bekamen das erste Mal eine deutsche Zeitung „ Die Wochenpost „. Scheinbar unter amerikanischer Zensur als Zeitung für Gefangenenlager gedruckt. Wir verschlingen fast jedes Wort. Draußen, 50 m von uns entfernt, geht die Straße Speyer – Iggelheim entlang. Seit Tagen ziehen dort ununterbrochen die Rückwanderer zur Pfalz entlang. Am Nachmittag theologische Aussprachestunde des kath. Geistlichen besucht. . War aber nicht zufrieden stellend, da von den Teilnehmern zu flachgeistige Fragen gestellt wurden. Ein kaufm. Arbeitszyklus, der gleichzeitig lief, versprach mehr zu geben, und werde denselben ab morgen besuchen.

Frühstück: Bohnenkaffee mit Milch, 275 gr Weißbrot, 25 gr Schmelzkäse
Mittag: Mohrrüben, Weißkraut und Kartoffel, Büchsenfleisch
Abend: Süße Schokoladensuppe mit Milei und Gries.

23.5.1945
Mai kühl und naß füllt den Bauern Scheun und Faß. Für die Allgemeinheit freut es mich, aber für uns hier ist das Regenwetter nicht angenehm. Gott sei Dank klärte es sich am Nachmittag wieder auf. Ich benutzte darum den Nachmittag zum Ruhen. Habe es wieder mal sehr nötig. Am Vormittag hörte ich der theologischen Aussprache zu. Heute habe ich wenigstens davon etwas mitgenommen. Der Pfarrer sprach über die Familie und insbesondere über den Vater als Erzieher und Vorbild seiner Kinder. Es sind wirklich herrliche Aufgaben, die ein Vater im Kreis seiner Familie erfüllen kann und ich kann es wieder einmal nicht erwarten bis ich bei den Meinen bin. Man spricht ja heute wieder von Entlassungen, die in der nächsten Woche beginnen sollen. Hoffentlich, hoffentlich! Um 20 Uhr sind wieder wie täglich hier übersetzungen aus der amerikanischen Lagerzeitung. Vielleicht ist da eine Nachricht bei, die uns einen Hoffnungsstrahl sendet.

Frühstück: 200 gr Weißbrot, 1 Löffel Fisch, ¾ ltr. Bohnenkaffee weiß.
Mittag: Weißkraut mit Mohrrüben, Kartoffeln und Fleisch (1ltr.)
Abend: Nudeln, Schrot und Kürbis. (3/4 ltr.)

24.5.1945
Die Nächte sind wieder ungemütlich und die Tage kühl und regnerisch. Dementsprechend ist auch die Stimmung im Lager. Die Vorlesungen und Arbeitskreise werden nicht gehalten, es ist zu schlechtes Wetter. So steht und geht man umher und wartet auf die einzige Abwechslung – auf das Essen. Und warten macht Hunger. Ich hatte am Vormittag einen kleinen Zeitvertreib, indem ich mich zufällig einer Arbeitskolonne anschließen konnte. Wir trugen von ½ 8 – 12 Uhr Barackenteile und Brennholz von einem anderen Lager zu uns. Dabei kam ich auch auf die freie Landstraße bis zum Rand des Ortes Böhl. Es war ein befreiendes Gefühl für mich endlich mal außerhalb des Stacheldrahtes gehen zu dürfen und meine Brust weitete sich bei jedem Atemzug. Sonst aber lohnt sich die Arbeitsleistung nicht, denn der Kräfteverbrauch steht in keinem Verhältnis zur Entgeltung. ½ ltr. Essen gab es dafür mehr. Am Nachmittag gab es die 2. Zeitung, mit der wir uns die Zeit vertrieben. 20 Uhr Nachrichten. Bis um 23 Uhr machte ich dann mit Erwin Sigmann Zukunftspläne. Mein Plan ist folgender und deckt sich im Großen und Ganzen mit dem bereits früher erörterten: Kauf oder Pacht von 1-2 Morgen Wiesen und Ackerland. Anbau und Haltung aller zum Unterhalt der Familie nötigen Ernährungsdinge. Ausbau einer Geflügelfarm. Absatz aller überschüssigen Produkte auf den Märkten der umliegenden Ortschaften, evtl. Konservierung (Sirup, Apfelmus, kandierte grüne Tomaten, Most). Pacht der Alleen – Obstbäume oder Ankauf von Fallobst. Für die Anfangs- und übergangszeit Mittelsmann zwischen Landbevölkerung und Stadtkaufmann, Vertrieb kleinster Verbrauchsgüter (Knöpfe, Schnüre, Bänder, Pantoffel u.a. ) evtl. sogar Vertretung in landwirtschaftliche Maschinen, Versicherungen, Zeitungen, Aufkauf von landwirtschaftlichen Produkten. Besonderen Anlaß zu diesen überlegungen gab mir eine erneute Notiz in der gestrigen Zeitung, wo die Alliierten als eines der Hauptpunkte für ihr Programm für Deutschland die Sicherung der Selbsternährung des deutschen Volkes setzten. Es ist demnach anzunehmen, dass Amerika nicht die Absicht hat besondere Mengen Lebensmittel nach Deutschland einzuführen. Womit sollten wir es auch bezahlen? Mir ist nicht bange vor der Zukunft und ich werde mich schon durchschlagen, wenn man auch erst die weitere Entwicklung im Osten abwarten muß. Und dann vor allem: erst wieder frei sein.

Frühstück: Bohnenkaffee und 275 gr Weißbrot
Mittag: Erbsen mit Mohrrüben, Kartoffel und Fleisch
Abend: Haferflocken, Nudeln, Schrotmehl und Kürbis.

25.5.1945
Eisigkalte Nacht. Jede Stunde rannte ich zum P. und war froh als der Morgen graute. Das Frühstück wird nun schon ab 5 ½ Uhr ausgegeben. Im Laufe des Vormittags erwärmte sich die Luft wieder etwas, und man kann wieder stillsitzen. Nach dem Appell engl. Sprachkurs besucht. Englisch wird im engl. – amerik. Besatzungsgebiet Amtssprache. (Ein engl. Sprechender Dorfbewohner hat auch Existenzaussichten). Der Nachmittag war Ruhetag für mich. Die Sonne machte es möglich.

Frühstück: Tee, schwarz gesüßt, 200 gr Weißbrot und 2 Löffel rote Rüben.
Mittag: Dünne Kartoffelsuppe mit Erbsmehl und Fleisch
Abend: Nudeln mit Haferflocken und Mohrrüben, süß (gut)

26.5.1945
Kalte, taufrische Nacht. Habe kaum geschlafen. War durch Gespräche mit Sigmann über Erwerbsmöglichkeiten in der Zukunft so angeregt, dass es mir fortwährend durch den Kopf ging: Gänseklein mit Reis konserviert, Gänseleber konserviert, kandierte Nüsse und Nussstangen, Aufkauf von Nüssen und Entschalen, Weitergabe an Schokoladenfabriken, Studentenfutter, Heimarbeit im großen Rahmen, Anpflanzen von ölpflanzen wie Mohn, Raps, Leinölsamen, Sonnenblumen. Es heißt nun abwarten , wie sich alles entwickelt. – Heute früh engl. Stunde beigewohnt. Am Abend gab es Rezitationen aus „ Don Carlos „. Da das Abendessen aber bis 21 Uhr ausgegeben wurde, begann man erst danach damit, und da hatte ich keine Lust mehr hinzugehen, denn es war kalt und windig. Ich machte einige Rundgänge mit Sigmann und unterhielt mich dann noch lange mit ihm über Zukunftspläne. Wir werden das jeden Abend fortsetzen. Für heute ist zu notieren: Marmeladen unter Zusatz von Mohrrüben, Roten Rüben, Kürbis, Melonen, Kohlrüben. Verpackung von Marmeladen in Holzkisten unter Verwendung von Glaspapier oder Pergament. Was ist Opekta? Gelantine? Kann aus Geflügel – oder anderen Tierknochen (bereits ausgekochten) dieses Konservierungsmittel gewonnen werden? – Anlage eines Schuppens (Holzbaracke oder einfachster Steinbau) dahinein einen Herd mit Kochstellen für 2-3-große Kessel (Stahl oder Eisen oder verzinnte Kupferkessel, Inhalt 80 – 100 ltr.) Darüber eine Rühranlage, betrieben durch Elektr. Oder kl. Motor, ähnlich wie im Eisgeschäft. Einkochen von Sirup, Herstellung von Marmeladen und Konserven, Sirupherstellung gegen Lieferung der Rüben und Zahlung eines Lohnes an Bauern und anderen Einwohnern. Dasselbe Lohngeschäft kann ausgebaut werden auf Marmeladen und Konservierungen. Ankauf von Obst und Rüben aus nächster Umgebung für eigenen Verbrauch und Herstellung. Der Herd kann auch so gebaut werden, dass zwischen den Feuerlöchern an den Seiten Bratöfen Platz finden zum Backen von Brot, für Back- und Dörrobst. Dörrobst und Gemüse kann auch über dem Herd unter dem Dach auf Blechen oder Holzrosten, die an Ketten aufgehängt herunterhängen, gemacht werden. Ein Teil des Schuppens kann abgetrennt oder unterkellert werden zur Lagerung der abgelieferten Rüben etc. Schnapsbereitung aus Abfällen. – Rübenhackmaschine, Kohlhobel.

Frühstück: 200 gr Weißbrot, 25 gr Käse, Bohnenkaffee weiß.
Mittag: Kartoffelsuppe mit Erbsen und Fleisch.
Abend: Weißkraut mit Fleisch

27.5.1945
Sonntag. Kühl und trübe. Engl. Stunde. 9 Uhr Gottesdienst mit Kommunion. Das Mittagessen gab es für unsere Gruppe erst um 17 Uhr. Mit Walter Kling Gespräch über Sauerteig- bzw. Brotbacken gehabt. Zum Weißbrot kein Sauerteig sondern Hefe. Schwarzbrot aber ohne Sauerteig nicht zu backen. Der Teig muß durchsäuert werden. Vorgang bei Herstellung von 2 Ztr. Brot: 1.Gärteig ca 1 Handvoll, dazu 1/8 ltr. Wasser und 1 – 2 Pfd. Mehl, Gärzeit 6-8Std. . Der Teig ist durchsäuert, wenn Druckstellen nicht mehr hochgehen. Der fertige Teig wird dann mit ca 15 ltr. Wasser und entsprechend Mehl, Salz und wenn gewollt Kümmel nochmals durchknetet, dass er einen ziemlich festen Teig ergibt. Dann ½ - ¾ Std. stehen lassen (Teigruhe) und dann das Brot formen. Bevor das geformte Brot in den Ofen gebracht wird, ruht es ebenfalls noch ½ -3/4 Std. Backzeit ¾ - 1 Std. Maismehl 3-4% zu Weizenmehl, Reismehl 5% zu Weizenmehl, Kartoffelstärkemehl 2-3-% zu Roggen oder Weizen - wie ist es mit Beigabe von gekochten Kartoffeln? Sauerteig für den nächsten Backtag nimmt man vom Vollsauer nach dem 3. Prozeß packt den Teig fest in Mehl und verwahrt ihn kühl und sauber in einem Topf (Steingefäß). - Ran ans Werk!

Frühstück: Maissuppe mit Aprikosen
Mittag 125 gr Mischbrot, 1 ½ Löffel Zucker, 35 gr. Käse, schwarzen Tee.

Wie macht man Haferflocken? Springt die Schale durch Walzen ab? Haferflockenkekse, aus H.Fl. Hartgries, gek. Kartoffeln, Milch, Zucker, Sauerteig für kleinere Mengen Brot beginnt man immer mit 1/8 Wasser und 1-2- Pfd. Mehl.

Um 20 Uhr war „Bunter Abend „. Kleinkunst aus eigenen Reihen. Ich war nur kurze Zeit dabei, dann machte ich mit Sigmann wieder meine Runden und sprachen über Zukunftspläne bis 24 Uhr.

28.5.1945
Es ist wieder wärmer geworden und wir konnten uns fast den ganzen Tag sonnen. Am Vormittag engl. Stunde besucht und Vortrag über „Städtebau der Zukunft „ gehört. Seit gestern Abend wird von der Lagerleitung aus mit Bestimmtheit erklärt, dass wir innerhalb 10 – 14 Tagen alle entlassen sein sollen. Die Botschaft hört ich wohl, doch fehlet mir der Glaube. Gesprächsausbeute von gestern Abend: Eierverwertung; Eigelb für Eiercognac, dass Eiweiß für Mohrenköpfe . Eiweiß evtl. auch für Keksbäckerei. Muß ausprobiert werden. Mohrenköpfe haben eine Waffel als Boden, die Füllung besteht aus Eiweiß, Zucker und Kartoffelmehl; durch Eintauchen in Schokoladenguß werden sie damit überzogen. Verpacken in Kartons und Vertrieb an Industrie – und Fabrikkantinen bzw. eigener Verkauf auf Märkten.

Einige Kochrezepte:

Maultasche mit Petersilie gefüllt.
Zur Petersilie kann noch Zwiebel und etwas gehacktes Fleisch hinzu getan werden. Wird in Hefeteig – Schnitten eingerollt und in Salzwasser oder auch Brühe gekocht.

Spätzle
Weizenmehl ½ Pfd. , 1Ei, etwas Salz, Wasser oder Milch. Teig mit Kochlöffel anrühren, auf ein Brett tun und mit einem Messer dünne, schmale Fladen in kochendes Salzwasser abschaben. Kochen lassen bis diese hochsteigen, dann mit Schaumlöffel auf Platte abseien und heiß mit Kompott oder mit Gulasch oder anderen Fleischzusatz servieren. (für 2-3 Personen)

Hörnchen aus Kartoffel
1 Pfd. Weizenmehl , 1 Pfd. Geriebene gekochte Pellkartoffel, ca 15 gr Salz, 200 gr Zucker, 150 gr Fett oder öl, 1-2 Eier, Messerspitze Backpulver, etwas Eigelb zum Streichen, Marmelade zum Füllen. Auswalzen des Teigs in rombenförmigen Scheiben, mit Marmelade füllen und mit obiger Spitze nach unten einrollen. Rolle dann halbmondförmig biegen und auf Bleche backen.

Ofenschlüpfer In emaillierter Pfanne oder Topf. Alte Brötchen in Scheiben schneiden, und abwechslungsweise in Lagen mit Apfelscheiben oder Kompott in den Topf einlegen. Den Boden mit Milch übergießen, gewisse Zeit (ca 1-2-Std.) durchziehen lassen und dann in Bratröhre (Backofen) backen lassen bis oben braune Decke ist. Jedenfalls nicht länger backen lassen als Milch auf dem Boden, sonst brennt es an. Reste können am Abend aufgebacken werden.

Frühstück: Bohnensuppe aus grünen Bohnen und Kartoffeln
Mittag: Suppengemüse mit Reis, enthaltend Lauch, Spinat, Zwiebel, Tomaten, Fleisch
Abend: ¼ Weißbrot und Bohnenkaffee ¾ Ltr.

29.5.1945
Die letzte Nacht konnte ich nicht einschlafen. Der Bohnenkaffee am Abend (es war schon nach 20 Uhr) war zu gut, außerdem die bestimmte Behauptung, dass wir in 10-12 Tagen alle entlassen sein sollen, war wohl die Ursache. Ich lag mit Sigmann unter unseren Mänteln und hörte eine Stunde nach der anderen schlagen. Dabei waren meine Gedanken in Groß Mandelkow bei Frau und Kindern und malte mir alles aus, wie ich es anfangen muß, um meine Pläne in die Tat umsetzen zu können. Der Anfang wird nicht leicht sein. Zuerst muß der dauernde Aufenthalt gesichert werden. (Pastorenhaus, Landjahrheim, Schulräume oder ein anderes Haus) Mieten eines Kellers und einer Scheune oder Schuppen. Kauf oder Leih eines Handwagens, später Pferdefuhrwerk oder Lieferwagen. Dann werde ich von Hof zu Hof und von haus zu Haus gehen und Gemüse und Obst zu kaufen suchen. Die Lieferantenwerden knapp sein, sodaß ich mehrere Orte (Groß Mandelkow, Neu Mandelkow, Groß Ehrenberg usw.) , abwechselnd von Tag zu Tag aufsuchen werden muß. Das eingekaufte Gemüse muß dann am Vormittag in Bernstein verkauft werden müssen. Der Nachmittag und Abend muß für den Einkauf benutzt werden. Der Einkauf muß nach und nach auch zum Kauf eines jungen Kaninchen, eines Huhnes, Gans, Ente führen, damit ich nach und nach zu meinem Geflügelhof komme, ebenfalls damit die Einlagerung von allen Lebensmitteln für den eigenen Lebensunterhalt sicher gestellt wird. Ferner Aufträge für Zucker – und Rote Rüben anbringen, damit ich günstigenfalls schon in diesem Herbst mit meinem Sirup, Marmeladen und Konservengeschäft beginnen kann. Jedes mögliche Vermittlungsgeschäft zwischen dem Bauern und dem Städtchen muß anfangs mitgenommen werden, auch wenn es gar keinen Gewinn bringt und nur den Zweck hat den Bauern für mich zu gewinnen. Jeden Sonnabend können Blumen mit nach Bernstein zum Verkauf der Marktpreise, zu deren Zweck Oma öfter nach Friedeberg oder nach Landsberg muß (oder Gitta). Beerenpflücken durch die Kinder und Oma. Pacht und Fallobst – Sammelrecht, sowie Sicherung des Obstankaufes muß rechtzeitig sicher gestellt werden.

Mostzubereitung:
äpfel und Birnen, zusammen oder getrennt, kommen in die Presse, der Saft wird in Fässer gefüllt. Obst natürlich vorher waschen und dann mahlen. Die Fässer müssen gereinigt und ausgeschwefelt werden. Der Obstsaft muß dann gären. Während der Zeit, die je nach Temperatur und Reife des Obstes 14 Tage – 4 Wochen beträgt, bleibt der Zapfen des Fasses offen. Wenn der Most nicht mehr arbeitet, also rauscht und saust, ist die Gärung vorüber und das Faß wird zugeschlagen. Den Most kann man mit etwas Wasser verdünnen, indem man den ausgepressten Obstabfall nochmals auflockert und unter Wasser setzt und zwar so, dass der Abfall grad so mit Wasser zugedeckt ist. Nach einem Tag presst man den Abfall aus und fügt es dem übrigen Saft zu.

Zwiebellauch stark fördern und anbauen. Pilze sammeln und trocknen. Das Trocknen unter Gasefenster. Kleines Lager in Lacke, Farben, öle, Pinsel, Wachstuch, Gips etc. anlegen. Vogelbeeren (Eberesche) zur Marmelade mitverwenden, Ebereschenlikör.

Frühstück: ¼ Weißbrot, 1 Tasse Tee
Mittag: Kartoffelsuppe mit Fleisch zum Trinken
Abend: Reissuppe mit Kartoffel und Tomaten und Fleisch (gut)

Am Abend Gewitter und Abkühlung. Unsere Kleider und Körper wurden wieder mal mit Lausepulver bestäubt. Ich bekomme kleine Furunkel am Schenkel und im Genick. War den ganzen Tag müde und apathisch. Muß mich durch neue Einfälle wieder munter machen, doch z.Zt. Leerlauf. Die Tatsache, zum Warten verdammt und nicht an die Ausführung seiner Pläne gehen zu können, macht krank und unzufrieden. Und ich kann trotz aller Parolen noch immer nicht an eine baldige Entlassung denken.

30.5.1945
Kühl und regnerisch. Ich habe gegen ein Blatt Tabak ein Notizbuch mit Kalender von 1938 erstanden. Sonst bin ich furchtbar faul und müde. Uns fehlt das Fett. Heute wieder brausen.

Frühstück : ¼ Mischbrot, 1 Löffel Apfelmus und ¾ Ltr. Bohnenkaffee süß
Mittag : Trinksuppe bestehend aus Schnitzelmohrrüben, Tomaten, Reis und Fleisch
Abend : Sauerkohl und Weißbrot und Kartoffel. (sämig)

31.5.1945
Fronleichnam. Am Abend vorher, bis in die Nacht hinein regnete es. Die Erde wieder mal eine Pampe. Trotzdem einige Stunden geschlafen. Als Unterlage ein Stück Pappkarton, den nassen Mantel über den Kopf gezogen. Am Tage trocknete es dann wieder ab und wir konnten etwas Schlaf nachholen. Um 19 Uhr war Gottesdienst.

Frühstück : ¼ Weißbrot, 1 Löffel Fisch, ¾ Ltr. Kräutertee süß.
Mittag : Trinksuppe aus Kartoffel, Erbswurst und Fleisch
Abend : Süße Suppe aus Mais, Reis, Schrot und Rosinen.

1.6.1945
Sehr schönes Wetter, nur etwas Gewitterstimmung. Aktion der Militärpolizei von 9 – 15 Uhr. Mein Taschenmesser bin ich los. War nicht mehr viel wert, denn die Spitze war abgebrochen, aber zum Brot – und Käseschneiden ging es noch gut. Nun muß ein Konservendeckel diesen Dienst verrichten. Abendessen erst um 22 Uhr. Am Nachmittag erhielten wir das 1. Mal ein Stückchen Schokolade (ca 25 gr)

Frühstück : ¼ Mischbrot (Weizen in Mais) 30 gr Käse, 1 Löffel Zucker, Bohnenkaffee
Mittag : Kartoffeln mit Erbswurst, Mohrrüben, Tomaten und Fleisch
Abend : Süße Suppe aus Maismehl, Schrot, Rosinen, Kürbis.

2.6.1945
Zivilisten werden wieder Soldaten und kommen zum Arbeitseinsatz. Dienstgrade und Versehrte ausgeschlossen. Ich wurde auf die Liste der Arbeitswilligen nicht mehr aufgesetzt, da sie abgeschlossen und scheinbar für diesmal genügend Bewerber haben. Wer weiß wozu es gut ist. Ich fühle mich ja im Augenblick besser als vor 2-3 Wochen, aber anstrengende Arbeit könnte ich wohl kaum leisten. Wer Uniform erhielt musste seine Zivilkleidung abgeben. – Himmel bewölkt, aber angenehme Witterung. Kleine Wäsche. – Ich beschäftige mich viel mit meinen Zukunftsplänen und suche durch Gespräche mit anderen darüber Erfahrungen zu sammeln. Außerdem jage ich nach Koch – Back – u. a. Rezepten. Jeden Abend einige Runden mit Sigmann um das Camp.

Frühstück : ¼ Mischbrot (Weizen ,Mais) 25 gr Konservenmischung, schwarzer Tee
Mittag : Konservenmischung mit Sauerkraut und Weißkraut, Fleisch
Abend : Trinksuppe aus Reis und Mais mit Pflaumen

3.6.1945
Sonntag. Herrliches Wetter. Hochamt, deutsche Singmesse, Kommunion. Am Nachmittag zogen die ausgesuchten Arbeitskommando ab, darunter auch Fritz Wieland. Es war ihm nicht leicht ums Herz und doch kann keiner von uns im Augenblick sagen, ob er nicht den besseren Teil erwählt hat. Ich vertrieb mir den Tag mit Lesen und erbaute mich an Schoer’s herrlichen Roman „Heimat wider Heimat. „ Am Abend viel mit Walter Kling, dem Bäcker, und Erwin Sigmann über Backen und Konservieren gesprochen. Ich glaube, dass ich mir vor allem das Brotbacken zu einfach vorgestellt habe und es höchstens mal so nebenbei probieren dürfte ohne viel Risiko dabei einzugehen. In punkto Konserven ist es auf jeden Fall ratsam sich nicht zu zersplittern, sondern nur 100 % ausprobierte 2 – 3 Marken für den Vertrieb herzustellen, die auch wirklich wirtschaftlich sind und Gewinn versprechen. Es darf keine verderbliche Ware sein und muß auch für die Lohnarbeit in Frage kommen, also z.B. Sirup, Apfelmus. Wir saßen noch bis nach 23 Uhr zusammen und waren dann sehr müde.

Frühstück : ¼ Mischbrot (Weizen mit Mais), 1 Löffel Fisch, Bohnenkaffee ohne Zucker
Mittag : Trinksuppe mit Schrot, braunen Bohnen und grünen Erbsen
Abend : Süße Suppe aus Mais, Reis, Mohrrüben und Brot (gut)

4.6.1945
Die Nacht selten gut geschlafen, nur einmal wach geworden. Am Morgen musste Sigmann die furchtbare Entdeckung machen, dass sie ihm seine Schuhe und das Kochgeschirr gestohlen haben. Er zog die Schuhe immer aus und stellte sie neben das Kopfende. Später fanden wir in einem verlassenen Loch sein Kochgeschirr und ein Paar andere Schuhe wieder, die aber eine kleinere Nr. hatten. Aus unserem Lager kamen heute alle über 50 Jahre heraus. Werden sie nun entlassen ? Ebenfalls kamen die Amputierten fort. Wir sind nun fast 1500 Mann weniger geworden. Dadurch habe ich auch das Glück gehabt mit 4 Mann in ein kleines Zelt zu kommen. Nun kann es ruhig mal regnen oder kalt sein. Sigmann liegt in einem Zelt hinter mir. Heute gab es ein ausgezeichnetes Mittagessen. Wenn es auch nicht 100% tig hungerstillend war, so doch ausreichend und das beste Essen seit meiner Gefangenschaft.

Frühstück : 1/5 Weißbrot und Bohnenkaffee ohne Zucker
Mittag : Reissuppe mit Mais, Tomaten, Lauch, grüne Erbsen und Fleisch. (sehr gut)
Abend : Hafermehlsuppe mit Haferflocken, Mais, Rosinen. In Milch süß.

5.6.1945
Die erste Nacht seit dem 15.4.1945 geschützt geschlafen, d.h. unter einem Zelt. Das Wetter ist weiterhin schön, wenn auch der Himmel oft stark bewölkt ist. Heute verließen alle ehemaligen Reichspostmänner das Lager.

Frühstück : 1/3 Brot, ½ Kochgeschirrdeckel Rote Rüben, schwarzer Tee süß
Mittag : Erbswurst mit Weißkraut und Fleisch
Abend : Mehlsuppe mit Milch süß

6.6.1945
Vor einem Jahr fuhr ich heute früh über den Brenner nach Italien hinein. Nun befinde ich mich bald 2 Monate in Gefangenschaft. Das Wetter ist heute schmerzend. Die Sonne sticht und brennt, unbarmherzig. Selbst im Zelt ist es nicht auszuhalten. Vor dem Mittagessen waren wir brausen. Die übrige Zeit lag ich schwermütig im Zelt und wartete auf die Mahlzeiten. Das Rheuma in den Beinen setze mir sehr zu. Wie lange werden wir es hier noch aushalten müssen. Jeden Gedanken an Gitta und die Kinder verscheuche ich. Es wäre sonst manchmal nicht zu ertragen. Ich muß mich anderweitig ablenken. Am besten ist ein Buch.

Frühstück : ¼ Weißbrot, 25 gr Schmelzkäse, Bohnenkaffee ohne Zucker, ohne Milch
Mittag : Erbswurstsuppe mit Reis, Tomaten, Kartoffeln, Fleisch
Abend : Reis und Haferflocken mit Aprikosen (gut)

7.6.1945
Anhaltend schönes und sehr warmes Wetter. Bin heute wieder unternehmungslustiger, nur habe ich noch keinen neuen Interessenkreis gefunden. Zugang von 300 Mann aus Lager 1

Frühstück : ¼ Weißbrot, schwarzer Tee mit Zucker
Mittag : Erbsenudelsuppe mit Kraut und Fleisch
Abend : Sauerkrautsuppe

8.6.1945
Am frühen Morgen Gewitter. Danach den ganzen Tag anhaltend Regen. Ich ging nicht aus dem Zelt raus und fror trotzdem erbärmlich. Der Körper bekommt zu wenig Fett und kein Salz. Außerdem ist auch das Essen wieder schlechter geworden. Wie soll das noch werden ? Man entkräftet immer mehr.

Frühstück : ¼ Weißbrot, Tee mit Zucker
Mittag : Erbsesuppe mit Kraut
Abend : Milchsuppe mit Pflaumen und Mohrrüben

9.6.1945
Am Vormittag noch sehr kühl, aber dann zunehmend wärmer werdend. Ein neues Arbeitskommando wird zusammen gestellt .Ich habe mich entschlossen, diesmal mitzugehen. Ich bin vollkommen kraftlos und gehe hier langsam aber sicher zu Grunde. Durch den Arbeitseinsatz hoffe ich durch andere Ernährung und Bewegung wieder zu Kräften zu kommen. Und länger als die anderen werden wir dadurch auch nicht gefangen bleiben. Es wird sowieso jeder eine bestimmte Zeit zum Arbeitseinsatz kommen, dann wird uns dies vielleicht angerechnet. Ob man es recht macht, man weiß es ja nicht. Jeder ist seines Glückes Schmied und ich vertraue außerdem auf unseren Herrgott. Sigmann und Kling bleiben noch hier. Am Nachmittag werden wir vom Lagerarzt visitiert. Ich sage ihm, dass ich in letzter Zeit oft Schwäche – und Schwindelanfälle habe und außerdem immer Hunger. Wenn ich mehr geklagt hätte, wär ich ohne weiteres zurück gestellt worden. So meinte er auch : versuchen sie es. Abends 20 Uhr wurden wir Arbeitswilligen vom Lager 8 nach Lager 4 gebracht. 800 Mann. Wir rechnen morgen mit unserem Abtransport. Im Lager 4 ein Zelt für vier Personen erwischt.

Frühstück : 1/5 Weißbrot, Bohnenkaffee ohne Zucker
Mittag : 1 Ltr. Gemüserestesuppe mit Fleisch
Abend : ½ Ltr. Bohnensuppe

10.6.1945
Sonntag: Antreten und immer wieder antreten. Am Abend rüber nach Lager 2, dann wieder nach Lager 4. Um 10 Uhr früh gab es Mittag, abends 21 Uhr das nächste Essen. Der Magen rebellierte schon gewaltig. Aber wir haben es wieder mal überstanden..

Frühstück : 1/6 Weißbrot und 2 Kekse
Mittag : Krautgemüse mit Fleisch ( 1Ltr.)
Abend : Schrotsuppe mit Mais und Kirchen (1/2 Ltr.)

11.6.1945
In der Nacht viel geregnet. Um 10 Uhr gab es bereits wieder Mittagessen. Am Nachmittag kamen wir ins Lager 6, das bis gestern noch von den Ungarn belegt war und die in der Nacht mit Autos abtransportiert wurden. Wir rechnen ja nun damit, dass wir heute nacht oder morgen fort kommen. Der Zustand hier wird auch von Stunde zu Stunde unerträglicher. Man taumelt nur noch so dahin. Dazu sind alle Gefangenen sich gegenseitig so giftig und gemein zänkig, dass es mich anekelt überhaupt mich in der Nähe eines Menschen aufzuhalten. Die Nerven sind bei allen überreizt, einfach fertig. Das wird vielleicht besser, wenn andere Nahrung gegeben wird und jeder wieder Beschäftigung hat. Gott gebe es bald.

Frühstück : 1/6 Weißbrot, 2 Kekse, 1 Löffel Fisch, ¼ Ltr. Bohnenkaffee ohne Zucker
Mittag : Mohrrüben und Erbsen mit Kartoffeln
Abend : Reissuppe, süß

12.6.1945
Die Nacht in der Baracke einigermaßen gut verbracht. Gegen Morgen starker Regen. Es sollte gottlob die letzte Nacht in Böhl – Iggelheim sein. Um 8 ½ Uhr traten wir mit unserem Gepäck an und marschierten zum Bahnhof. Zu 40 Mann kamen wir in einen Wagen. Wir haben reichlich Platz. Und dann begann für uns ein Feiertag. Marschverpflegung war im Wagen und da ging es gleich ans Verteilen. Jeder bekam 4 leichte und 4 schwere Büchsen. In den leichten befanden sich Kekse, Bonbons und Pulverwaren; in den schweren Fleischgerichte mit Nudeln, Bohnen, Reis u.a. Wir verschlangen heute fast alle 6-7 Büchsen bis zum Abend und fühlten uns nach 8 Wochen endlich einmal satt. Wenn wir morgen noch lange unterwegs sind, dann werden wir wieder den Leibriemen enger machen, denn die 8 Büchsen sollen für 2 Tage sein. Heute sind wir wieder mal satt und das ist die Hauptsache. Wo geht es nun hin? Wir fuhren durch die Pfalz in Richtung Kaiserslautern – Saarbrücken. Die Bevölkerung winkt uns überall zu und möchte uns Brot u.a. bringen. Aber sie dürfen nicht zu uns heran. Einer Frau gelingt es, uns eine Flasche Wein hinein zuwerfen. Vor Kaiserslautern gab es einen kleinen Zugzusammenstoß, der uns ca. 6 Stunden festhielt. Unser Transport fasst 1000 Mann, darunter 200 Chargierte. Die Dienstgrade hatten das Vergnügen beim Wegräumen des Unfalls tatkräftig zu helfen.

13.6.1945
Es geht nach Frankreich hinein. Straßburg, Metz, Toul, Bar le Duc, Chalons o. Marne. Wir kommen noch über Epernay und dann ist es wieder Nacht. Wir fahren weiter südwestlich.

14.6.1945
Chatres. Aussteigen. Im Ort Erstkommunion. Die Bevölkerung verhält sich passiv. Wir kommen in ein großes Lager. Es ist hier wie in Böhl, nur haben wir hier Hallen und Baracken als Unterkünfte. Wir hoffen als Arbeitskommando eingesetzt zu werden, aber scheinbar sind wir wieder mal angeschmiert. Das Essen ist hier ebenfalls wie in Böhl, auch die gleichen Rationen, nur in anderer Zeiteinteilung.

15.6.1945
Die Nacht ganz herrlich geschlafen; nicht einmal bis zum Morgen aufgewacht. Um 7 Uhr antreten. Wir werden in Kompanien und Züge aufgeteilt und kommen zur Aufnahme. Bis jetzt sind wir noch beim Amerikaner. Ob er uns an Frankreich ausliefern wird? Frankreich ist ein kath. Land, und ich als Katholik kann mir nicht denken, dass Frankreich jeden Deutschen haßt sondern sich auch den einzelnen Menschen ansehen wird. Mit 95% aller Lagerinsassen, die mit mir aus Böhl kamen und größtenteils Süddeutsche sind, würde ich mich selbst nicht verstehen können. Wie müssen diese Menschen erst auf den Ausländer wirken! Ich warte jedenfalls ab und vertraue weiter auf Gottes Beistand. Mit dem heutigen Tag werde ich nur noch besondere Vorkommnisse eintragen, denn das Heft geht langsam zu Ende und ich glaube kaum, dass wir in diesem Jahr noch aus der Gefangenschaft entlassen werden. Hoffentlich geht bald die Post, dass ich nach Hause Nachricht geben kann.

30.6.1945
Scheinbar habe ich mich in den letzten 14 Tagen bereits etwas erholt. Seit einigen Tagen haben wir ausgezeichnete Kost, wenn auch für unsere ausgehungerten Därme noch zu wenig. Dazu schönes Wetter und ein Dach über dem Kopf für die Nacht. Zwei Zeichner habe ich als Freunde gewonnen. Den Berliner Max Ziebarth und den Aschaffenburger Hans Geilich. Wir tun einander helfen wo wir können. Die frei Zeit überbrücke ich durch Anfertigen von Kreuzworträtsel. Zu diesem Zweck habe ich mir ein kleines Wörterbuch angelegt. Gestern kam hier ein großer Transport aus Remagen an. Ab Morgen soll der Amerikaner die Leitung des Lagers an die Franzosen übergeben. Allgemein erwartet man von dieser änderung eine Verschlechterung unserer Lage. Warum, weiß ich nicht. Vor dem echten Franzosen habe ich Achtung und schätze ihn als einen der größten Kulturträger unserer Erde. Seine Hilfsvölker zählen natürlich nicht mit. Und warum sollte ich von einem kultivierten Menschen Schlechtes erwarten?

9.7.1945
Aus dem Lager 2 in Chartres wurden 1000 Mann heraus gezogen, darunter ich auch, und heute in offenen Güterwagen nach Osten transportiert. Wir kommen das erste Mal mit Franzosen in Berührung.

10.7.1945
Gegen Morgen regnete es etwas in unsere offenen Wagen hinein. Soldaten und Zivilisten interessieren sich für unser Gepäck und vor allem für unsere Schuhe. Sie können alles gebrauchen. Für den Franzosen von unserem Waggon zeichne ich nach einer Postkarte für ein hartes Stück Brot und eine Zigarette die Kathedrale von Chartres.

11.7.1945
Am Nachmittag treffen wir in Vienne la Villé ein. Wir marschieren nach Vienne de Chateau. Auf einer großen Wiese werden wir nochmals gefilzt und erhalten ein Stück Brot (7 Mann ein Brot), das erste Essen seit 48 Stunden. Dann geht es weiter nach La Chalade. (7 km) In einer Scheune, die zu einem Klosterhof gehört, werden ein Teil von uns untergebracht. Ein Deutscher, Lambert, spielt hier den Dolmetscher und führt gleichzeitig das Kommando. Alle, die hier was zu sagen haben, tragen einen Ochsenziemer bei sich.

24.7.1945
Endlich eine Wende in diesem furchtbaren Dasein. In den 14 Tagen Chalade habe ich weiter nichts zu essen bekommen als trocken Brot, Mohrrüben oder Kohl in Wasser gekocht. Nach den Gemüse – Abfällen standen wir an und schlugen uns darum. Ich kenne mich selbst nicht mehr. Mein Gewicht beträgt noch 112 Pfund. Kann mich kaum noch halten. Am 20. und 21. auf der Wiese in Vienne de Chateau gelegen und auf einen Arbeitgeber gewartet, der mich mitnehmen sollte. Vergebens. Heute nun wieder hinmarschiert. Ein Pächter einer großen Ferme nahm mich und einen Kameraden aus Blankenburg mit, nachdem ich schon alle Hoffnung hatte fahren lassen. Mit seinem Auto fuhren wir die ziemlich weite Strecke bis 120 km südlich Paris. Unterwegs gab er uns Weißbrot mit Leberwurst und Rotwein. Ich glaubte zu träumen und musste mich stark beherrschen beim Essen. Auf der Ferme sind schon 3 Kameraden. Ein Ostpreuße, Erich, 46 Jahre, ein Brandenburger, 36 Jahre, heißt Willi und war Hauptfeldwebel und ein Schwabe, Christian, 44 Jahre alt. Sie sind schon ¼ Jahr hier und sehen ganz gut aus. Ich glaube es gut getroffen zu haben, fühle mich jedenfalls heute wie im Paradies.

4.8.1945
An Reginas Geburtstag will ich durch eine kleine Eintragung meinen Lieben daheim besonders gedenken. Ich bin nun bald 14 Tage auf der Ferme und halte mich trotz der ungewohnten und anstrengenden Landarbeit schon ganz gut erholt. Fühle mich auch von Tag zu Tag kräftiger und hoffe nun wieder mit gesunden kräftigen Gliedern zur Familie zurück kehren zu dürfen. Wann der Tag der Rückkehr sein wird können wir kaum ahnen. Gott möge bis dahin meiner Familie ein guter Vater sein. Ich will alles versuchen meinen Bauern zufrieden zu stellen, denn es ist ein guter Mensch. An Arbeit verlangt er viel, aber bei einigermaßen kräftiger Kost werde auch ich bald ein vollwertiger Arbeiter sein. Gegen 6 Uhr kommt er uns wecken, dann wird Kleinarbeit verrichtet bis 8 Uhr. Erstes Frühstück. Anschließend aufs Feld. Der Hafer und die Gerste stehen noch draußen. Um 1 Uhr Mittag, 6 Uhr Vesper, 9 Uhr Abendessen. Von 1-3 Uhr ist Freizeit, die zum Schlafen ausgenützt wird. Mit meinen Kameraden verstehe ich mich sehr gut und ich werde von ihnen in jeder Weise unterstützt. Die Tage vergehen dabei so schnell, sind täglich voller Sonnenschein, und ich wollte gern zufrieden sein, hätt ich nur Nachricht von daheim.

4.10.1945
Liebe Gitta, ich sende Dir zu Deinem Geburtstag in Gedanken viele herzliche Grüße. Bin wieder vollkommen auf der Höhe, wiege über 150 Pfund. Bis heute monatlich 3 – 4 Briefe abgeschickt. Von daheim keine Nachricht.

31.12.1945
Dieses Jahr kann ich in 3 Abschnitte aufteilen. 4 Monate als Infanterist ohne Hoffnung und Glauben an den versprochenen Sieg an der Front. Anschließend fast 4 Monate als Gefangener in amerikanischen und französischen Lagern. Danach das letzte Jahresdrittel als Arbeiter auf einer französischen Farm. Was 2/3 des Jahres von mir an Nerven und Kraft forderten, gab mir der letzte Teil des Jahres wieder zurück. Arbeit, frische Luft und gesunde Kost stellten mich wieder her. Dabei verrennt die Zeit zusehends schnell. Man kommt nicht zum Nachdenken und Grübeln. Das ist gut so, denn ich bin noch immer ohne Nachricht von meinen Angehörigen. Vor November schrieben wir monatlich 4 mal, nun darf nur 1 Nachricht im Monat abgeschickt werden und an Angehörige in der russ. Zone gar nicht. Den letzten Brief im Dezember schickte ich daraufhin an Schwiegervater nach Berlin, den vorletzten Brief an meine Mutter. In der Nacht zum 30.12. träumte ich Trauriges. Mutter sprach zu mir von Herta Heim, soll jetzt Wilsnacker Str. 40 wohnen, und ob Kurt im Harz eine Freundin habe, wollte sie von mir wissen. Kümmere dich um Herta und besuche sie mal? Dann war ich bei Herta. Wir saßen am Fenster. Auf einmal wehten die Gardinen ins Zimmer hinein und wieder zurück. Wir sahen uns beide erschrocken und ernst an und eine Stimme sagte uns: "Mutter ist tot." - Ich war den ganzen Tag über nicht zu gebrauchen. Gott gebe es, dass es nur ein Traum war und wir unsere Mutter wiedersehen und noch recht lange haben dürfen. – Weihnachten ist schnell und wenig feierlich an uns vorüber gegangen. Ein Baum stand nett geschmückt in unserer Stube und vom Chef erhielten wir am hl. Abend eine kleine Aufmerksamkeit, die wir dankbar annahmen. Die Christmesse um 24 Uhr verschliefen wir, dafür durften wir am 25. zur Messe nach Nesle de Reponz gehen. Gestern bekam ich vom Chef eine Büchse mit Lausepulver. Ich rieb mich vor dem Schlafengehen damit ein. Heute habe ich an allen Weichteilen Entzündungen und Blasen, kann kaum laufen. Ich muß dabei so komisch wirken, denn der Chef lachte Tränen. Ich aber könnte tatsächlich heulen und werde das neue Jahr im Bett beginnen und krank feiern, - Die Tage verlaufen gleichmäßig schnell. Ich melke die Kühe und versorge die Schweine. Nebenbei bin ich Haus – und Kindermädchen. Fühle mich dabei ganz wohl. Nur Post von daheim fehlt mir. Ein Schachspiel haben wir für unsere Freizeit geschnitzt, und ich habe Sirup gekocht. Ab morgen gibt es wieder nur auf Marken Brot zu kaufen. Da werden wir auch noch Brot backen lernen. 1946 werde ich zu Hause sein. Daran glaube ich: Aufwiedersehen Liebste.
 

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